30.04.2020 - 11:39 Uhr
PfreimdOberpfalz

Rollstuhl schieben, statt Kampfpanzer fahren für Pfreimder Soldaten

Das Panzerbataillon 104 aus Pfreimd ist eine Kampftruppe. Normalerweise muss sie die Panzer des Gegners bezwingen. In der Coronakrise kämpfen die Soldaten nun an ganz anderen Fronten.

Mehr als 30 Soldaten des Panzerbataillons 104 aus Pfreimd helfen im Landkreis Bamberg in Alten- und Pflegeheimen.
von Agentur DPAProfil

Hauptgefreiter Frederik Ickler muss seine Hände vorzeigen. Bei der Kontrolle geht es nicht um geschnittene Fingernägel, sondern um Desinfektion. Eine Schwarzlichtlampe verrät, ob der 20-Jährige das keimtötende Mittel gleichmäßig verschmiert hat. Leuchten seine Hände unter dem Licht weiß, sind sie desinfiziert. "Da siehst du noch ein paar braune Schlaufen", kritisiert Hygienefachkraft Andreas Schnell von der gemeinnützigen Krankenhausgesellschaft des Landkreises Bamberg (GKG).

In einem Saal auf dem Gelände der Bundespolizei in Bamberg drängen sich mehr als 30 Soldaten in Feldanzug. Sie haben einen Nachmittag Zeit, die Hygienevorschriften zu lernen. In den nächsten Wochen sollen sie statt Kampfpanzer vom Typ "Leopard" Rollstühle fahren. Sie unterstützen nicht mehr Rekruten bei ihrer Grundausbildung, sondern Pflegekräfte in Alten- und Pflegeheimen im Landkreis Bamberg.

Zuhören und Spiele machen

"Am Anfang ist das alles ungewohnt", versucht Schnell die Soldaten auf ihren neuen Einsatz vorzubereiten. "Das wird eine ganz andere Tätigkeit für Sie sein." Statt klarer Anweisungen stellen Demenzkranke fünf Mal hintereinander dieselbe Frage. Die Soldaten sollen ihnen zuhören und Brettspiele mit ihnen spielen, Butterbrote schmieren und sie in mundgerechte Stücke schneiden, Handtücher wechseln und Betten beziehen.

In vier Pflegeheimen in Stadt und Landkreis Bamberg haben sich laut Landratsamt Senioren mit dem Coronavirus infiziert - fast 30 Bewohner starben. Auch Pflegerinnen bleiben nicht vor einer Ansteckung verschont. "Du bringst kaum mehr Pflegepersonal her", sagt Landrat Johann Kalb (CSU). Schon im Normalfall sei das schwierig, nun fast unmöglich. Anfang April hat er deshalb Amtshilfe durch die Bundeswehr beantragt.

Die Amtshilfe ist in Artikel 35 Grundgesetz geregelt: Demnach kann ein Land "bei einer Naturkatastrophe oder bei einem besonders schweren Unglücksfall" auch Streitkräfte anfordern. Der Einsatz der Bundeswehr in Deutschland ist also nur im Ausnahmefall möglich. In der Corona-Krise rief die Landesregierung am 16. März den Katastrophenfall für den Freistaat aus. Die Kreise und kreisfreien Städte aktivierten daraufhin ihre Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) - dabei stehen ihnen auch schon Berater der Bundeswehr zur Seite. Wenn sie Unterstützung brauchen, können sie dann einen Antrag auf Amtshilfe beim Bayerischen Innenministerium einreichen.

Die Hygienefachkraft der Gemeinnützigen Krankenhausgesellschaft (GKG) Bamberg, Andreas Schnell, unterweist die neu angekommenen Soldaten in Hygienemaßnahmen in Pflegeeinrichtungen.

Bis zu 2500 Soldaten

Bis Ende April wurden nach Angaben der Bundeswehr in Bayern knapp 140 Anträge auf Amtshilfe gestellt. Etwa 200 Soldaten seien im Freistaat zur Bekämpfung der Corona-Krise im Einsatz. Die Zahl schwanke täglich, erklärt Oberstleutnant Christian Gogolla von der 10. Panzerdivision in Veitshöchheim. Der Division ist die Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" in Cham unterstellt zu der auch das Pfreimder Panzerbataillon 104 gehört. Von dort aus wird der Einsatz der Soldaten in sechs Bundesländern koordiniert - vom Saarland bis Sachsen. 2500 Soldaten wären binnen von 72 Stunden verfügbar.

