05.04.2019 - 18:42 Uhr
PfreimdOberpfalz

Viel Herz und wenig Worte

Pflegenotstand in Deutschland und hohe Arbeitslosigkeit in Spanien: Beim „Speed-Dating“ trafen Arbeitgeber auf Interessierte an einer Ausbildung. Betty, Domingo und Geovanna sind vor zwei Monaten in der Oberpfalz angekommen.

Geovanna Sanchez (Mitte) geht mit zwei Bewohnern vom „Haus Jägerhof“ in Schönsee spazieren. Einrichtungsleiter Christian Hien und Fachdienst Anja Portner freuen sich über die neue Mitarbeiterin.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Im Pflegebereich fehlen in Deutschland zunehmend Fachkräfte. Die Agentur für Arbeit Schwandorf testet deshalb einen neuen Weg, um an qualifiziertes Personal zu kommen. Zum zweiten Mal fand im Herbst 2018 ein "Speed-Dating" statt. Sieben Frauen und Männer aus Spanien, von 23 bis 45 Jahren und mit Pflegeerfahrung, trafen auf Einladung des Internationalen Personalservice Bayern der Bundesagentur für Arbeit (IPS) auf die Chefs von fünf Pflegeeinrichtungen als mögliche künftige Arbeitgeber.

Chance für neues Leben

Darunter war auch Christian Hien vom "Haus Jägerhof" der Dr. Loew Soziale Dienstleistungen. Die Arbeitsagentur stellte Räume und Dolmetscher zur Verfügung, und wie es beim "Speed-Dating" üblich ist, wurden nach den bereits vertieften Einstellungsgesprächen von beiden Partnern die Favoriten auf einem Zettel angekreuzt. Am Nachmittag folgte die Auswertung. "Es hat sehr gut geklappt", freut sich Hien. Geovanna Sanchez (42) schaute sich am nächsten Tag den "Jägerhof" in Schönsee an und sagte zu. Wieder zu Hause musste sie einen Sprachkurs besuchen, finanziert über ein europaweites Qualifizierungsprojekt für Interessierte an einem Ausbildungsplatz im Ausland. Besonders Spanier nutzen diese Chance auf ein Leben in Deutschland. In der Heimat fehlt vielen eine Perspektive. Denn auch wenn sie einen Job finden, leben können sie davon meist nicht.

Mit dem Winter kam dann auch die Unsicherheit. "Aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse war es schwierig, Kontakt zu halten", berichtet Christian Hien. "Es war unklar, ob Geovanna überhaupt kommt." Ein paar Tage später als angekündigt traf sie dann spätabends am Bahnhof in Schwandorf ein: Mit zwei Koffern und wenig Deutschkenntnissen. Das trifft allerdings für alle Bewerber zu, die sich beim Intensiv-Sprachkurs in der Kreisstadt treffen. Sie müssen im Juli die Prüfung bestehen, um im September mit der dreijährigen Altenpfleger-Ausbildung beginnen können. Bis dahin haben sie einen Arbeitsvertrag als Hilfskraft unterschrieben. Bis zum Sommer wechseln sich Arbeit und Sprachkurs wöchentlich ab. Derzeit läuft die Kommunikation allerdings noch überwiegend mittels "Google-Übersetzer" per Handy.

"Ein mutiger Schritt", lobt Christian Hien. Er ist froh darüber, dass sich die Spanierin schon gut ins Team integriert hat. "Chef und Kollegen haben mir sehr geholfen. Alle sind wie eine Familie für mich", lässt diese vom Handy ablesen und strahlt dabei Anja Portner an. Diese steht zur Seite, wenn kleine Probleme auftauchen. "Geovanna bringt viel Herzlichkeit und Intuition mit. Sie ist eine Bereicherung für unser Haus", lobt Portner. Sie spricht aber auch den immensen Organisationsaufwand an und das Engagement der Kolleginnen bei der Einarbeitung auf der Gruppe. "Die Wohnungssuche war kompliziert. Und auch bei den Behördengängen sind unsere Mitarbeiter gefordert", bemerkt Hien. Die Kosten für Flug, Umzug und Busfahrt zum Kurs werden über European Employment Services (Eures), einem Netzwerk für innereuropäische Mobilität im Bereich des Arbeitsmarktes gefördert. Geovanna büffelt fleißig Vokabeln und ist sehr motiviert. Neben der Mithilfe bei der Pflege darf sie Spaziergänge mit den Bewohnern schon alleine unternehmen. "Hier habe ich jetzt ein wirtschaftliches Einkommen. Ich bin glücklich, eine Arbeit zu haben", lässt sie übersetzen. Bei der Frage nach Heimweh winkt sie gleich ab und auch die mediterrane Wärme vermisse sie nicht. "Hier ist Sonne", meint sie, und ihr Blick wandert vom Himmel zu den Menschen um sie herum.

