26.10.2020 - 13:04 Uhr
PleysteinOberpfalz

Pflege in Zeiten von Corona: Lebensqualität vor Quantität

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Sie sind ein Segen für alte und kranke Menschen. Wie wichtig die Arbeit von Pflegekräften ist, wird in der Coronapandemie deutlich. Oberpfalz-Medien sprach mit einer Frau, die weiß, wie viel Herzblut in dem Beruf gefordert wird.

Wie glücklich sind Senioren, wenn sie in ihrem Alltag auch mal an die frische Luft können und gemeinsam aktiv sind.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Die Helden des Lockdowns wurden jeden Abend von Tausenden Menschen mit Beifall bedacht. Cornelia Völkl gehört zu der Berufsgruppe, die auch in Zeiten von Kontaktverbot und anderer Beschränkungen weiter ihren Job erledigte. Die Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes und Tagespflege "Herbstsonne" in Pleystein läuft noch immer im Krisenmodus. So richtig durchschnaufen konnte sie und ihre Mitarbeiter zwischen der ersten und zweiten Welle der Pandemie nicht.

Die 52-jährige Pleysteinerin, deren beruflicher Weg vor zwölf Jahren mit der Gründung eines ambulanten Pflegedienstes und der Tagespflege in die Selbstständigkeit mündete, hat nicht viel Zeit, die anstrengende Phase wirklich zu analysieren oder zu verarbeiten. Sie zeigt auf zahlreiche Aktenordner. Man könne sich dadurch ungefähr vorstellen, wie enorm allein der Verwaltungsaufwand war. "Wir hatten anfangs keinerlei Infos oder Unterstützung. Wir wussten an einem Tag nicht, wie es am nächsten Tag mit der Tagespflege weitergehen wird", erinnert sich Völkl. Angehörige riefen an, ob die Pflege ihrer Mütter, Väter oder Großeltern auch während des Lockdowns sichergestellt sei. Traurig sei die Tatsache, dass sie auch von Patienten oder Angehörigen angerufen worden sei, die gar nicht zu ihren Kunden zählten. "Manche Pflegedienste kamen von heute auf morgen wochenlang einfach nicht mehr zu den Patienten. Die Leute fragten dann uns, ob wir kommen könnten", berichtet die Geschäftsführerin. "Diese Patienten zählen bis heute noch zu unseren Kunden."

Notbetreuung sicherstellen

"In der Tagespflege habe ich es für mich dann so geregelt, dass ich eine Notbetreuung für die Tagesgäste unbedingt sicherstellen wollte, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, ob das dann auch bezahlt wird." Man könne von den Angehörigen nicht verlangen, dass sie die Pflege selber übernehmen. Als Völkl den Betrieb ihrer Tagespflege ab März wegen der Ausgangsbeschränkung einstellen musste, gingen diese Kräfte direkt in die häusliche Betreuungspflege über.

"Wir haben zu keiner Zeit Kurzarbeit für unsere Pflegekräfte angemeldet", versichert die 52-Jährige. Andere Einrichtungen, die diesen Weg der Kurzarbeit gegangen seien, würden nun dafür sogar noch belohnt: "Während diese Betriebe nun staatliche Zuwendungen erhalten wie zum Beispiel die Ausbildungsprämie, kann ich diese Mittel nicht beantragen, weil wir keine Kurzarbeit hatten." Völkl ist damit nicht einverstanden: "Wir sind doch nicht mit der Gastronomie zu vergleichen. Die Pflegebetriebe, die 150 Prozent gaben und den Laden am Laufen gehalten haben, müssten belohnt werden und nicht nur diejenigen, die keine Leistungen mehr erbracht haben." Wenn Patienten von sich aus absagen, sei dies ein anderer Fall. Aber als Dienstleister könne man sich nicht einfach verabschieden.

Völkl spricht ein weiteres Problem an: Ihre drei Auszubildenden dürfen nach den mehrwöchigen Schulphasen ohne negativen Coronatest 14 Tage lang keinen direkten Patientenkontakt haben. "Die jungen Leute müssen die Patienten, ihre Bedürfnisse und Eigenheiten doch erst mal kennenlernen. Sie brauchen die Nähe zum Patienten, um lernen zu können." Die Konsequenz: "Entweder sie machen einen Test, oder sie müssen für 14 Tage freigestellt werden. Das sind echte Einschränkungen, die sie auf sich nehmen müssen."

