09.06.2020 - 14:36 Uhr
PirkOberpfalz

Fronleichnam als fromme Modenschau

Die Corona-Pandemie verhindert, dass es dieses Jahr an Fronleichnam festlich zugeht. Selbst die Nazis wagten es nicht, die Prozession zu verbieten, erließen jedoch etliche Auflagen. Damit kennt sich ein Rothenstädter besonders gut aus.

Altar in Pirk in den 1950er Jahren vor dem damaligen Pfarrhof mit gestreuten „Schlemma“.
von Redaktion ONETZ Kontakt Profil

Der Rothenstädter Heimatforscher Georg Kick nennt in seiner Ortschronik als Beispiele für Repressalien der Nationalsozialisten das Verbot der gelb-weißen Kirchenfarben in Fahnen oder Girlanden und der amtlichen Teilnahme von Beamten. Zeitzeugen berichteten ihm, dass junge Männer nach der Teilnahme an der Prozession „alsbald zum Wehrdienst einberufen“ wurden, so auch der 16-jährige Rothenstädter Ludwig Wild, der bei der Prozession 1944 eine Laterne trug, eingezogen und im April 1945 in Berlin erschossen wurde.

Fronleichnam, wörtlich „Leib Christi“, erinnert an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Die Anregung zur Schaffung des Festes geht auf eine Vision der heiligen Juliana von Lüttich, einer Augustinernonne, im Jahr 1209 zurück, in der ihr Christus erklärt haben soll, dass im Kirchenkalender noch ein Fest zur Verehrung des Altarsakraments fehle. Erstmals wurde es 1246 gefeiert und 1264 durch Papst Urban IV. zum Hochfest der Gesamtkirche erhoben, wobei das eucharistische „Blutwunder von Bolsena“ den entscheidenden Anstoß dazu gab. Die erste Fronleichnamsprozession in Bayern fand 1273 in Benediktbeuren an.

In einer Zeit, in der die alten Bräuche seltener werden, erinnern sich viele Menschen gerne an die prunkvollen Fronleichnamsfeste vergangener Jahrzehnte als Höhepunkte des Kirchenjahres und des eigenen Lebens. „Die Damenwelt“, so erzählt Gerlinde Hilburger aus Pirk, „zeigte sich in der neuesten Mode. Den in Anzug, weißem Hemd und Krawatte gekleideten Männern, die vor der Kirchentür Aufstellung genommen hatten, kam schon mal ein anerkennender leiser Pfiff oder ein Augenzwinkern aus, wenn so eine Dorfschönheit an ihnen vorbei der Kirche zustrebte. So manches spätere Eheleben könnte so seinen Anfang genommen haben.“

Höhepunkt ist heute noch die Prozession. Der Weg wird von jungen Birkenbäumchen gesäumt. Die Anlieger schmücken die Fenster mit Fichtengirlanden, weiß-gelben Fähnchen, roten Tüchern sowie Heiligenbildern und -statuen. Schon am frühen Morgen haben sie den Weg mit Gras und Blumen, vor allem mit „Schlemma“ bestreut: mit verschiedenen Schilfarten wie Rohrkolben und Kalmus, die in Pirk oder Rothenstadt mit dem Handwägelchen vom Naabufer, aus dem Sumpfgebiet Bonau oder von Weihern geholt wurden.

Da Gott selbst in der Hostie gegenwärtig ist, sollte der Fuß des Priesters, der die Monstranz trägt, nicht den Boden berühren müssen. An vier im Freien aufgebauten Altären, ausgerichtet in die Himmelsrichtungen, wird das Evangelium verkündet, werden Fürbitten gesprochen und der Segen erteilt. Vor jedem der Altäre liegt ein schon in aller Früh aufwendig gefertigter, aus Hunderten Blütenblättern und grünen Fichtenzweiglein bestehender Blumenteppich mit christlichen Motiven. Nach dem abschließenden Te Deum werden die Birken am Altar gerupft und aus den Ästchen kleine Kränze gewunden, die man zum Schutz im Haus aufhängt.

Der Altar in Rothenstadt mit Blumenteppich, Birkenbäumchen und Girlandenschmuck Ende der 1930er Jahre.
Die letzte Fronleichnamsprozession von Pfarrer Reitter Mitte der 1970er Jahre in Rothenstadt.
Der Blumenteppich vor einem der vier Altäre in Rothenstadt in den 1960er Jahren.
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