23.05.2019 - 08:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

"Wir müssen uns ständig in Frage stellen"

Seit Ende Juli vergangenen Jahres steht Michael Matt als Präsident an der Spitze der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim. In Personalunion ist er Chef eines großen Optik-Filialisten. Zwischenruf eines Funktionärs und Einzelhändlers.

IHK-Präsident Michael Matt: "Wellenbewegungen in der Wirtschaft sind ganz natürlich."
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Herr Matt, wie steht die Oberpfalz wirtschaftlich da?

Michael Matt: Die jüngsten Erhebungen sagen, dass bei den meisten Unternehmen die Auftragsbücher nach wie vor voll sind. Unserer Wirtschaft geht es also, ganz pauschal gesagt, sehr gut. Allerdings beobachten wir seit etwa neun Jahren diesen Boom. Dass sich das mal wieder abflachen muss, liegt in der Natur der Sache. Wenn die Entwicklung stagniert oder vielleicht nach unten zeigt, schafft das auch die Möglichkeit, sich neu zu justieren. Im Tal muss man investieren. Ich bin ein Freund von Wellenbewegungen und behaupte sogar: der Abschwung von 2008 hat uns gut getan.

ONETZ: Also den nächsten Abschwung freudig erwarten?

Michael Matt: Nein, selbstverständlich nicht. Aber die Zyklen sind natürlich. Gleichwohl haben die großen Betriebe solche Themen wie Brexit oder mögliche Gefahren für den Freihandel im Blick und überlegen sich konkret, wie zum Beispiel auf einen Brexit zu reagieren wäre. Das sind natürlich Szenarien, die wir uns nicht wünschen. Im Blick haben muss man natürlich auch, was sich in Indien und speziell in China tut, Stichwort "Neue Seidenstraße". Hier geeignete Antworten zu finden, ist Aufgabe der ganzen Volkswirtschaft, nicht nur der Oberpfalz. Es geht zum Beispiel um faire Steuern, Offenheit in der Bevölkerung gegenüber neuen Technologien, flächendeckende Breitbandversorgung. Wir müssen uns ständig in Frage stellen. Wir haben aber schon ein Pfund, um das uns alle beneiden.

ONETZ: Nämlich?

Michael Matt: Die duale Berufsausbildung! Unsere Fachkräfte haben eine breite Ausbildung, blicken über den berühmten Tellerrand hinaus und können so Veränderungen flexibel begleiten und mitgehen. In vielen anderen Ländern haben Sie Spezialisten. Die bekommen gezeigt, wie etwas funktioniert. Ändern sich die Rahmenbedingungen, haben sie aber oft nicht die gleiche breite Wissensbasis wie unsere Leute. Unsere Gesellschaft benötigt Akademiker, die Nachfrage nach guten, dual ausgebildeten Fachkräften ist in vielen Unternehmen aber größer. Daran sollte jeder bei der Berufswahl denken.

ONETZ: Sehen Sie in der Oberpfalz ein wirtschaftliches Nord-Süd-Gefälle?

Michael Matt: Unbestritten ist Regensburg ein Motor. Aber die mittlere und nördliche Oberpfalz haben hervorragende Standortbedingungen, gut ausgebildete Fachkräfte, geringere Lebenshaltungskosten und vor allem eine Fülle an innovativen, leistungsstarken Betrieben. Nehmen Sie zum Beispiel das Intralogistik-Unternehmen IGZ in Falkenberg, das ich kürzlich besucht habe: Das Unternehmen ist in jeder Hinsicht modern, investiert viel Geld und unter den Mitarbeitern herrscht eine super Stimmung. In Zeiten der Digitalisierung ist es oft sekundär, ob Sie Ihren Schreibtisch in der Großstadt oder auf dem Land haben.

ONETZ: Als IHK-Präsident vertreten Sie auch den Einzelhandel.

Michael Matt: Als Optik-Filialist beobachte ich den Einzelhandel natürlich mit besonderem Augenmerk, klar. Der Einzelhandel ist grundsätzlich zum Umdenken aufgefordert. Durch das Internet sind die Kunden viel aufgeklärter und anspruchsvoller geworden. Mittelmäßigkeit genügt hier nicht mehr. Die Kunden verlangen heute nach mehr Empathie als früher. Als Einzelhändler muss man darüber hinaus die ganze Welt des Marktes bieten. Im Wohnzimmer hat der Kunde das heute ja auch. Shopping steht aber auch für ein Lebensgefühl. Von daher bin ich ein Fan des Einzelhandels, weil er dem Kunden andere Vorteile bieten kann als ein Internetportal.

ONETZ: Zehn Monate als IHK-Präsident: Sind Sie angekommen?

Michael Matt: Ich denke schon. Natürlich musste ich mich in viele Bereiche erst einarbeiten. Mit meinem eigenen Unternehmen stellt die Funktion ganz klar eine Doppelbelastung dar. Viel Zeit für die Familie, die Freiwillige Feuerwehr, für die ich mich nach wie vor engagiere, und mein Hobby Oldtimer-Fahren bleibt nicht mehr. Aber von Seiten der IHK bekomme ich volle Rückendeckung und werde perfekt unterstützt. Hier arbeiten Profis!

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