18.09.2018 - 10:19 Uhr
RegensburgOberpfalz

Stefan Kessler – Leben im Rollstuhl Höhen und Tiefen erfahren

Eine geschützte Welt, hier in der Spezialklinik für Patienten mit Rückenmarksverletzungen, für Menschen, die querschnittsgelähmt sind und ihr Leben im Rollstuhl verbringen. Seit einigen Wochen lebt Stefan Kessler in dieser geschützten Welt, in der die Gesellschaft mit all ihren Herausforderungen und Blicken außen vor ist. “Ich lebe in einer Blase unter Gleichen”, sagt der damals 17-Jährige, verzweifelt und doch zögerlich Mut fassend für sein neues Leben nach dem schrecklichen Autounfall. In den folgenden Jahren erkennt Stefan Kessler, dass das Leben da draußen ohne Therapeuten, ohne Reha viele praktische und menschliche Hürden im Alltag bereithält – und erkennt auch, dass das Leben weiterhin schön ist.

von Gesund & VitalProfil

Wir sitzen an einem kleinen Bistrotisch direkt an der Straße gelegen, Kaffeewölkchen kringeln sich in die heiße Sommerluft, eine ältere Dame nähert sich und ist beeindruckt angesichts des Rollstuhlfahrers, der wenige Augenblicke vorher mit rasantem Tempo an der Dame vorbeigerollt ist. „Alles Gute“, sagt sie noch lächelnd, winkt und geht weiter. Rollstuhlfahrer sind selten anonym unterwegs. Stefan Kessler sitzt in einem sportlichen Handbike, sein mächtiger Oberarm zeigt ein Tattoo: “Believe”. Den Glauben an das Leben und sich selbst hat Stefan Kessler nie aufgegeben, doch die Zeit nach jener tragischen Autofahrt, bei der sein Freund tödlich verunglückt und der 17-jährige Stefan schwer verletzt worden ist, hat tiefe Verzweiflung ausgelöst, ihn in einer Schockstarre zurückgelassen. Der junge Mann, der eigentlich Koch gelernt hat und nun in einer Spezialklinik liegt – mit dem Wissen, nie wieder gehen zu können, für immer im Rollstuhl zu sitzen – sieht sich im Krankenbett liegend einer ultimativen Entscheidung ausgesetzt: „Entweder ich gehe daran zugrunde, oder ich mache das Beste daraus.” Seinen 18. Geburtstag feiert Stefan Kessler in der Klinik, gerade volljährig geworden, hat der junge Erwachsene seine Lebensentscheidung getroffen.

Das ganze Leben noch vor sich… wenn Stefan Kessler von damals erzählt, schwingen weder Traurigkeit noch Bedauern in seinen Worten mit, denn sein ganzes Leben noch vor sich zu haben, im Rollstuhl, das – so erkennt Stefan Kessler im Laufe der Jahre und seines Leben – hat ihm geholfen, mit dieser Herausforderung fertig zu werden. „Als Mensch mit gerade mal 18 Jahren ist dein Leben noch nicht stark vorgezeichnet, du kannst dein Leben auf den Rollstuhl ausgerichtet planen, du verfügst nicht schon über viele berufliche Jahre, in denen du deinen Job lieben gelernt hast und nun eine schmerzliche Umschulung machen musst. Auch gibt es selten eine Ehefrau in diesem Alter, die sich dann entscheiden müsste, ob sie mit einem Menschen, der plötzlich ein Handicap hat, weiterhin verheiratet sein kann.“ Das ganze Leben noch vor sich… Stefan Kessler hat sich entschieden, das Beste daraus zu machen, das beste Leben im Rollstuhl.

