22.04.2020 - 11:32 Uhr
PleysteinOberpfalz

Pleystein wird 1945 vor Zerstörung durch Amerikaner verschont

An diesem 23. April ist es 75 Jahre her, dass die amerikanischen Streitkräfte in Pleystein einmarschierten. Die Stadt kam ohne größeren Schaden davon. Die Soldaten der Siegermacht konnten nahezu ohne Widerstand in den Ort einrücken.

Im Stadtgraben Ost schlug am 23. April 1945 eine Granate ein, deren Splitter Katharina Rewitzer auf der Stelle töteten.
von Autor TUProfil

Jedoch musste auch ein Todesopfer beklagt werden. Die erste Granate, die in die Stadt sauste, explodierte hinter der „Alten Post“ beim Anwesen Reger im Stadtgraben Ost. Katharina Rewitzer, geborene Reger (36 Jahre alt und Mutter eines minderjährigen Sohnes), wollte noch schnell ins Haus flüchten. Sie wurde von einem Granatsplitter, der fast den Kopf vom Rumpf trennte, tödlich getroffen. Hätten die Amerikaner nicht noch am Abend dieses 23. April einmarschieren können, dann hätte das SS-Bataillon vom Berglerwerk noch in der Nacht die Stadt besetzt und der Kampf selbst hätte sich dann innerorts abgespielt. Wahrscheinlich wäre es Pleystein dann so ergangen wie dem nahen Fuchsenbergdorf Spielhof – ein einziger Schutt- und Trümmerhaufen.

Johann Bauer von der Bartlmühle (1937 bis 2010) hat sein Wissen und die Überlieferungen von Zeitzeugen an jenen denkwürdigem Tag wie folgt niedergeschrieben: Das Ende des Zweiten Weltkriegs war nahe. Die amerikanischen Truppen hatten Vohenstrauß schon besetzt. Die Aufklärungsflieger und Spähtrupps hatten in Pleystein Verteidigungskräfte ausgemacht. Josef Bauer, der "Kratzer Seppl", der Großvater von Johann Bauer, war im Ersten Weltkrieg von den Amerikanern in Kriegsgefangenschaft genommen und nach Amerika als Farmarbeiter für drei Jahre verschifft worden. Dadurch lernte er, gut Englisch zu sprechen, und er konnte deshalb mit seinem kleinen Volksempfänger die amerikanischen Nachrichten abhören. So fand er heraus, dass die Amerikaner von der Verteidigungsbereitschaft Pleysteins wussten.

Er lief zu seinem Nachbarn Alois Wildenauer. In dessen Garten, heute Knopffabrik Deglmann, waren drei Züge (eine Kompanie) Werwolf verschanzt. Jene Einheit setzte sich aus 16- bis 18-jährigen Jungen und Mädchen zusammen. Ausgerüstet waren sie mit ein paar Revolvern, Sturmgewehren, zwei Maschinengewehren und etlichen Handgranaten. Der Sepp sagte zu seinem Neffen und Nachbarn, dem Wildenauer Alois, der gerade auf Heimaturlaub weilte: "Schieß doch mit deinem Revolver in den Garten hinein!". Als die ersten Schüsse fielen, begannen die jungen "Soldaten" über die Wiesen Richtung Bartlmühle-Fuchsenberg zu laufen. Sie vermieden die Straße, da bereits amerikanische Flugzeuge kreisten.

Wie der "Kratzer Sepp" noch abhören konnte, war bereits auf drei Seiten von Pleystein Panzerartillerie aufgestellt. Die Amerikaner wollten sich auf keine Straßen- und Häuserkämpfe einlassen, sondern Pleystein in Schutt und Asche schießen. Der Sepp nahm eine weiße Windel und rannte zu der Kommandostellung der Amerikaner. Dem Kommandanten versicherte er, dass Pleystein kampflos eingenommen werden kann. Während des Gesprächs wurde von einer anderen Stellung bereits eine Panzergranate abgefeuert.

Sie verfehlte den Wildenauer-Garten nur um zehn Meter. Dort, wo die Granate in die Straße einschlug, wollte Katharina Rewitzer ins Haus laufen. Sie wurde dabei tödlich verletzt. Josef Bauer musste sich nach vorne auf den Kommandopanzer setzen, die Windel an den Hemdkragen geknöpft, hinter ihm ein Soldat mit Gewehr im Anschlag. Am Ortsrand von Pleystein kam Stadtpfarrer Joseph Wittmann auch mit einem weißen Tuch dem Panzer entgegen und bestätigte die kampflose Übergabe der Stadt. Die Werwolftruppe hatte sich im Dorf Spielhof verschanzt. Daraufhin wurde der kleine Ort, nur drei Kilometer von Pleystein entfernt gelegen, beschossen, wobei die Hälfte der Häuser abbrannte.

Ende der 1970er Jahre wurde der Stadel auf dem ehemals landwirtschaftlichen Anwesen der Familie Bauer am Stadtgraben Ost abgebaut. Bei diesen Arbeiten wurden nach Aussage des heutigen Grundstückseigentümers Hans Zehent Kopfknochenteilchen mit Haarbesatz, stammend von eben jener Katharina Rewitzer, entdeckt.

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