Pleystein
02.04.2024 - 15:17 Uhr
OnetzPlus

Werner Reger sammelt kleine Fenster zur Ortsgeschichte

Werner Reger aus Pleystein hütet besondere Schätze. Die Ansichtskarten von anno dazumal sind nicht nur hübsch anzusehen. Sie sind auch ein Spiegel der Entwicklung der Stadt Pleystein.

Ansichtskarten waren früher die einzige Möglichkeit seine Freunde über eine angetretene Urlaubsreise oder das erreichte Urlaubsziel zu informieren. In den Souvenirgeschäften gehörten die Karten zum festen Angebot. Diese Zeiten sind vorbei, weil das Handy die Gelegenheit gibt, aufgenommene Bilder in Sekundenschnelle sozusagen „rund um den Erdball“ weiterzuschicken. Jetzt erfüllen vor allem alte Postkarten einen anderen Zweck: Sie geben beim Betrachten Aufschluss über die Entwicklung eines Ortes, vor allem wenn die darauf zu sehenden Bilder in zeitlichem Abstand aufgenommen wurden.

Werner Reger verfügt dank der Sammelfreude seiner Ehefrau Grete riesige Fotoalben mit Postkarten aus dem Ort Pleystein und von der Kreuzbergkirche zusätzlich ein weiteres Album. Vor einem halben Jahr kam eine andere Pleysteinerin zu Werner Reger und erzählte, dass eine Freundin viele Postkarten aus Pleystein habe. Außerdem wurde auch ein Freund angesprochen, seine Postkarten zunächst zur Ansicht zu zeigen. Und aus diesen „gesammelten Werken“ entwickelte Werner Reger die Idee, über „Pleysteiner Postkarten“ einen Vortrag zu halten, um die eingescannten Postkarten einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen.

Dieser Vortrag im Heimatmuseum der Stadt war zweimal ein voller Erfolg, zusätzlich stellte Werner in einer „Privatvorstellung“ seine Postkartensammlung vor. Die erste Postkarte in Deutschland wurde am 16. Juli 1870 verschickt, genau einen Tag vor Kriegsbeginn mit Frankreich. Das war auch der Zeitpunkt, wo in Deutschland erstmals der Versand von Postkarten erlaubt war, weil hier im Gegensatz zu anderen Ländern, die Geheimhaltung, also die Nichteinhalt des Postgeheimnisses bei einer offen lesbaren Postkarte die größte Sorge war. 1897 wurde die erste Ansichtskarte mit Pleysteiner Motiv versendet.

Bauliche Entwicklung sichtbar

Die älteste Aufnahme zeigt Pleystein noch vor dem Jahr 1866, weil bis dahin noch ein Tor als Eingang zum Marktplatz, von Vohenstrauß aus kommend, stand. Dieses Tor wurde dann abgerissen, ebenso waren andere Gebäude an der Kirche noch zu sehen. Dieses Foto zeigt auch den Stadtbach in seinem Lauf über die Obere Steingasse. Außerdem waren auf dem Marktplatz noch sogenannte Röhrenkästen vorhanden, aus denen die Bürger ihr Wasser entnehmen konnten. Das absolute Merkmal aber ist die Linde, die jetzt noch gegenüber dem Rathaus in dem dortigen Grünstreifen steht und damals wie auch andere Bäume frisch gepflanzt worden war. Dieses Bild macht die bauliche Entwicklung auf dem Marktplatz sichtbar, insbesondere auch mit der Errichtung auf dem jetzigen Standort. „Auf einem so alten Plan lässt sich so viel aus der früheren Zeit erkennen“. Werner Reger verfügt auch über Ansichtskarten von Merian. Die Postkarten selbst waren bis zum Jahr 1905 nicht für die üblichen Grüße ausgelegt, die leere Seite war nur für die Adresse vorgesehen. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde die leere Seite durch die sichtbaren Striche halbiert, so dass ein Teil für die Adresse, die andere Hälfte für die Grüße verwendet werden konnte.

Höchst beeindruckend die Ansichtskarten und Bilder vom alten Pleysteiner Freibad Richtung Miesbrunn, dessen Umfang auf Unikaten sichtbar wird. Vor allem aber wird deutlich, dass einem als ausgezeichnet zu bezeichnenden Freibad in Pleystein auch in der Vergangenheit die notwendige Aufmerksamkeit verbunden mit den entsprechenden Aufwendungen geschenkt wurde.

Von Hand gezeichnet

Die alten Postkarten sind noch alle mit der Hand gezeichnet, Fotografien gab es damals nicht. Wenn die Bilder später farbig wurden, war dies dem nachkolorieren zu verdanken. Werner Reger kann zu jeder Postkarte ein geschichtsträchtiges Kapitel erzählen. Dazu gehört auch die Geschichte über die sogenannte Klosterschule, das jetzige Heimatmuseum, das für die Pleysteiner Kinder bis in die fünfziger Jahre noch die Volksschule war. Das Museum ist das älteste Gebäude der Stadt mit Baujahr 1688. Da hat Werner Reger dann auch selbstverständlich das Bild vom Bau der neuen Schule an der Lohmaer Straße in ihrem ersten Abschnitt, also noch ohne Verbindungsbau mit den Räumlichkeiten der Schulleitung im ersten Stock.

Beeindruckend aber die Fotos vom Marktplatz, wo im Jahr 1901 die bei der Brandkatastrophe vernichteten Häuser schwarz gekennzeichnet sind. Ergänzend dazu gibt es Bilder von der Brandkatastrophe selbst, die den damaligen Schaden aber auch nur ansatzweise andeuten können. Die Ansichtskarten zeigen die Entwicklung Pleysteins auch mit Blick auf den Bau der Bahnstrecke, den Bau des Bahnhofes, der ja bekanntlich der Vergangenheit angehört. Das genaue Jahr ist aber nicht aus dem Bildmaterial ersichtlich, erklärt Werner Reger.

Die Bilder vom Pleysteiner Marktplatz lassen erkennen, wie sich dort auch die Eigentumsverhältnisse geändert haben. So ist eine Metzgerei auf die gegenüberliegende umgezogen, das frühere Kaufhaus befand sich ursprünglich auch an einer anderen Stelle. Auf den neueren Postkarten, jetzt auch Luftaufnahmen lässt sich die Erweiterung der Stadt erkennen, selbst wenn auch diese Bilder nicht mehr den aktuellsten Stand haben.

Wer aber glaubt, dass der Begriff „Fake“ aus der Jetztzeit ist, wird nachweislich eines Besseren belehrt. So sind bei einer Aufnahme vom Kreuzberg Granitsteine zu sehen, die in der Wirklichkeit nicht vorhanden sind, auch wird manches Bild vom Stadtweiher geschönt. In den Pleysteiner Geschäften gibt es kaum noch Ansichtskarten, wer sich jetzt eine derartige Karte kauft, macht das aus Sammelleidenschaft, berichtet Werner Reger zum Abschluss seines Vortrages über „Pleysteins Ansichtskarten“.

Hintergrund:

Die Postkartensammlung Werner Regers

  • Umfang der Privatsammlung: Rund 150 Karten
  • Versand der ersten Postkarte in Deutschland am 16. Juli 1870
  • Versand der ersten Ansichtskarte mit Pleysteiner Motiv 1897
  • In manchen Karten wurden Motive mit einem Brunnen oder Gegebenheiten versehen, die es in Wirklichkeit nicht gab.
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.