Wenn das Zusammenleben in der Familie eskaliert, finden manche Jugendliche ein neues Zuhause in einem Heim. Falls auch dort das Zusammenleben nicht funktioniert, wird das Jugendamt eingeschaltet. Doch manchmal finden selbst die Experten dort keine passende Lösung. Eine große Fachtagung widmete sich am Donnerstag in Regensburg jugendlichen "Systemsprengern".
Lukas ist 15 Jahre alt, er nimmt Drogen, hat ein zerrüttetes Verhältnis zu seiner Mutter und Angst vor der Zukunft. Seine Kindheit war geprägt von instabilen Beziehungen und Krisen. Seine Mutter war bereits während der Schwangerschaft heroinabhängig. Als Lukas auf die Welt kommt, ist sie nicht in der Lage, ihm die nötige Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken. Lukas lebt kurz in einer Bereitschaftspflegefamilie, später bei seiner Oma, die stirbt, als er fünf Jahre alt ist. Er kommt bei seiner Tante unter.
Als er zwölf Jahre alt ist, kommt die Tante mit einem neuen Partner zusammen, gegen den Lukas rebelliert. In der Förderschule wird er immer aggressiver, schließlich schlägt er einer Erzieherin ins Gesicht. Es folgen Jahre in verschiedenen Jugendeinrichtungen, aus denen Lukas immer wieder wegläuft. Irgendwann will ihn keine Einrichtung mehr nehmen - das Jugendamt steht vor der Frage, wie der Junge betreut werden kann.
Volker Sgolik, Leiter des Amtes für Jugend und Familie der Stadt Regensburg, schilderte Lukas' Geschichte bei der Fachtagung "Bei uns ist jetzt Schluss!" des Regensburger Kinderzentrums St. Vincent eindrücklich. "Da ist ein Kind, das uns bis an die Grenze des Belastbaren herausfordert, das permanent wissen will: Kannst du mich aushalten? Willst du mich?" Der Umgang mit solchen Jugendlichen gleiche oft einer Gratwanderung: Einerseits suchen sie sehnlichst eine Person, die sie nicht wieder verstößt. Andererseits brechen sie selbst immer wieder aus dem System aus, suchen die Freiheit. So wie Lukas in Sgoliks Beispiel: Er schläft immer mal wieder ein paar Nächte im Freien, hängt mit Freunden aus dem Drogenmilieu herum.
Sgolik sprach sich dafür aus, hier auch einmal neue Wege auszuprobieren und für einen solchen Jugendlichen trotz aller Sicherheitsbedenken ein lockereres Betreuungsangebot maßzuschneidern, gegen das er nicht ständig rebellieren muss. Jugendamt, Heim-Einrichtungen und gegebenenfalls auch die Polizei müssten hier zusammenarbeiten. Bei Michael Eibl, Direktor der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) in der Diözese Regensburg, zu der das Kinderzentrum St. Vincent gehört, stieß Sgolik auf offene Ohren. "Lasst uns gemeinsam für die Jugendlichen neue Lösungen finden", sagte Eibl.
Es sind nicht wenige Familien, in denen das Zusammenleben so gestört ist, dass von außen eingegriffen werden muss. Allein in Regensburg gewährte das Jugendamt im vergangenen Jahr 1864 Mal "Hilfen zur Erziehung", 100 Kinder waren in Vollzeitpflegestellen untergebracht, 288 im Heim, 106 in einer stationärer Eingliederungshilfe. Wichtig ist Amtsleiter Sgolik die Prävention. "Wir müssen die ersten Notsignale aus Familien noch besser verstehen", sagte er.
Einen Blick auf die Effektivität der verschiedenen Hilfsangebote für herausfordernde junge Menschen warf Michael Macsenaere, geschäftsführender Direktor des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz. Demnach haben die klassischen Unterstützungsmaßnahmen, die Unterbringung in Tagesgruppen oder Heimen, durchaus positive Effekte. Noch besser wirken Macsenaere zufolge aber neu entwickelte Angebote wie Intensivgruppen, die - kontrovers diskutierte - geschlossene Unterbringung oder auch individualpädagogische Maßnahmen. Grundsätzlich gelte: "Jugendhilfe rechnet sich: Jeder Euro, der heute in die Arbeit mit Systemsprengern investiert wird, fließt mit gut drei Euro zurück in die Gesellschaft." Noch wichtiger als der monetäre Effekt sei, dass die Hilfsangebote tatsächlich zahlreichen Jugendlichen die Teilhabe am "normalen" Leben ermöglichen.
Allerdings gebe es bei etwa der Hälfte der betroffenen Jugendlichen auch nach langjährigen Maßnahmen kaum positive Veränderungen, gab Macsenare zu bedenken. An die anwesenden Pädagogen und Fachkräfte appellierte er, auf die wichtigsten Wirkfaktoren zu setzen: Ohne eine gute Beziehungsqualität zu den Jugendlichen und eine Beteiligung der Jugendlichen an den sie betreffenden Entscheidungen bleibe der Erfolg von Unterstützungsmaßnahmen oft aus.















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