In ganz Bayern ist die Bundeswehr im Einsatz gegen Corona - von Goldbach bis Freyung, von Kulmbach bis Garmisch-Partenkirchen. Manche Soldaten helfen in Alten- und Pflegeheimen, andere produzieren tonnenweise Desinfektionsmittel oder testen Menschen mit Symptomen auf das Virus.

Fehlen die Soldaten dann nicht an anderer Stelle? "Wir haben jetzt andere Prioritäten", erklärt Gogolla ausweichend. Feldwebel Annika Schulz schüttelt entschieden den Kopf. "Wir haben genug Kräfte in der Kompanie, dass wir das stemmen können." Die 27-Jährige kümmert sich normalerweise um die Beschaffung von Material - "von der Büroklammer bis zum Panzer". Erfahrung in der Pflege habe sie aber nicht. "Ich gebe mein Bestes", versichert sie.

"Pflege kann nicht jeder", betont Georg Sigl-Lehner, Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern. Unerfahrene Soldaten könnten keine Bewohner verlegen, ihre Pflege anordnen oder sie beim Sterben begleiten. Doch es gebe genug andere Aufgaben wie Transporte, Aufräumen oder das Zubereiten von Mahlzeiten. Edith Dürr, Vorstandsvorsitzende der Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK), sieht den Einsatz von Soldaten kritisch. Die Versorgungslücken im Gesundheitssystem seien durch freiwillige Helfer "weder kurz- noch mittel- bis langfristig kompensierbar". Es sei auch nicht auszuschließen, dass bei älteren Bewohnern durch den Einsatz von Soldaten Erinnerungen an traumatische Kriegserlebnisse hochkämen.

Doch die Soldaten tauschen ihre Uniform gegen Schutzkittel für die Pflege. Hygienefachkraft Andreas Schnell zeigt ihnen, wie sie hineinschlüpfen sollen. "Sie sehen schon: Die Schutzkleidung ist auf zierliche Pflegerinnen ausgerichtet und nicht auf kräftige Männerarme." Auch bei den Handschuhen könnte es schwierig werden: "Greift gleich zu Größe L oder XL. In alles andere kommt ihr nicht rein." "Schutzhandschuhe richtig ausziehen" hießt die Lektion. Bei der Hygieneeinweisung ging es aber auch um Bettpfannen und Urinflaschen. Die Soldaten verziehen keine Miene, sie sind hochkonzentriert.

Ein Soldat kontrolliert mit Hilfe von UV-Licht die korrekte Händedesinfizierung.

Sanitäter helfen

Kümmersbruck

Kameraden in Quarantäne

Die Soldaten müssen kurzfristig für ihre Kameraden einspringen, die gerade in Quarantäne sind. Schon seit Mitte April war die Bundeswehr in den Alten- und Pflegeheimen im Landkreis Bamberg im Einsatz - bis sich einer der Soldaten mit dem Coronavirus infizierte. Weil sie Tür an Tür wohnen, müssen alle sicherheitshalber isoliert werden. Ob der Soldat sich im Altenheim angesteckt hat, ist unklar. Fest steht nur: Vor ihrem Einsatz wurden und werden alle getestet.

Fürchten die Soldaten, sich anzustecken? "Ich hab gar keine Angst", versichert Annika Schulz. "Ich bin ein kerngesunder Mensch." Frederik Ickler zögert für einen Moment. "Sorge...mehr oder weniger", meint der 20-Jährige schließlich. "Ich habe eher die Sorge, dass ich selbst keine Symptome zeige und Bewohner oder Pflegepersonal anstecke." Bis zum 15. Mai sollen die Soldaten in den oberfränkischen Heimen mitanpacken - wenn alles gut geht.

Hintergrund:

Bundeswehr und Corona-Pandemie

Insgesamt sind in Deutschland 15 000 Soldaten unter dem Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Bereitschaft gestellt worden. Die Bundeswehr ist seit Auftreten des Coronavirus im chinesischen Wuhan eng in verschiedene Maßnahmen der Bundesregierung eingebunden. Dies reicht von der Vorsorge in der Bundeswehr über den Nachweis des Erregers bei Verdachtsfällen bis zur Amtshilfe mit der Bereitstellung von Unterbringungsmöglichkeiten. In der Oberpfalz unterstützt die Bundeswehr unter anderem durch den Einsatz von Personal, mit Material und stellt Infrastruktur bereit.

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