07.09.2018 - 17:59 Uhr
PlößbergOberpfalz

Der Orgel geht die Luft aus

Die Patientin ist bereits über 90 Jahre alt - an ihr wurde schon viel herumgedoktert. Gemeint ist die Weise-Orgel von 1927 in der katholischen Pfarrkirche St. Georg in Plößberg. Sie soll restauriert werden.

von Lena Schulze Kontakt Profil

Organist Florian Löw aus Schönkirch sucht nach einer Möglichkeit, das Instrument zu erhalten und zu verbessern. Dafür muss eine individuelle Lösung her. "Die Orgel wurde 1927, zehn Jahre nach dem Bau der Kirche, angeschafft", sagt Löw. Bemerkenswert findet er, dass die Kirche während des Ersten Weltkriegs gebaut worden ist, als Geld, Material und Arbeitskräfte fehlten. Zudem noch so groß, mit 400 Plätzen für Kirchgänger. Später leistete sich die Pfarrei eine Orgel. "Den Orgelbauer Weise aus Plattling gibt es mittlerweile gar nicht mehr", weiß der 26-Jährige.

Negatives Gutachten

Seit 1927 ist an dem komplexen Instrument immer wieder "herumgebastelt" worden. 1968 kam nachträglich ein Flötenregister dazu. Zwischen 1998 und 1995 ist die Orgel mit beträchtlichem Aufwand saniert worden. Einige Zeit konnte deshalb darauf nicht gespielt werden. Die Kirchenverwaltung schaffte damals eine Elektroorgel an. "Ein Unding", findet Löw, "weil sie furchtbar klingt". Immer noch steht das Elektro-Teil wie ein Mahnmal auf der Empore. Zwei Jahre nach der damaligen Restaurierung, holte die Kirchenverwaltung einen Sachverständigen. Er gab ein sehr negatives Urteil ab, vor allem in Sachen Funktionalität und Dauerhaftigkeit.

Dieses Gutachten greift Löw, der seit elf Jahren in der Pfarrei orgelt, gemeinsam mit der Kirchenverwaltung nach der Sanierung von St. Georg 2014 wieder auf. Seit Dezember 2017 gehen Schreiben, Vorangebote und Ausschreibungskonzepte zwischen Kirchenverwaltung, Sachverständigen sowie dem Bistum hin und her.

Technik schwächelt

"Der Schmutz ist gar nicht so das Thema. Es geht um das, was man nicht sieht: die Technik", erklärt der junge Mann. Auch die Pfeifen sind intakt und klingen gut. Über 900 Stück sind in der Orgel verbaut, mit Größen von fünf Zentimeter bis 2,40 Meter. Von vorne sieht man nur etwa 30 Stück. Auf die Töne lässt der Organist nichts kommen, egal was die Sachverständigen sagen.

Um das Problem zu verstehen, das zunächst weder sehbar noch hörbar ist, erläutert Löw, wie die Orgel funktioniert: Die Technik des riesigen Instruments beruht auf dem Prinzip der Pneumatik. Seit den späten Fünfziger Jahren wird der Blasebalg elektrisch aufgeblasen, früher mit einem Hebel. Das einzige strombetriebene Teil an der Orgel. So wird Luft durch den Magazinspeicher in eine Art Holzkiste gedrückt. Darauf stehen Pfeifen. In dieser Windlade ist eine Ledermembran mit Federverschluss angebracht. Wenn sie öffnet, strömt Luft in die Pfeife - ein Ton kommt raus. Ist die Membran beschädigt, schließt sie nicht richtig. Luft strömt dauerhaft durch die Pfeife. "Dann kann man sie nur stilllegen", sagt der Organist.

"Es leppert sich"

Neben dem Hauptproblem der Membranen ist der Spieltisch unpraktisch und verbraucht. Die Bank ist zum einen zu klein, zum anderen sitzt Löw im sogenannten Klangschatten des Prinzipals - verschiedene Frequenzen hört er anders. Außerdem ist der Tisch im Weg, wenn der Schönkircher den Kirchenchor leitet. "Es leppert sich!", argumentiert er. Holzwurm und Schimmelflecken tun ihr Übriges.

Insgesamt hat die Orgel 13 Register, für die St.-Georg-Kirche eigentlich zu wenig. "Die Orgel hat tolle Farben, aber die Registerzahl ist am unteren Level. Klar, 1927 musste man sparen." Sogar Orgeln in kleineren Kirchen im Umkreis hätten aber wesentlich mehr Register. Es gehe dabei nicht um Lautstärke, sondern um die Vielfalt. "Gerade in vielbesuchten Messen geht ihr die Luft aus", erklärt Löw. Das Register ist fast wie ein Orchester, es besteht aus vielen "Farben". Der Organist würde das Farbspektrum gern erweitern, beispielsweise um Trompeten und Oboen. Auch um weitere Bassregister. Die wurden beim Bau vor über 90 Jahren aus Kostengründen nicht eingebaut. Das versucht der Organist bei der Gelegenheit ebenfalls zu verbessern.

