23.12.2018 - 11:36 Uhr
PfreimdOberpfalz

Plätzchen für die Puppen

Die Brotdose ist mit einem Vorhängeschloss gesichert, doch die Plätzchen sehen nicht anders aus als heute. In der Puppenküche ist die heile Welt gut konserviert. Helga Strehl aus Pfreimd hat viele solcher Welten um sich versammelt.

von Monika Bugl Kontakt Profil

Mit einem Geschenk fing alles an: Von einer Frau aus Mitterteich bekam Helga Strehl vor mehr als 30 Jahren eine Puppe. Nicht irgendeine Puppe, sondern eine, die um die Jahrhundertwende in der thüringischen Porzellanmanufaktur von Ernst Heubach hergestellt wurde. Die Puppe hat Gesellschaft bekommen, ist im Keller des Ehepaars Strehl umlagert von jeder Menge Spielzeug aus der guten alten Zeit.

Mehr als drei Jahrzehnte Sammlertätigkeit liegen hinter Helga Strehl. Jahre, in denen Flohmärkte und Auktionen wichtiger waren als Urlaub. Jetzt ist der Keller voll, das private Museum komplett. Über 50 Kaufläden und Puppenküchen halten jeden Zentimeter der Vitrinenwände besetzt. Unzählige winzige Objekte lassen Besucher staunen über die Detailverliebtheit vergangener Epochen. Da ist der wenige Zentimeter große Herd, in dem man sogar einschüren kann, oder der Kaffee-Röster, der sich wohl maximal mit drei Kaffeebohnen in Betrieb nehmen lässt. Nur die Wärmeflasche in Daumengröße beginnt zu zerbröseln. "Damals gab es noch keine Weichmacher", überlegt die Sammlerin und legt das Teil vorsichtig zurück auf seinen Platz.

Altes Kulturgut bewahren: Mit diesem Ziel hat die 70-Jährige zusammen mit ihrem Mann viel restauriert. Ganz vorsichtig und mit Bedacht hat das Paar beispielsweise unter einem rosafarbenen Anstrich einen eleganten Kaufladen mit Jugendstil-Elementen freigelegt. Werner Strehl hat Kleinteile gedrechselt, winzige Schubladen-Knöpfe ersetzt oder authentische Obstkisten im Miniaturformat gezimmert. Seine Frau hat sie später mit selbst modellierten und bemalten Mini-Früchten gefüllt und ergänzt, was im Lauf von Jahrzehnten verloren gegangen ist. "So etwas ist immer eine Gratwanderung", weiß die Expertin.

Wie ein Virus

Mit dem Virus der Sammelleidenschaft hatte ein befreundetes Ehepaar die Strehls infiziert. "Seit wir euch kennen, haben wir kein Geld mehr", pflegten die Pfreimder dann zu scherzen, wenn es von Flohmarkt zu Flohmarkt ging, "bis nach Buxtehude". "Das waren aber auch wunderschöne Erlebnisse, und wir haben viel gelernt", erzählt Helga Strehl. Im Laufe der Zeit erfuhr sie eine Menge über die Welt im Kleinen, die Abbild der Gesellschaft war: Ein Kaufladen sollte Buben auf ihren Beruf als Händler vorbereiten, eine Puppenküche die Mädchen auf ihre Rolle im Haushalt. Vieles war damals schon so kostbar, dass nur zur Weihnachtszeit damit gespielt werden durfte. Mini-Milchkanne, Küchenherd oder Fußboden verraten einiges über die Entstehungszeit: "Die ältesten Küchen sind mit Kupfer-Geschirr ausgestattet, erst später gab es Emaille-Töpfe", weiß Helga Strehl. Und während in der antiken "Rauchkuchl" naturbelassenes Holz zu finden ist, deuten weiß gestrichene Küchenmöbel auf die 30er Jahre hin, als Hygiene ein Thema war in der bürgerlichen Welt.

Viel von diesem Wissen haben die Strehls in zahlreichen Ausstellungen weitervermittelt, in Waldsassen, Kulmbach, Zirndorf und im Freilandmuseum Neusath-Perschen waren ihre Sammlerstücke schon zu sehen. Aktuell steht eine Mini-Apotheke als Leihgabe in der Altstadt-Apotheke in Pfreimd. In einem Fall konnte Helga Strehl sogar ihre praktischen Fertigkeiten an die Nachwelt weitergeben: Als Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin in der Berufsfachschule Oberviechtach hat sie mit angehenden Kinderpflegerinnen Puppenstuben gebastelt. "Da wurde dann gewebt, tapeziert, gestrickt und gepolstert", erinnert sich die 70-Jährige, die sich damals bei der Vorbereitung selbst mit der Laubsäge ans Schreinern der Mini-Möbel machen musste. "Die Schülerinnen haben anfangs gestöhnt, später war jeder begeistert", berichtet sie. Auch ihr Modell aus eigener Produktion steht nun in einer Reihe mit den Arbeiten aus vergangenen Epochen. Kein einziges möchte Helga Strehl in ihrem kleinen Museum missen, wo sie sich von Schönheit und Vergangenheit umgeben fühlt.

Erbswurst und Griffel

Im übrigen gibt es da auch noch zwei alte Kaufläden in groß, wo Bohnerwachs, Erbswurst, Griffel und Zopfhalter an die Kindheit erinnern. Verbringt man da nicht mehr Zeit im Keller als im Wohnzimmer? "Kann schon sein", überlegt die Sammlerin mit Blick auf ein neues Hobby, das sie im Untergeschoss praktiziert: die Kalligraphie.

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