Ein Büro in der ehemaligen Zentrale der heute schon legendären Ziegler-Group? Wer gerne an diesem (wirtschafts-)geschichtsträchtigen Ort arbeiten möchte, kann das künftig tatsächlich tun. 399 Quadratmeter „moderne Büroflächen auf der Betzenmühle“ hat der neue Eigentümer – die Rettenmeier-Holzindustrie Plößberg – in verschiedenen Portalen inseriert. Es handle sich um die verschiedenen Nebengebäude der Anlage mit der markanten Holzstammoptik mitten in der Natur, aber auch neben dem größten Sägewerk Europas, bestätigt Geschäftsführer Robert Friedl.
Seit gut zwei Monaten leitet der Tirschenreuther die Gesellschaft, die nach der Übernahme des Sägewerks und einiger weiterer Unternehmen aus der Insolvenzmasse der Ziegler-Gruppe durch das mittelfränkische Holzunternehmen Rettenmeier entstanden ist. Dass das Unternehmen inzwischen die Immobilienfragen angeht, darf man als Indiz werten, dass der schwierigste Teil des Neustarts hinter der Gesellschaft liegt. Tatsächlich seien die vergangenen beiden Monate nicht einfach gewesen. Und trotzdem: „Ich bin sehr zufrieden, wie es gelaufen ist“, erklärt Friedl.
„Bei einem Sägewerk dieser Größe kann man nicht einfach auf einen Knopf drücken und alles läuft“, sagt der 38-jährige Manager. Wirtschaftlich lasse sich die Anlage nur betreiben, wenn alle Räder ineinander greifen – Einkauf, Disposition, Verarbeitung, Vertrieb. Und dies aus dem Stillstand heraus zu steuern, sei nicht selbstverständlich. „Die Kunden warten nicht“, genauso wenig wie die Lieferanten.
Dazu stand das Werk einen Winter, von November bis April, quasi still. Während die Sägelinien sich relativ einfach wieder hochfahren ließen, sorgten verschiedene Fahrzeuge auf dem fast 60 Hektar großen Areal des Sägewerks zu Beginn für mehr Probleme. Dazu kam die organisatorische Integration in die Rettenmeier-Strukturen, etwa die Umstellung der IT.
Qualität vor Quantität
Eine zusätzliche Herausforderung bedeutete die von Rettenmeier-CEO Stephan Lang nach der Übernahme angekündigte Umstellung der Arbeitsweise: Das Werk soll weniger auf hohen Holzumsatz ausgerichtet sein und mehr auf Qualität. Dieses Ziel habe man in den vergangenen beiden Monaten konsequent verfolgt. „Wir wollen, dass unserem Holz die Bedeutung zukommt, die ihm zusteht. Als hochwertigen, natürlichen Rohstoff“, sagt Friedl.
Das habe Konsequenzen bei den Abläufen, weg von der schnellen „Just-in-Time“-Produktion. In der Vergangenheit sei Rundholz angeliefert, verarbeitet und direkt wieder abgefahren worden. Heute werde der Fokus verstärkt auf Qualität und Veredelung gelegt. Das bedeute aber auch, dass heute mehr Lagerflächen gebraucht werden. „Wir mussten etwas kreativ sein. Manchen Parkplatz gibt es heute nicht mehr.“
Täglich 50 Lkw
Die neue Ausrichtung hat auch Folgen für den Output. Laut Rettenmeier-Internetauftritt arbeiten noch fünf Säge- und Hobellinien, zu Zeiten der Ziegler Holzindustrie war es eine Linie mehr. Dennoch sei der Holzumsatz inzwischen wieder bemerkenswert. „Zwei Linien arbeiten wieder in drei Schichten“, sagt Friedl. Täglich werden rund 50 Lkw-Ladungen Holz verarbeitet, Rettenmeier spricht auch weiterhin vom größten Sägewerk Europas.
Auch wenn die Nachfrage vor allem aus dem Baubereich weiter verhalten ist, zeigt sich der neue Geschäftsführer zufrieden mit dem Neustart. Einen weiteren Mitarbeiterabbau wird es aktuell jedenfalls nicht geben. Eher im Gegenteil. Laut Rettenmeier arbeiten derzeit gut 500 Beschäftigte auf der Betzenmühle. Mit Hobel- und Pelletswerk in Pressath sind es deutlich über 600. Zu Zeiten der Ziegler-Group waren es alleine im Sägewerk rund 700 Mitarbeiter.
Diese Zahl wird wohl so schnell nicht mehr erreicht werden. Friedl kann sich jedoch vorstellen, dass die Mitarbeiterzahl in den nächsten Monaten wieder wächst. Derzeit sei die Belegschaft gut ausgelastet, nach vielen Monaten bloßer „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“. Allerdings soll auch dieser Ausbau nachhaltig erfolgen. Erst wenn klar sei, dass es um langfristige Stellen gehe, wolle man diese auch ausschreiben.

















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