08.07.2019 - 19:26 Uhr
PirkOberpfalz

Wohnsitz Pirk - Arbeitsplatz Bor

Der Wissenschaftstag der Metropolregion Nürnberg befasst sich auch mit der Zusammenarbeit von Bayern und Böhmen. Gut beurteilen kann dies jemand, der seit 13 Jahren täglich von Pirk ins tschechische Bor pendelt.

Der Wissenschaftstag der Metropolregion Nürnberg befasst sich auch mit der Zusammenarbeit von Bayern und Böhmen.
von Siegfried BühnerProfil

Die Biographie kann kaum internationaler sein. Studium im Dreiländereck Sachsen, Polen und Tschechien, achtzehnmonatiger Auslandsaufenthalt in Polen, jetzt Wohnsitz in Pirk bei Weiden und beschäftigt seit 13 Jahren im böhmischen Bor. Diese Biographie kennzeichnet Michael Kuhn, Logistik-Leiter von Technické pruziny SCHERDEL s.r.o., einem Unternehmen das zur Scherdel Gruppe mit der Unternehmenszentrale in Marktredwitz zählt. Knapp 500 Mitarbeiter zählt das Werk in Bor, in dem hauptsächlich technische Metallfedern verschiedenster Art vor allem für die Automobilindustrie produziert werden. Wenn Kuhn nicht gerade auf Auslandsreise ist, wie derzeit in China, pendelt der 38-Jährige täglich über die Grenze nach Bor und kehrt am Abend zur Familie mit drei Kindern zurück.

Kurz vor dem Start nach China sprach unsere Redaktion mit dem Scherdel-Manager und fragte nach seinen Erfahrungen auf seinem Arbeitsplatz jenseits der deutsch-tschechischen Grenze. „Ausgangssituation ist, dass in Tschechien die Produktivität im Durchschnitt deutlich niedriger als in Deutschland ist“, stellt Kuhn generell fest. Einen Marshall-Plan wie in Deutschland nach dem letzten Krieg habe es in Tschechien nicht gegeben. Es gebe zwar auch dort einen Trend zur Automation und die Wertschöpfung habe sich verbessert, doch das tschechische Bildungssystem sei nach wie vor ein großer Hemmschuh.

Panelleiter OTH-Professor Andreas P. Weiß und Marian Mure von der Geschäftsführung des Kompetenzzentrums Mittel- und Osteuropa

Führungszirkel aus Deutschland

Da nur der enge Führungskreis bei Scherdel in Bor aus Deutschland kommt, ist das Werk auf fachlich versierte Arbeitnehmer in der Produktion angewiesen. Viele verschiedene Nationalitäten arbeiten im Werk in Bor - und 20 bis 30 Prozent der Arbeitnehmer kommen aus der Leiharbeit. „Das Defizit gegenüber der dualen Ausbildung in Deutschland muss der tschechische Staat unbedingt angehen“ fordert Kuhn. Schwierigkeiten bereitet auch, dass die Mobilität qualifizierter Arbeitnehmer in Tschechien sehr hoch sei, die es entweder ins Ausland oder in die tschechischen Großstädte zieht.

Der Grundsatz „perfekt geplant, genial improvisiert“ kennzeichne die Unterschiede zwischen der deutschen und der tschechischen Herangehensweise an Herausforderungen im Berufsalltag. Gefragt nach seiner Akzeptanz als Führungskraft aus Deutschland antwortet Kuhn „die Sprache hat mir geholfen, ich kann problemlos zwischen den Sprachen wechseln“. So sei er bei Scherdel zu einer Art „Verbindungsfigur“ zwischen Tschechien und Deutschland geworden.

Tschechische Lehrer nach Deutschland

Das generelle Thema des Zusammenwachsens zwischen Böhmen und Bayern beurteilt Kuhn hinsichtlich des aktuellen Stands mit gewisser Skepsis. „Der breiten Bevölkerung muss dies noch näher gebracht werden“ sagt er. Trotz vieler kultureller Gemeinsamkeiten gelte „das Regionalbewusstsein hört an der Grenze auf“. Dies gelte auch stark für die Verkehrsinfrastruktur. Auch würden Tendenzen der Rückkehr zum Nationalstaat dies erschweren. Gebraucht würde mehr Akzeptanz voneinander wechselseitig zu lernen und weniger die Erwartungshaltung „der Nachbar muss Deutsch sprechen“. In Anbetracht der stagnierenden Teilnehmerzahlen bei Sprachkursen in Tschechisch fragt Kuhn „Warum holen wir nicht tschechische Lehrer nach Deutschland, um mehr Tschechisch-Unterricht in den Schulen anzubieten und schicken deutsche Lehrer nach Tschechien, um Deutsch zu unterrichten?“

Ost-West Pendler Michael Kuhn im heimatlichen Pirk
Hintergrund:

Deutsch-tschechische Beziehungen beim Wissenschaftstag

Fragen deutsch-tschechischer Beziehungen und auch Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit anderen osteuropäische Länder werden ausführlich am Wissenschaftstag im Panel „Gateway Mittel- und Osteuropa“ diskutiert. Mit dabei sind Vertreter namhafter Unternehmen mit Erfahrung im Ost-Westhandel und auch Dita Hommerová, Prorektorin der Westböhmischen Universität Pilsen. Die Panelleitung obliegt dem OTH-Osteuropabeauftragten Professor Andreas P. Weiß und Marian Mure aus der Geschäftsführung des Kompetenzzentrums Mittel- und Osteuropa. Geradezu ins Schwärmen kommt Professor Weiß über den Stand der Ost-West-Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bereich und benennt zahlreiche Beispiele als „Superkooperationen“. Am Wissenschaftstag am 19. Juli wird er es näher begründen.

Aktuell und Wissenswert

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