Pirk
08.10.2018 - 17:26 Uhr

Wie wählen blinde Menschen?

In nicht einmal mehr einer Woche ist Landtagswahl. Für die meisten Menschen ist so eine Wahl eine schnelle Sache. Ab ins Wahllokal Kreuzchen setzen und wieder raus. Für blinde Menschen ist es hingegen schwieriger.

Barbara Reil sitzt an ihrem Computer. Das Gerät hilft ihr zum Beispiel beim Zeitunglesen. Bild: ehi
Barbara Reil sitzt an ihrem Computer. Das Gerät hilft ihr zum Beispiel beim Zeitunglesen.

80 000 blinde oder sehbehinderte Menschen leben laut Bayerischem Blinden- und Sehbehinderternbund (BBSB) in Bayern. Viele von ihnen möchten am 14. Oktober einen neuen Landtag beziehungsweise Bezirkstag wählen. Das ist für die Betroffenen jedoch nicht leicht.

Bei der Bundestagswahl 2017 ermöglichten spezielle Schablonen, Blinden selbstständiges Wählen. Dies geht diesmal aber nicht. "Ursache ist das spezielle bayerische Wahlsystem mit für die Landtags- und Bezirkswahl jeweils zwei, insgesamt also vier Stimmzetteln", erklärt Bayerns Stellvertretender Landeswahlleiter, Werner Kreuzholz. Dadurch gebe es bei 91 Stimmkreisen 364 unterschiedliche Stimmzettel. Und für jede Version wäre eine Schablone mit Blindenschrift nötig. "Besonders problematisch ist der sehr große Stimmzettel für die Zweitstimme", fährt Kreuzholz fort. Ins Oberbayern sei der 106 mal 64 Zentimeter groß und beinhalte rund 600 Bewerber.

Wer nichts sehen kann, braucht also Hilfe. So auch Barbara Reil aus Pirk. "Ich wähle per Briefwahl und mit Hilfe einer Person meines Vertrauens", erzählt die 59-Jährige. Sie ist von Geburt an blind. Für Reil würde auch eine Wahlschablone nichts ändern. "Die Schablone muss ganz genau angelegt werden, sonst kann es sein, dass das Kreuz nicht an der richtigen Stelle und der Wahlschein sogar ungültig ist", sagt Reil. Zudem könne sie auch nicht überprüfen, ob der Stift wirklich funktioniert. "Also brauche ich sowieso jemanden zur Kontrolle. Dann kann ich gleich mit Hilfe einer anderen Person wählen." Ein Problem damit hat sie nicht. "Ich muss mich in vielen Situationen auf andere verlassen. Wenn ich Kleidung kaufe, muss mir zum Beispiel auch jemand sagen, ob mir das steht."

Früher sei sie mit ihren Eltern ins Wahllokal gegangen und habe sich mit ihrer Mutter eine Kabine geteilt. "Meine Mutter hat das Kreuz gemacht und ich hab die Zettel gefaltet." Unwohl, weil andere mithören konnten, was die beiden Frauen redeten, habe sich Reil dabei nie gefühlt. "In dem Wahllokal war es sowieso sehr laut." Außerdem habe es auch nicht soviel zu reden gegeben. "Wir haben uns ja schon vorher darüber unterhalten." Trotzdem wählt Reil mittlerweile lieber von daheim aus. "Das ist gemütlicher."

Aber nicht nur das Wählen ist für blinde Menschen umständlicher - auch das Informieren vorher. "Bei der Bundestagswahl haben wir vom BBSB eine CD mit Informationen zu den Parteien bekommen", erzählt sie. Bei der Landtagswahl sei das nicht der Fall. Die Wahlleitung habe aber versucht, Stimmzettel und Bekanntmachungen über die zugelassenen Wahlkreisvorschläge im Internet zu veröffentlichen, sagt Kreuzholz. Dies habe zum Teil schon für diese Wahl geklappt.

Barbara Reil nutzt derweil ganz verschiedene Wege, um sich zu informieren. Sie hört Radio und Fernsehen oder recherchiert im Internet. "Für die Lokalpolitik lasse ich mir die Berichte aus der Zeitung vorlesen." Und zudem werde sich natürlich in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis unterhalten.

Den Gedanken, nicht zur Wahl zu gehen, nur weil es umständlicher ist, hatte sie nie. "Mir ist klar, dass man nicht alles komplett barrierefrei machen kann", sagt sie. Wenn jemand blind ist, könne man das eben nicht zu 100 Prozent kompensieren. Kreuzholz betont aber: "Wir stehen im Kontakt mit dem BBSB und mit der Behindertenbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, um für künftige Wahlen weitere Verbesserungen für blinde oder sehbehinderte Stimmberechtigte zu erreichen." Reil ist Verbesserungen gegenüber offen. Sollte es zum Beispiel die Möglichkeit geben, seine Stimme über das Internet abzugeben, wäre das etwas, worüber die Pirkerin nachdenken würde. "Doch, das würde ich schon machen, denke ich", sagt sie nach kurzem Überlegen.

 
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