08.04.2020 - 11:47 Uhr
PirkOberpfalz

Warum die Glocken nach Rom fliegen

Wurde eines Ihrer Familienmitglieder am Palmsonntag scherzhaft zum "Palmesel" gekürt, weil es als letzter aufstand? Dann halten Sie an einem der Bräuche fest, die es gerade in der Karwoche und an den Ostertagen noch häufig gibt.

In vielen Orten legen die Gläubigen an Karfreitag Blumen zu Füßen des Gekreuzigten ab, auch an Wegkreuzen wie auf diesem Bild bei Pirk.
von Redaktion ONETZProfil

Allerdings sind viele auch verlorengegangen. Und etliche können heuer aufgrund der Coronakrise überhaupt nicht oder nur eingeschränkt gepflegt werden. Am Gründonnerstag kommt traditionell Grünes auf den Tisch: eine Suppe mit den ersten frischen Kräutern oder Spinat. Die an diesem Tag gelegten Hühnereier, die Odlasoia (Antlasseier), galten als besonders segensreich. Der Name stammt von einem Vorgang im Mittelalter, bei dem die mit Kirchenbuße belegten Sünder bis zum Tag der Einsetzung des Abendmahls vor der Kirche verharren mussten, um wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Diese Eier wurden für die Speisenweihe in der Osternacht hergenommen. Manche Bäuerin trug vorsorglich am Mittwoch vor Ostern keine Eier aus dem Nest ab, damit sie in ausreichender Zahl "Antlasseier" für alle in der Familie hatte.

Der Karfreitag ist im Gedenken an die Kreuzigung Christi eine stille Zeit. Vom Gloria am Gründonnerstag bis zu jenem in der Osternacht schweigen die Glocken. "Sie sind nach Rom geflogen", sagt der Volksmund. Daher ersetzen in manchen Orten an diesen drei Tagen die Ministranten mit ihren knarrenden Holzratschen das Glockengeläut: zum Engel des Herrn in der Früh, Mittag und am Abend, vor den Gottesdiensten und auch, um von Haus zu Haus ziehend, Eier und Geldspenden zu sammeln. Das, so erzählt Hans Lindner, Senioren-Landwirt aus Enzenrieth, wurden abends unter den wenigen Ministranten aufgeteilt. Dieser Brauch muss ebenfalls heuer entfallen. Seit einigen Jahren ist es gute Tradition, während der Karfreitagsliturgie bunte Schnittblumen zu Füßen des Gekreuzigten abzulegen, um ihn zu verehren, diesmal schon vorher.

Lange vor den Ostertagen werden Sträucher mit bunten Eiern behängt. Vor Ostern werden in den Familien die "Räidl-Oia" gefärbt. Der Name kommt von der erdenen Rötelfarbe in Erinnerung an das vergossene Blut des Heilands. Früher war das ein aufwändiges Verfahren mit ungiftigen Naturfarben: Roter-Beete-Saft, Spinat, Zwiebelschalen oder getrocknete Kamille sorgten für die Farbtöne. Fast überall, nur heuer nicht, gibt es sonst in den Orten Osterbrunnen, ein Brauch, der aus der früher wasserarmen Fränkischen Schweiz stammt. Fast jeder Ort schmückt wegen des kostbaren Wassers seinen Brunnen mit Girlanden und Hunderten, manchmal auch über tausend Eiern. Das muss dieses Jahr wegen der Coronapandemie unterbleiben.

Gestickte Kreuzwegstation in Grafenwöhr.
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