Herbstsonne feierte Jubiläum

Pleystein

Größtmögliche Mobilität

Trotz aller Bemühungen, sämtliche Patienten der Tagespflege auch zu Hause gut zu betreuen, fiel der erfahrenen Pflegeexpertin auf, dass sich sehr viele Tagesgäste nach dem Lockdown in keinem guten psychischen Zustand befanden. "Man kann sich vorstellen, wie schlimm es für Menschen ist, immer nur in den selben vier Wänden zu sein. Auch die Angehörigen waren am Ende ihrer Kräfte", beschreibt Völkl die Situation. Grundsätzlich gehe es in der Pflege um Lebensqualität - nicht um Quantität. Auch die Angehörigen würden sich fragen: "Soll ich meinen 90-jährigen Vater wirklich einsperren? Was hat er dann davon, wenn er noch drei Jahre lebt?"

Völkls Berufsphilosophie klingt einfach: "Man muss jedem Menschen, egal wie eingeschränkt er auch ist, die größtmögliche Mobilität bieten." Ein kleiner Rest an Alltag tue den alten Menschen enorm gut. Wann immer es geht, fahren die Pflegekräfte mit Elektrocaddys mit den Patienten hinaus in die Natur. "Sie treffen auf andere Leute, knüpfen Kontakte oder genießen einfach einen schönen Ausblick. Das sind dann die Momente, in denen ich weiß, dass sich all die Mühe doch lohnt", erklärt die 52-Jährige.

Man muss jedem Menschen, egal wie eingeschränkt er auch ist, die größtmögliche Mobilität bieten.

Cornelia Völkl

Wachsende Anerkennung

Natürlich tue es gut, wenn die Pflegekräfte merken, dass die Anerkennung innerhalb der Gesellschaft wächst. Der Pflegeberuf müsse jedoch attraktiver werden. Gerade in Zeiten einer Pandemie sei dies eine Herausforderung, zumal das Kernproblem, eine besserer Vergütung, bislang noch nicht zufriedenstellend gelöst worden sei. Völkl spricht sich gegen eine bloße Erhöhung der Löhne aus: "Das wird doch dann wieder nur auf die Patienten umgelegt. Die Pflegesätze sind von den Kassen ja vorgegeben." Sie habe einen anderen Lösungsansatz: "Warum die Leute in diesen Berufsgruppen nicht steuerlich entlasten?" Damit wäre allen Beteiligten geholfen und die Kostenspirale würde sich nicht weiter drehen, vermutet Völkl. Nach Jahrzehnten im Pflegeberuf würde sie das System auch hinsichtlich der Leistungen umkrempeln: "Die Spanne innerhalb der Pflegegrade ist einfach zu groß. Eine gerechte Versorgung wird es erst geben, wenn ich den Leuten die Leistungen gebe, die sie brauchen, und diese Leistungen müssten dann eben bezahlt werden."

Mittlerweile rollt die zweite Coronawelle durch den Landkreis. Cornelia Völkl hat ihren Betrieb dafür so gut wie möglich gewappnet, stellt aber fest, dass es dem Staat offenbar nicht gelungen ist, ausreichend Vorkehrungen zu treffen und aus der Situation zu lernen: "Es ist schon traurig, aber es sind schon wieder zu wenig Einmal-Handschuhe auf dem Markt, die Preise sind horrend." Völkl vermutet, dass der Verbrauch auch in den Privathaushalten gestiegen ist. Der Tipp der Pflegeexpertin: "Man braucht beim Einkaufen keine Handschuhe zu tragen, wenn man sich danach einfach die Hände gründlich mit Seife wäscht."

Cornelia Völkl hat mit ihrer Tagespflege und dem ambulanten Pflegedienst "Herbstsonne" seit Corona einen enormen Mehraufwand an Verwaltungsarbeit zu stemmen.
Gemeinsame Aktivitäten machen den Senioren großen Spaß.
Im Büro von Cornelia Völkl stapeln sich die Aktenordner mit dem Schriftverkehr der vergangenen Monate.

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