14.02.2020 - 10:01 Uhr
PüchersreuthOberpfalz

„Steh´ ich auch in der Zeitung drin?“

Er sitzt in den Hinterköpfen und schlägt sofort Alarm, wenn er ein Thema wittert, wenn er einen Satz hört, aus dem sich vielleicht eine Schlagzeile für die Faschingszeit machen lässt. Denn davon lebt er, der „Püchersreuther Narrenspiegel“.

Jeden Montag trifft sich der Burschenverein im Gemeindesaal. Von Dezember an geht es nahezu ausschließlich um die Faschingszeitung „Narrenspiegel“. Ganz hinten im Bild der Vorsitzende Tobias Zenger, der seit fünf Jahren die Zeitung verantwortet.
von Gabi EichlProfil

Ende der kommenden Woche erscheint die 43. Ausgabe der Faschingszeitung des Burschenvereins, zu dem auch eine Mädchengruppe gehört. Der „Narrenspiegel“ ist somit keineswegs nur ein Konvolut junger Männer. Der 22-jährige Tobias Zenger ist seit sieben Jahren Mitglied, seit fünf Jahren Vorsitzender des Burschenvereins, er verantwortet also schon einige Ausgaben mit. Er ist Texter und Redakteur der Faschingszeitung in einer Person.

Würden die Vereinsmitglieder nicht das ganze Jahr über nach Themen suchen, es gäbe keinen „Narrenspiegel“ im Ort. Und diese Zeitung ist „richtig viel Arbeit“, wie Zenger sagt. Inzwischen notierten sich die Mitglieder alles in ihre Smartphones, sobald sie während des Jahres etwas Lustiges oder Peinliches hörten.

Seit Dezember jeden Montag

Kurz nach dem Nikolausdienst im Dezember beginnen die Vorbereitungen für den neuen „Narrenspiegel“. Der Burschenverein trifft sich jeden Montagabend im Gemeindesaal, zwischen Dezember und Februar geht es aber fast nur noch um die Zeitung. An diesen Abenden sitzen diejenigen Mitglieder, die in irgendeiner Form an der Erstellung beteiligt sind, an ihren Laptops und tippen Ideen hinein. Zenger, der als Elektroniker in der Automatisierungstechnik arbeitet, redigiert und bearbeitet die Texte in seiner Mittagspause.

Nachfrage ist riesengroß

So wenig Mithilfe der Verein bei der Erstellung des „Narrenspiegels“ hat, so gefragt ist die Faschingszeitung. Laut Zenger wird den jungen Leute das mindestens 25 Seiten zählende Heft regelrecht aus der Hand gerissen, wenn sie damit von Haus zu Haus gehen. Und an fast jeder Tür wird gefragt: „Steh´ ich auch drin in der Zeitung?“

Dass man auch „drin steht“, im „Narrenspiegel“, kann leicht passieren. Jeder verplappert sich einmal im Lauf eines Jahres. Aber in der Regel sind es nur die bekannten Personen des öffentlichen Lebens, die damit rechnen müssen. Auf die beschränke sich meist die Erwähnung in der Faschingszeitung, sagt Zenger. Dies aber auch immer so, dass niemand sich beleidigt fühlen könne. Darauf lege der Verein großen Wert. Es sei noch niemals Ziel des „Narrenspiegels“ gewesen, jemanden an den Pranger zu stellen. Seines Wissens nicht ein einziges Mal in den 43 Jahren, in denen die Zeitung ohne Unterbrechung erschienen ist.

Das hindert den Burschenverein trotzdem nicht daran, hie und da auch einmal deutlicher zu werden. Vor zwei Jahren titelte der „Narrenspiegel“ mit der „Verwüstung“ des Fußballplatzes durch die Leitungsverlegung einmal längs, einmal quer. Der Verein kann sich das erlauben, denn die Geschichten, Gedichte, Tagebucheinträge in der Faschingszeitung versteht ohnehin nur ein Einheimischer. Und Klarnamen werden grundsätzlich nicht genannt.

Aufmacher 2020: das Ehrenamt

Aufmacher des diesjährigen „Narrenspiegels“ ist ausnahmsweise ein ernstes Thema: das Ehrenamt. Hintergrund ist laut Zenger die verzweifelte Suche des OWV nach einem Vorsitzenden. Und so steht auf der Titelseite ein „Wanted“ und auf der ersten Seite die Überschrift „Alarmstufe Rot“ über dem Begriff Ehrenamt. Und nur in diesem Leitartikel bleiben die Verfasser zeilenweise ernst, wenn sie sagen: „Ohne ehrenamtliche Mitarbeiter auch keine Vereinsarbeit.“ Um dann deutlich zu werden: „Ohne Vereine wird jeder ein elendiger Langweiler, der 24/7 zu Hause vergammelt, weil mal wieder nix in Pü. oder Ils. geboten ist.“

Das versteht auch der Nicht-Püchersreuther, aber wirklich schwierig wird es bei einem Artikel über verwirrte Ureinwohner oder bei den Antworten von Mr. X, einem Spieler des TSV Püchersreuth, unter der Rubrik „Sport ist Mord“. Der Genuss dieser Artikel bleibt Einheimischen vorbehalten.

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