Radikallösung keine Option

"Ich bekomme das hautnah mit, wenn etwas nicht geht. Es ist furchtbar. Da hab ich ein ungutes Gefühl", leidet der Spieler mit seinem Instrument. Er kennt die Macken der Maschine. Manchmal klemmen die Pedale, die Bass-Tasten drückt er lieber nicht, Pfeifen, deren Membran undicht sind, spielt er nicht. "Die Leute sollen es ja nicht mitbekommen", meint Löw.

Er ist strikt gegen die radikale Lösung, die Orgel abzureißen und eine neue einzubauen. Zum einen ist das Außengehäuse denkmalgeschützt, zum anderen eine Kostenfrage. "Eine neue Orgel kostet bis zu 600 000 Euro. Das haben wir nicht zur Verfügung." Auch aus Respekt gegenüber den vielen Maßnahmen am 90 Jahre alten Instrument, setzt sich der 26-Jährige stark für die Erhaltung der Orgel ein. "Sie hat so schöne Farben, die Pfeifen funktionieren einwandfrei. Die würde man heute gar nicht mehr so kriegen." Deshalb lohnt sich für ihn auch das Ringen mit der Diözese Regensburg, eine individuelle Lösung für die Plößberger Orgel zu finden.

Orgelbauverein unterstützt

Weitermachen wie bisher, ist auch keine Strategie. "Das ist Instandhalten, aber mit welchem Aufwand? Es gibt dadurch keine Verbesserung. Und kostet im Endeffekt, auf lange Sicht, mehr", betont der Schönkircher. Die Weise-Orgel stirbt vor sich hin, ganz leise.

Löw besteht auf dem Mittelweg. "Gegenüber einem Neubau können wir die Hälfte der Kosten sparen." Der Organist rechnet mit Kosten zwischen 250 000 und 300 000 Euro. Dafür gibt es seit zwei Jahren einen Zuschuss der Diözese Regensburg von 45 Prozent, eine der höchsten Förderungen überhaupt. Auch wenn die Bürokratie viel Zeit frisst, "es ist die einzige Chance das finanziert zu bekommen."

2011 gründete Löw einen Orgelbauverein, der sich für die Orgeln in Plößberg und Schönkirch einsetzt. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, insgesamt 100 000 Euro für die St.-Georgs-Orgel zu sammeln. "Wir haben knapp über die Hälfte zusammen", freut sich der 26-Jährige über die Unterstützung der Bevölkerung.

"Jetzt geht es in die heiße Phase", sagt Löw, der mit der Kirchenverwaltung die Sanierung in die richtige Richtung lenken möchte. Seit Juli läuft die Ausschreibung für die Orgelrestauration. Vier Orgelbauer besuchten die Pfarrei bereits und machten sich ein Bild von der Patientin. Ende Oktober soll dann ein Orgelbauer mit der Restauration beauftragt werden.

Bis es allerdings wirklich losgeht, kann es noch dauern. Orgelbauer haben Wartelisten von bis zu zwei Jahren, die Restauration kann ebenfalls bis zu einem Jahr dauern. Zeit, welche die alte Weise-Orgel eigentlich nicht hat. Jedes Jahr fallen laut Löw durch kaputte Ledermembrane in den Windladen etwa fünf Töne wegfallen. "Sie muss noch mindestens zwei Jahre durchhalten", erklärt der Organist. "Wenn wir die Restauration noch weiter aufschieben, wird's eng."

Zur Person:

Der 26-jährige Schönkircher Florian Löw ist seit elf Jahren Organist für Schönkirch, Plößberg und Floß. Als vertretung hilft er auch in Hohenthan, Bärnau, Erbendorf oder Mitterteich aus. „Angefangen hat alles mit einer CD von Bach“, sagt Löw. Sein Vater hatte sie ihm geschenkt. „Die Orgel reizte mich schon immer.“ Mit sieben Jahren fing er zunächst an, Keyboard zu lernen. Am liebsten hätte er darauf schon die sakralen Orgelstücke von Bach gespielt. Auch als Ministrant gefielen ihm das Instrument.

„Es dauert, bis man Orgel spielen kann, man muss groß werden, um an die Fußpedale ranzukommen.“ Am Amberger Max-Reger-Musikgymnasium lernte er das Klavierspielen und nahm dort später auch Orgelunterricht, unter anderem beim Amberger Regionalkantor Bernhard Müllers. Auch während seiner Ausbildung zum Betriebswirt in Köln nahm er weiter Unterricht – „eine gute Schule“, sagt er über seinen dortigen französichen Lehrer.

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