03.09.2020 - 08:00 Uhr
PüchersreuthOberpfalz

Etwas Auslandsluft geschnuppert

Die Oberpfälzer Bauzeichnerin Katharina Hiebl über ihre Zeit als Austausch-Azubi in der Schweiz und was ihr diese Erfahrung gebracht hat

Nachdenken über die Schweiz: Katharina Hiebl verbrachte während ihrer Berufsausbildung auch einige Wochen im Nachbarland.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Die 21-jährige Katharina Hiebl aus Püchersreuth (Kreis Neustadt/WN) nahm während ihrer Berufsausbildung an einem dreiwöchigen Schüleraustausch mit der Schweiz teil. Trotz der kulturellen Nähe des Nachbarlandes „ein klasse Erlebnis“, wie sie findet.

Als angehende Bauzeichnerin besuchte Hiebl von 2015 bis 2018 die Europaberufsschule in Weiden. „Eines Tages kam ein Lehrer in die Klasse, um auf das Austauschprogramm aufmerksam zu machen und zu erfragen, wer daran Interesse hätte. Ich hatte schon früher mit dem Gedanken geliebäugelt, mal eine gewisse Zeit im Ausland zu verbringen, war an dem Thema aber nicht drangeblieben. Jetzt war für mich schnell klar: Das wäre interessant! Also ging ich am nächsten Tag gleich zu meinen Chef und fragte, ob ich das Einverständnis des Betriebs bekäme. Der zeigte sich sehr aufgeschlossen und meine Eltern unterstützten mich ebenfalls“, erinnert sich die junge Frau.

Für Betriebe nicht immer leicht

Dass alle Beteiligten gleich Feuer und Flamme sind, ist keine Selbstverständlichkeit. „Für viele Betriebe ist es nicht so leicht, ihren Azubi für mehrere Wochen freizustellen“, beobachtet Thomas Neumann von der Europaberufsschule in Weiden immer wieder. Neumann betreut das Programm mit der Schweiz. „Die Auszubildenden sind in den Betrieben fest eingeplant und Auslandsniederlassungen haben die wenigsten.“

Doch der Motivationsschub, den ein solcher Aufenthalt bringen kann, ist immens. „In meinem Fall ging alles ganz schnell und es war von Anfang an ein Abenteuer und eine super Erfahrung.“ Zuerst waren die Schweizer an der Reihe: Im Sommer 2016 kam mein Schweizer Pendant Dominique zu uns nach Deutschland, um in meinem damaligen Ausbildungsbetrieb, einem Schwandorfer Bauunternehmen, zu arbeiten. Sie wohnte auch bei mir und konnte die Oberpfälzer Berufsschule besuchen.“

Im Anschluss durfte Katharina Hiebl dann ihrerseits Berufsschule, Familienleben und beruflichen Alltag in der Schweiz kennenlernen. „Dominiques Betrieb, in dem ich arbeitete, war ein großes Architekturbüro in der Stadt Zug mit vielleicht so 30 Mitarbeitern.“ Von Anfang war sie in konkrete Aufgaben eingebunden, durfte Badpläne zeichnen oder mit auf die Baustelle gehen.

Blick auf die Stadt Zug: Katharina Hiebl arbeitete als Austausch-Azubi in einem Schweizer Architekturbüro.

Katharina und Dominique im Blog über ihre Azubi-Abenteuer in der Schweiz und in der Oberpfalz...

„Ich merkte schnell: Bei den Schweizern ist vieles anders“, sagt sie. „Moderne Haustechnik etwa spielt in der Planung eine viel größere Rolle als bei uns: Die Schweizer wünschen sich etwa viel häufiger Smarthome-Lösungen für ihr Haus als die Deutschen.Oder ein anderes Beispiel: Bei uns arbeitet man am Bau immer auch mit Fertigteilen, die Schweizer machen das überhaupt nicht.“ Städtebaulich fallen ihr ebenfalls Unterschiede auf: „In Zug hatten die Stadtteile architektonisch ein einheitlicheres Bild als bei uns hier.“

Genaue Schweizer

Anders auch die Ausbildung an der Berufsschule der Eidgenossen: „Ich hatte den Eindruck, dass die Schweizer alles viel genauer behandeln als wir. Allerdings geht man als Bauzeichner in der Schweiz vier Jahre in die Berufsschule statt drei wie bei uns. Aufgefallen ist mir darüber hinaus, dass in der Schweiz größerer Wert auf Handzeichnen gelegt wird. Das ist von Vorteil, wenn man auf der Baustelle kein Tablet zur Hand hat und etwas schnell skizzieren muss. Außerdem schult das das räumliche Vorstellungsvermögen.“

Obwohl sich Sprache und Kultur sehr ähnlich sind - „In das Schweizerdeutsche hörst du dich schnell rein“ -, stellt Hiebl Unterschiede fest: „Von den Schweizern wird zwar gesagt, dass sie eher verschlossen sind und konservativ. Ich habe aber ganz andere Erfahrungen gemacht: Die Menschen sind dort sehr offen, haben sich für mich interessiert und fanden es toll, dass ich mich meinerseits für ihr Land interessierte.“

Im Nachhinein spricht sie von einer Erfahrung, die sie nicht mehr missen möchte: „Ich kann so etwas eigentlich jedem nur empfehlen. Dieser Austausch hat mein Leben ungemein bereichert. Und die Kosten waren praktisch null, weil es Mittel aus einem europäischen Topf gab. Da war sogar Taschengeld für mich dabei.“ Auch Freundschaften fürs Leben hat sie geknüpft: „Mit Dominique habe ich engen Kontakt gehalten. Wir besuchen uns regelmäßig.“ Dabei war Dominique nicht der einzige Schweizer Gast, den sie bei sich zu Hause begrüßen durfte. Auch ein Junge, Raoul, verbrachte etliche Wochen in der Oberpfalz: „Es gab einfach mehr Schweizer, die zu uns wollten als umgekehrt.“

Auch Raoul war bei uns: Der Schweizer Azubi über seine Erfahrungen in einem Schwandorfer Betrieb...

Darin erkennt Thomas Neumann von der Weidener Europaberufsschule einen Trend: „Wir haben an unserer Schule Kooperationen mit Kroatien, Frankreich, Spanien, England, Irland und Nordirland.“ Generell sei das Interesse daran in den vergangenen Jahren zurückgegangen.

Erklären lässt sich das wohl nur schwer, zumal es attraktive Finanzierungen gibt, die Austauschschüler in ihrer Persönlichkeitsentfaltung profitieren und auch die Firmen etwas von mitgebrachten Ideen und Impulsen aus den Gastgeber-Betrieben haben. Für Katharina Hiebl jedenfalls steht fest: „Wer so etwas macht, macht nichts verkehrt!“

Betriebe und Auszubildende, die sich für Austauschprogramme mit dem Ausland interessieren, können sich direkt an ihre jeweilige Berufsschule wenden, da viele eigene Kooperationen pflegen.

Hier geht's zu weiterführenden Informationen über (Aus-)Bildungsmöglichkeiten im Ausland...

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