10.10.2019 - 10:43 Uhr
PressathOberpfalz

Bach und „Bummleier“ unter einen Hut

„Diese Freundschaft ist grenzenlos und für immer“: Mit überschwänglichen Worten verabschiedete die Hortobágyer Bürgermeisterin Marianna Vincze beim Festabend in der „Csárda“ (Dorfschänke) die elfköpfige Besuchergruppe aus Pressath.

Die neunbogige Steinbrücke ist Wahrzeichen von Hortobágy und zugleich Sinnbild des rund 1000 Kilometer überwindenden Brückenschlags zwischen Pressath und der Pusztagemeinde. Vier Tage lang feierten Oberpfälzer und Ungarn ihre noch immer lebenskräftige Partnerschaft.
von Bernhard PiegsaProfil

Seit 27 Jahren pflegen die Haidenaabstadt und die ostungarische Pusztagemeinde an der Theiß ihre Kommunalpartnerschaft, persönliche Kontakte reichen sogar bis in die 1980er Jahre zurück. Wie bei der sprichwörtlichen ungarischen Gastfreundschaft nicht anders zu erwarten, hatten die Gastgeber ihr Bestes gegeben, um den deutschen Besuchern unvergessliche Tage zu bereiten. Der Samstag war zunächst für den Besuch des „Graurindmarktes“ reserviert, der alle fünf Jahre die Züchter dieser pusztatypischen Steppenrinderrasse nach Hortobágy ruft. Hierfür hatte die Pressather ein Fässchen „Pressada“-Bier mitgebracht, das Vizebürgermeister Zoltán Gencsi anzapfen durfte.

Zum Festprogramm gehört traditionell ein Kochwettbewerb für Graurindfleisch-Gerichte, bei dem auch Pressaths Stadtoberhaupt Werner Walberer als Juror sein Urteil über Gulyás, Pörkölt & Co. fällen sollte. Als letzte der 30 Kostproben erwartete ihn eine Überraschung in Gestalt einer Portion Jungstierhoden – in Ungarn eine beliebte Delikatesse. „Als man mir sagte, was es war, war ich zunächst nicht begeistert, aber die ‚Bummleier‘ schmeckten gar nicht schlecht“, bekannte Walberer.

Überraschende Begegnungen auf dem Marktplatz blieben nicht aus: So freuten sich die Pressather über das Wiedersehen mit dem 78-jährigen Lajos Garai. „Er war ein weit über Ungarn hinaus bekannter legendärer Züchter von Reit- und Springpferden. Unter seiner Leitung gingen die Pferde aus dem Hortobágyer Gestüt Máta in die ganze Welt“, wusste Ehrenstadtverbandsvorsitzender Andreas Anger.

Wer wollte, konnte am Samstag auch das vor 20 Jahren gegründete „Vogelkrankenhaus“ besuchen. Dort werden vor allem Weißstörche und Greifvögel gepflegt, die bei Kollisionen mit Strom-Freileitungen oder Autos oder auch von schießwütigen Möchtegern-Jägern verletzt worden sind. Auch ein Abstecher zum Straßenmarkt im nahen Debrecen bot sich an. Am Sonntag besuchten die deutschen Gäste die gut 200 Jahre alte Hirtenhutmanufaktur der Familie Mihalkó in Balmazújváros, zu der ein Hutmuseum gehört.

An der Gestalt der aus reiner Schurwolle gefertigten strapazierfähigen Kopfbedeckungen für die Csikosse (Puszta-Viehhirten) habe man einst erkennen können, ob der Hut einem Pferde-, Rinder- oder Schweinehirten gehört habe und wo sein Träger beheimatet gewesen sei, erfuhren die Besucher von Emese Sós-Mihalkó, die gemeinsam mit ihrem Mann die Familientradition fortführt. Anschließend führte Zoltán Gencsi die Gruppe durch das im 19. Jahrhundert erbaute Schlösschen der Junkerfamilie Semsey, das nach 1945 ausgeplündert und zeitweilig als Schweinestall zweckentfremdet worden war.

Inzwischen beherbergt es eine stadt- und regionalgeschichtliche Ausstellung, die unter anderem an den in Balmazújváros geborenen Schriftsteller Menyhért Lengyel erinnert: den Autor des 1939 von Ernst Lubitsch verfilmten Romans „Ninotschka“. Höhepunkt des Tages war allerdings das gut zweistündige Orgelkonzert in der reformierten Großkirche von Debrecen mit der ungarischen Organisten-Legende Xaver Varnus. Mit klassischen Musikstücken von Bach, Vivaldi und Mendelssohn-Bartholdy, aber auch mit zeitgenössischen Melodien von John Williams (Filmmusik zu „Schindlers Liste“) und Queen („The show must go on“) zog er die rund 3000 Zuhörer in seinen Bann.

Info:

Freundschaft weiter mit Leben erfüllen

Beim sonntäglichen Festabend in der Hortobágyer „Csárda“ würdigten die Bürgermeister von Hortobágy und Pressath, Marianna Vincze und Werner Walberer, vor allem die zahlreichen persönlichen Freundschaften, die in gut 30 Jahren geknüpft wurden. Hierzu habe nicht zuletzt der Schüleraustausch beigetragen, an dem mehrere hundert Schüler teilgenommen hätten. „Eine Freundschaft hält nur, solange sie mit Leben erfüllt wird, und die Begegnungen zwischen unseren Jugendlichen tragen wesentlich dazu bei, dass dies gelingt“, bekräftigte Walberer.

In alle Freude dieser Tage mische sich aber auch etwas Traurigkeit, wandte sich der Pressather Stadtchef an seine ungarische Kollegin, die zu den bevorstehenden Kommunalwahlen nicht mehr antritt: „Wir werden Marianna als Bürgermeisterin verlieren, wenn auch nicht als Freundin.“ Vincze entgegnete, sie sei „stolz, von Anfang an ein Teil dieser fantastischen Freundschaft unserer Gemeinden gewesen zu sein“. Für 2020 lud Werner Walberer zum Besuch der Pressather Stadtjubiläumsfeier mit Festzug im Mai und des Bürgerfestes im Juli ein. (bjp)

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.