"Aha, manche haben schon vom Hanf probiert", stellt der Landwirt Josef Stangl fest, als er in seinem Feld oberhalb des Murner Sees abgeknickte Pflanzen entdeckt. "Aber da werden sie nicht viel Freunde haben", prophezeit er. Zumindest dann nicht, wenn sie auf eine berauschende Wirkung hoffen, denn der Gehalt an THC (Tetrahydrocannabinol; psychoaktive Substanz) ist bei dieser Sorte Hanf gering. "Davon kann man wirklich beliebige Mengen essen und trotzdem noch Autofahren", sagt er mit einem schmunzelnden Blick auf die Sonderkultur.
Der Hanf ist nicht das einzige ungewöhnliche Projekt, mit dem der Jungbauer aus Raffach (Markt Schwarzenfeld) neue Nischen für die Landwirtschaft erkundet. Mohn, Färberdistel, Lein, Kümmel und Durchwachsene Silphie hat er dabei auf dem Schirm. Es ist was dran an dem Spruch "Wachsen oder weichen", hat der 29-Jährige festgestellt und sich Gedanken gemacht, wie es mit dem elterlichen Hof, der Milchwirtschaft mit 50 Kühen und 70 Hektar weitergehen soll. In Freising hat er Agrarmanagement mit Schwerpunkt Pflanzenbau studiert und seinen Master gemacht. Derzeit arbeitet er halbtags bei der Firma Horsch - und nebenbei sucht er neue Perspektiven für sein landwirtschaftliches Erbe.
"Die extreme Trockenheit hat dem Hanf ganz schön zugesetzt", bedauert Stangl. Dafür habe man aber auch keine Herbizide gebraucht. Außerdem sorge diese Pflanze für einen lockeren Boden. "Der Mohn dagegen hatte mit den hohen Temperaturen in diesem Jahr keine Probleme", stellt er klar und deutet auf den bereits abgeernteten Streifen nebenan. Da habe man eher mit der Dresch-Technik gekämpft. "Aller Anfang ist schwer", gesteht der 29-Jährige, in diesem Bereich gebe es kaum Erfahrung. "Aber für ein paar Semmeln wird's schon reichen", scherzt er. Drei Bäckereien hätten schon Interesse bekundet an diesem Produkt aus der Region. Was übrig bleibt, landet in der Ölpresse. Das gleiche gilt für Raps, Färberdistel oder Lein, die Stangl parallel zu Hanf und Mohn erprobt. Und natürlich auch für den Kümmel, auf dem Feld nebenan.
"Der ist heuer besonders intensiv", schätzt der Landwirt und bückt sich zu den schon leicht bräunlichen Pflanzen, die von allen Seiten von wilder Kamille bedrängt werden - trotzdem die Familie hier händisch Unkraut gezupft hat. Aber es ist ja auch erst das erste oder zweite Jahr, in dem Stangl mit diesen Sonderkulturen experimentiert, und die Flächen sind überschaubar: ein halber Hektar für den Mohn, jeweils 0,3 Hektar für Hanf, Kümmel und Lein, das kann der Hof verkraften. Für Färberdistel und Sonnenblumen gab es weitere Flächen, die der Bruder und Freunde zur Verfügung gestellt haben, die ebenfalls in dieser Richtung forschen.
Allerdings sind die bürokratischen Hürden für Mohn oder Hanf enorm, auch wenn beispielsweise der verwendete Graumohn ohnehin so gezüchtet ist, dass er kaum Morphin enthält. Das beginnt mit einem Führungszeugnis und führt über den akkuraten Nachweis der Samensorten bis hin zur Kontrolle unmittelbar vor der Ernte. Ein weiteres Problem sind die Absatzmöglichkeiten. Stangl baut voll auf Direktvermarktung. "Bis jetzt sind es ja noch keine Riesenmengen", gibt er zu bedenken. Er rechnet mit etwa 250 Kilogramm Kümmel, 400 Kilo Mohn und 200 Kilo Lein, den Großteil will er zu Öl pressen. "Wenn man von dieser Arbeit leben will, dann muss man diese Produkte regional vermarkten", so seine Überzeugung. Mit dem Klimawandel komme vielleicht auch ein Bewusstseinswandel: "Es gibt jetzt einige Leute, die verzichten aufs Fliegen. Die anderen überlegen lieber, wie weit ihre Lebensmittel reisen."
Immerhin ist sich der junge Landwirt bei diesen Experimenten einig mit den Eltern. "Man kann hier schließlich auch zeigen, wie vielfältig Landwirtschaft ist", meint seine Mutter Barbara, die dem Visionär gerne noch etwas mehr "Starterglück" wünschen würde. Sein Rapsöl hat sie schon selbst in der Küche getestet, von den ersten Mohnkörnern gleich nach dem Dreschen auf einer Semmel mit Butter gekostet: "Wenn alle Stricke reißen, dann verfüttern wir die Sonderkulturen eben an die Milchkühe."
"Es gibt jetzt einige Leute, die verzichten aufs Fliegen. Die anderen überlegen lieber, wie weit ihre Lebensmittel reisen
Direktvermarktung
Landwirt Josef Stangl rechnet damit, dass er die ersten Produkte aus dem Anbau der Sonderkulturen in den Wintermonaten vermarkten kann. Neben Mohn in Körnerform sind das vor allem Öle. Er baut dabei aufs Internet. Wer sich für seine Produkte interessiert, kann sich über E-Mail info[at]landwirtschaft-morgen[dot]de informieren, später auch unter der gleichnamigen Homepage, die derzeit noch im Aufbau ist.






















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