Eine Entscheidung zu fällen, ist das eine, sie mit Optimismus, Freude und Leben zu füllen das andere. Stefan Kessler hadert. Wie soll es konkret weitergehen? Mit Beruf? Alltag? Seinem geliebten Sport? In der Klinik lernt der junge Mann eines Tages sein großes Vorbild kennen, niemanden mit berühmtem Namen, lediglich einen anderen Rollstuhlfahrer, der zur regelmäßigen Reha kommt und sich nun mit Stefan Kessler für kurze Zeit das Zimmer teilt. Der Mann sitzt bereits seit 15 Jahren im Rollstuhl und macht dem jungen Stefan Mut, mehr noch – schafft es, ihm zu zeigen, dass ein Leben im Rollstuhl Normalität bedeuten kann. „Auto fahren, in andere Länder reisen, Sport treiben, wir können alles machen, nur im Sitzen.“ Die beiden Männer verstehen sich. Für Stefan Kessler beginnt die Zeit, in der sein Leben eine Wende nimmt, die entscheidende Wende.

Der frische Rollstuhlfahrer verlässt nach vielen Monaten der Reha die Klinik, verlässt seine schützende Blase unter Gleichen – und stellt fest: die Gesellschaft bremst ihn aus. Mit Blicken, die ihn verfolgen, mit alltäglichen Hürden wie Treppen und Türen, zu viele Herausforderungen gilt es zu meistern. und weitere Schwierigkeiten tun sich auf: Geliebte Menschen um ihn herum meinen es gut, doch ihre Fürsorge und Hilfestellungen erdrücken ihn. Die Klinikblase droht in eine Alltagsblase überzugehen, mit der fatalen Folge, dass ein eigenständiges Leben für Stefan Kessler nahezu unmöglich ist. Nein, nicht zugrundegehen, sondern das Beste daraus machen. „Ich bin nach Regensburg gezogen, in meine eigene Wohnung, habe Industriekaufmann gelernt, mich in mein selbstständiges Leben hineingekämpft und immer wieder durchgekämpft.“ Dieser Ehrgeiz hat ihn bis hierher geführt, an den kleinen Bistrotisch an der Straße, hier hat Stefan Kessler zusammen mit zwei Partnern sein eigenes Geschäft – rollactiv, ein Fachgeschäft für Menschen im Rollstuhl, für Menschen mit Handicap. Beratung und Lebenshilfe quasi auf Augenhöhe, für den Weidener weniger Beruf, als vielmehr Berufung.

Sport ist der Schlüssel für Stefan Kessler. Schon immer hat Sport eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt, früher Leichtathletik, jetzt Basketball, respektive Rollstuhlbasketball. Als Trainer und Spieler engagiert sich der Sportler bei den rollactiv baskets Oberpfalz. „Sport stützt und fördert die Eigenständigkeit, Rollstuhlfahrer müssen mehrmals am Tag übersetzen, vom Rollstuhl ins Auto, vom Rollstuhl aufs Sofa und natürlich umgekehrt – da helfen trainierte Oberarme.“ Die ältere Dame kommt wieder ums Eck, lächelt und winkt von der anderen Straßenseite herüber. Rollstuhlfahrer sind selten anonym unterwegs. Die Klinikblase hat Stefan Kessler längst verlassen, ein weiter Weg zurück ins aktive, glückliche Leben liegt hinter ihm. Dass dieser Weg im Rollstuhl zurückgelegt worden ist, spielt eigentlich keine Rolle, das Leben sucht sich seinen weg, Stefan Kessler hat ihm selbstbestimmt die Richtung vorgegeben.

Info:

Rollstuhlbasketball

Wer sich für die rollactiv baskets Oberpfalz interessiert, findet hier Informationen rund um Spiele und Team: www.rollactiv-baskets.de in der Oberpfälzer  Mannschaft  der  Regionen  Weiden,  Schwandorf  und  Amberg spielt die deutsche Nationalspielerin Gesche Schünemann, die – wie Stefan Kessler findet – beste Rollstuhlbasketballspielerin der Welt.

Text und Fotos: Norbert Eimer

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