28.11.2018 - 15:09 Uhr
RegensburgOberpfalz

Kronzeuge gegen Regensburger Drogenbande

Das Landgericht Regensburg wird zum Sicherheitstrakt. Ein 41-jähriger - als "höchst gefährdet" eingestufter - Angeklagter soll als Kronzeuge gegen eine Drogenbande aus Regensburg auspacken.

Justiz
von Autor AHSProfil

Mit Packpapier abgeklebte Fenster im Sitzungssaal, ein separater Aufenthaltsraum für den Angeklagten und seinen Verteidiger sowie verschärfte Einlasskontrollen: Für den Prozess gegen einen 41-jährigen ungarischen Hilfsarbeiter wegen unerlaubter Einfuhr von Betäubungsmitteln verwandelte sich ein Teil des Sitzungsgebäudes des Landgerichts Regensburg in einen Sicherheitstrakt. Die Justiz stufte den Mann als "höchst gefährdet" ein - er sollte als Kronzeuge gegen eine siebenköpfige albansiche Drogenbande aus Regensburg aussagen.

Ins Visier der Fahnder geriet der Angeklagte durch die Telefonüberwachung des 55-jährigen Wirts der Regensburger Kneipe "Sun-Inn", der zuzeit mit sechs Komplizen vor einer anderen Strafkammer des Landgerichts Regensburg auf der Anklagebank sitzt. Sie sollen innerhalb eines Jahres Betäubungsmittel mit einem Schwarzmarktwert von 1,7 Millionen Euro vertickt haben (wir berichteten). Die Ermittler fingen im Oktober vergangenen Jahres ein Gespräch ab, in dem eine Lieferung nach Regensburg "in einer halben Stunde" angekündigt wurde. Deshalb wurde das Lokal am Auweg observiert.

GPS-Sender bringt Erfolg

Tatsächlich fuhr ein Auto mit ungarischer Zulassung vor, dessen Fahrer eine weitere Person einsteigen ließ und mit dieser weiter zu einer der Polizei bekannten Lagerhalle in der Straubinger Straße fuhr. Als die beiden wieder zurückkamen und in das Lokal gingen, brachten die Ermittler einen GPS-Sender am Fahrzeug an. Damit wurden die Routen des Fahrzeugs verfolgt.

Bei seiner dritten Einreise im Dezember letzten Jahres wurde der Angeklagte kurz hinter der Passauer Grenze festgenommen - und sein Fahrzeug zerlegt. In einem Hohlraum im Seitenschweller fanden die Ermittler rund zwölf Kilogramm Marihuana, das mit Kaffeepulver versetzt war, um Drogensuchhunde abzulenken. Das professionell angelegte Versteck war verspachtelt und mit Originalfarbe überlackiert worden. Auf diese Weise hatte der Angeklagte insgesamt 41 Kilogramm Marihuana nach Regensburg gebracht, wie der Mann gestand.

Das Geld für den Einkauf, 35 000 Euro, hatte er von seinen Auftraggebern im Vorfeld erhalten. Er selbst habe für die Kurierfahrten zwischen 600 Euro und 800 Euro erhalten. Da er überdies signalisierte, bei der weiteren Aufklärung mitzuwirken, wurde ihm die sogenannte "Kronzeugen-Regelung" in Aussicht gestellt. Damit konnte er mit einer deutlich milderen Strafe von unter fünf Jahren rechnen. Durch seine Hinweise konnten weitere Drogendealer in Memmingen und Weiden, die Hintermänner in Serbien und mehrere Abnehmer festgenommen werden.

Nach Verlesen des Anklagesatzes zogen sich die Prozessbeteiligten zu einem Rechtsgespräch zurück. Danach stellte die Gerichtsvorsitzende, Richterin Bettina Mielke, dem Angeklagten für den Fall eines umfassenden Geständnisses eine Freiheitsstrafe zwischen dreieinhalb Jahren und vier Jahren und drei Monaten in Aussicht. Über seinen Verteidiger Sebastian Gaßmann räumte der Angeklagte daraufhin die Vorwürfe ein. Ergänzend fügte er an, dass sein Mandant als ungelernter Arbeiter in Ungarn nur zwischen 350 Euro und 400 Euro verdienen würde, wovon er eine vierköpfige Familie ernähren müsse.

"Kleinstes Rädchen"

Zusätzlich belastend seien für ihn die Behandlungskosten für seinen schwer hörgeschädigten kleinen Sohn. Dieser brauche ein Implantat, dessen Kosten von 8000 Euro die Krankenkasse nicht übernehmen würde. Ein Kripo-Beamter bezeichnete den Angeklagten als "kleinstes Rädchen" einer serbischen Drogenbande, dem man nur mit den nötigsten Informationen ausgestattet hatte.

Mit seinem Urteil von drei Jahren und zehn Monaten wählte die Strafkammer den Mittelweg. Außerdem verfügte sie, dass das Tatfahrzeug eingezogen wird. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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