17.11.2020 - 17:54 Uhr
RegensburgOberpfalz

Vom Chorbub bis zum Grafiker: Der Kultur ein Gesicht geben

"Nie war Kultur weniger sichtbar als 2020", sagt die Regensburger Kabarettistin Eva Karl-Faltermeier. Ihr Plan: Eine "Kulturinventur" soll den Künstlern der Stadt an der Donau ein Gesicht geben.

Im Thon-Dittmer-Palais in der Altstadt von Regensburg lichtet Florian Hammerich Künstler ab.
von Externer BeitragProfil

Von Florian Wein

Die Abstände sind penibel ausgemessen und auf dem Boden markiert. Ein paar Menschen warten ordnungsgemäß, bis sie dran sind. Jeder nimmt sich einen Zettel, Bleistift und ein Klemmbrett, gibt seine Daten an und muss in wenigen Worten zusammenfassen, was er oder sie sich für die Zukunft der Kultur wünscht. Dann geht es zum Fotografieren. In einem hinteren Eck im Innenhof des Thon-Dittmer-Palais in der Altstadt von Regensburg lichtet Florian Hammerich Künstler ab. Ohne Schnickschnack, pur, echt.

Das Ganze nennt sich "Kulturinventur". Ein Fotoprojekt soll die Kultur- und Kreativbranche Regensburgs sichtbar machen. Sämtliche Künstler und Kulturschaffende der Stadt können sich beteiligen, sich fotografieren lassen, sich zeigen. Mit den Portraitfotos sollen Plakate gemacht werden, die an Litfaßsäulen im Stadtgebiet zu sehen sein werden. Das Ziel: Der Kultur muss ein Gesicht gegeben werden. "Völlig egal, ob das der Chorbub links hinten ist, Techniker, Laienspieler, Grafiker", sagt Kabarettistin Eva Karl-Faltermeier, die Initiatorin der Aktion. "Man muss auch nicht das Corona-Opfer sein, damit man interessant wird." Die "Kulturinventur" soll auch zeigen, wie sehr sich das Leben von unzähligen Menschen verändert hat, seit wir in Zeiten der Pandemie leben. Denn: Die Kultur ist "ins Hinterzimmer verschwunden", sagt Karl-Faltermeier.

Ein Grundbedürfnis wird entzogen

Mindestens 288 Plakate sollen zunächst entstehen, um die vielfältige Kulturlandschaft und die zahlreiche Akteure in der Regensburg zu zeigen. Karl-Faltermeier und ihre Mitstreiter hoffen auf eine entsprechend große Resonanz in der Branche. "Je mehr Leute kommen, umso sichtbarer werden wir", sagt sie. Doch auch, wenn sich nicht so viele Kulturschaffende wie erhofft im Thon-Dittmer-Palais einfinden, so gäbe es für die Kabarettistin auch eine Erkenntnis: "Das würde zeigen, dass die Kulturwirtschaft eben nicht so gut organisiert ist wie andere Bereiche." Die Initiatoren der "Kulturinventur" möchten dazu beitragen, dass sich die Kulturszene zukünftig untereinander besser vernetzt. Doch hierfür muss sie sich vor allem erst mal zeigen, im Lockdown sichtbar werden.

Ist die "Kulturinventur" auch mit einer Botschaft in Richtung Politik verbunden? "Natürlich", sagt Karl-Faltermeier. Sie soll zeigen, dass der Gesellschaft "ein Grundbedürfnis entzogen" worden ist. Es darf keine leere Hülse bleiben, wenn es heißt, Kulturschaffende werde man nicht alleine lassen. Dies sei gar nicht so einfach, denn "nie war Kultur weniger sichtbar als 2020", sagen die Organisatoren.

Kultur macht den Menschen aus. Damit sind wir gebildet und unterscheiden uns vom Steinzeitmenschen.

Eva Karl-Faltermeier, Kabarettistin

Eva Karl-Faltermeier, Kabarettistin

Kultur seit Steinzeittagen

Bis zum 22. November können sich Kulturschaffende aus Regensburg im Thon-Dittmer-Palais fotografieren lassen und mit ihrem Porträt einen Beitrag leisten, um Kunst und Kultur sichtbar zu machen. Bereits am 15. Dezember soll es eine Pressekonferenz mit den Ergebnissen der "Kulturinventur" geben. Falls dies (noch) nicht möglich sein wird, soll es im Rahmen einer Demonstration stattfinden. Auch hierbei kann man schließlich kreativ sein.

Die Frage, ob Kultur auch systemrelevant ist, wird nicht gestellt. Aber: "Kultur macht den Menschen aus", sagt Karl-Faltermeier. "Damit sind wir gebildet und unterscheiden uns vom Steinzeitmenschen." Sie kneift ihre Augenlider leicht zusammen. Man kann erkennen, dass sie hinter ihrer Maske lächelt und schiebt schnell nach: "Wobei, auch bei Höhlenmenschen hat es ja schon Kultur gegeben."

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