11.07.2019 - 10:51 Uhr
PleysteinOberpfalz

Tiere brüllen vor Angst und Schmerzen

Ohne Blitz oder Donnerschlag als Warnung bricht am 4. Juli 1929 in Pleystein der Hagel los. Nur drei Minuten dauert die Katastrophe, die Hühner und Gänse das Leben kostet und bei Menschen blutende Wunden reißt.

Der Landwirt und Bader Johann Xaver Walbrunn, Urgroßvater von Altbürgermeister Johann Walbrunn, ist am 4. Juli 1929 mit seinem Ochsengespann und der Heufuhre auf der Neuenhammerstraße auf dem Heimweg. Kurz darauf bricht das Unwetter los.
von Autor TUProfil

Ein furchtbares Unwetter suchte am 4. Juli 1929 zwischen 15 und 16 Uhr die Rosenquarzstadt heim. Schon am Morgen des verhängnisvollen Tages vor 90 Jahren lagerte eine brütende Hitze über der Gegend. Die Schwüle machte auch den Kindern zu schaffen, die an diesem Tag vom Bischof das Firmsakrament gespendet bekamen. Gegen 15 Uhr zogen Wolken auf. Plötzlich prasselte, ohne von Blitz- oder Donnerschlag angekündigt, Hagel in Form von Eisschlossen vom Himmel, die zum Teil die Größe eines Hühnereies übertrafen.

Es war ein ohrenbetäubendes Getöse und Klirren, das nach etwa drei Minuten unvermittelt abbrach. In dieser kurzen Zeitspanne hatten sich Hagenschlossen verschiedenster Größe und Formen in einer Höhe von zehn Zentimetern angehäuft. Die Leute auf den Feldern, die bei ihren Tieren bleiben mussten, waren arg betroffen. Mit blutenden Wunden kamen sie zurück zu den Tieren, die vor Angst und Schmerz brüllten.

Der Windstoß hatte verschiedentlich die Fuhrwerke umgestürzt. In der Stadt gab es kein Haus, das unbeschädigt blieb. Oft waren sogar die Fensterkreuze zerbrochen. Auf den Straßen häuften sich die Ziegeltrümmer und die Glasscherben. Am schlimmsten sah das Dach des Wohnhauses von Albert Sax aus. Es war keine einzige Dachtasche mehr heil, so als wäre es in einem Granatfeuer gelegen. Die Äste waren von den Bäumen gerissen worden, und oft stand nur noch der Stamm mit den Hauptästen wie ein Gerippe in der Landschaft. Haustiere, die sich nicht mehr retten konnten, gingen jämmerlich zugrunde, besonders Gänse und Hühner.

Die Getreidefelder waren wie niedergewalzt. Den Schaden bei Roggen schäzte man auf 100 Prozent, beim Hafer auf 90 Prozent. Ein beträchtlicher Schaden wurde an den Telefon- und Stromleitungen verursacht. Viele Masten waren zerborsten, und die Leitungen hingen wirr durcheinander über den Dächern und auf den Straßen. Zerstört wurden auch die bleiverglasten Fenster der Stadtpfarrkirche St. Sigismund mit den Glasmalereien, von denen auf der Westseite fast keines erhalten blieb.

Altbürgermeister Johann Walbrunn weiß aus mündlichen Überlieferungen seines Vaters Siegfried (1915-2000), dass sein Urgroßvater Johann Xaver Walbrunn (1849-1934) an jenem 4. Juli gegen Mittag mit seinem Ochsengespann und dem Leiterwagen auf die Wiese unterhalb des Ortsteils "Gsteinach", dort wo sich seit 1975 die Tennisplätze befinden, gefahren ist. Der 80-jährige rüstige Senior und die Familienangehörigen waren gerade dabei, einige Lagen Heu aufzuladen, als sie auf das heranziehende Unwetter aufmerksam wurden.

Sofort machte sich Walbrunn, der nicht nur die Landwirtschaft betrieb, sondern auch als Bader vom alten Schlag mit legendärem Ruf fungierte, mit seiner Heufuhre auf den Heimweg. Als er sich mit dem Gefährt bereits im oberen Bereich der Neuenhammerstraße Richtung Marktplatz befand, fing es schon sehr stark zu regnen an.

Der "Bartladlbader", so der Hausname des Schwagers von Bischof Johann Baptist von Anzer, erreichte mit seinen Ochsen und dem Wagen zwar bis auf die Haut durchnässt, aber ansonsten einigermaßen unbeschadet die Scheune in der Steingasse. Das war sein Glück, denn nur wenige Minuten später brach die Hagelkatastrophe mit brachialer Gewalt über die Stadt und die Fluren sowie Wälder ringsum herein.

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