Geschäftsführer Johann Troidl (links) und Personalleiterin Martina Kurz (rechts) haben sich beim „Speed Dating“ für Betty und Domingo entschieden. Der Führerschein ist für den ambulanten Krankenpflegedienst wichtig.

Weißwurst statt Tortilla

Auch Betty (44) und Domingo (38) sind in der Oberpfalz angekommen und freuen sich auf ihren Neustart im fremden Land mit fremder Sprache. Sie sind nach dem "Speed Dating" bei der Ambulanten Intensivpflege in Pfreimd gelandet. Betty hat eine Tochter (10) in Madrid zurückgelassen, die sie später gerne nachholen möchte. Auch sie verständigt sich noch viel mit Mimik, Händen und Handy. "Es läuft von Tag zu Tag besser ", betont Personalleiterin Martina Kurz. Anders als das Sprechen und Schreiben klappe das Verstehen schon recht gut. "Und sie bringen Schwung mit", meint Kurz anerkennend. Während Betty viele Jahre in der Pflege tätig war, kann Kellner Domingo nur von Erfahrungen innerhalb der Familie berichten. Er wird deshalb zunächst mit einer Ausbildung als Pflegefachhelfer starten. Wichtig sei es Chef Johann Troidl gewesen, dass die beiden einen Führerschein besitzen. "Das Glatteis im Februar war eine Herausforderung", meint Kurz lachend. Die beiden haben ihren ersten Schneemann gebaut und statt Tortilla gibt es jetzt in der WG mit einer deutschen Kollegin Weißwurst mit Brezel und Schnitzel mit Kartoffelsalat. "Sehr gut", lobt Domingo und hebt den Daumen. Die Sprache ist die größte Barriere für ein Gelingen des Projekts. Mit den neuen Kollegen und den Patienten haben die offenen und warmherzigen Spanier keine Berührungsängste.

Hier habe ich jetzt ein wirtschaftliches Einkommen. Ich bin glücklich, eine Arbeit zu haben.

Geovanna Sanchez

Offene Stellen in der Pflege:

Fachkräftesicherung

„Eine ausgebildete Pflegekraft wird nicht arbeitslos“, berichtet Bernhard Lang von der Agentur für Arbeit Schwandorf. Umso schwieriger gestaltet sich die Suche, wenn Lücken in der Personaldecke aufgefüllt werden müssen. „Wir wollen Leuten, die bereits mit der Pflege zu tun hatten, eine Perspektive mit einer Ausbildung in Deutschland bieten“, erklärt er. Außerdem wolle man Erfahrungen sammeln. Wie Lang berichtet, seien Bewerber vom ersten „Speed Dating“ in der Ausbildung, zwei wiederholen den Sprachkurs und starten mit der zweiten Runde. Und einige hätten den Sprung nicht geschafft und seien wieder zurück in ihr Heimatland. Der Geschäftsführer für den operativen Bereich appelliert an die Betriebe, eine Willkommenskultur zu leben. Sie erhalten für ihren Aufwand einen Lohnkostenzuschuss. Der Intensiv-Sprachkurs wird im Programm WeGebAU (Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter Älterer in Unternehmen) sowie im neuen Qualifizierungschancen-Gesetz bezuschusst.

Die Arbeitsagentur fördere aber auch deutsche Arbeitnehmer, die in der Pflege arbeiten wollen. „Häufig kommen Frauen mit der Pflege in Kontakt und könnten sich dies beruflich vorstellen“, sagt Lang.

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