03.03.2019 - 19:09 Uhr
RegensburgOberpfalz

Sea-Eye: „Wir sind der Finger in der Wunde“

Die Regensburger Organisation Sea-Eye rettet Flüchtlinge vor dem Ertrinken – und muss dafür Kritik einstecken, wie ihr Gründer Michael Buschheuer bei einem Vortrag berichtet.

Michael Buschheuer sprach auf Einladung von Linken-Bundestagsabgeordneter Eva-Maria Schreiber über die Situation der Seenotretter im Mittelmeer.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Kaum eine Organisation polarisiert so stark wie die Regensburger Sea-Eye-Seenotretter. Die private Initiative wird auf der einen Seite für ihre humanitäre Mission auf dem Mittelmeer gefeiert. Kritiker erheben jedoch den Vorwurf: Wer Flüchtlinge rettet, sorgt dafür, dass sich mehr Menschen auf den gefährlichen Weg nach Europa machen.

Die „Alan Kurdi“ ist das einzige Rettungsschiff, das der Sea-Eye geblieben ist. Zwei weitere Schiffe wurden in Malta am Auslaufen gehindert. Ein Schnellboot wurde von der libyschen Küstenwache beschlagnahmt. Die „Alan Kurdi“, benannt nach dem toten Jungen am Strand, dessen Foto 2015 die Welt berührte, ist überhaupt das einzige verbliebene Schiff einer privaten Seenotrettungsorganisation im Mittelmeer. 2016 waren es noch 13 Schiffe, die nach Flüchtlingen Ausschau hielten. Bis 2014 gab es mit der italienischen Marine-Operation „Mare Nostrum“ sogar eine staatlich organisierte Seenotrettung.

Die Einstellung von „Mare Nostrum“ war es, die Michael Buschheuer, Unternehmer aus Regensburg und Hobbysegler im Mittelmeer, ins Grübeln brachte: Wer rettet nun die Menschen, die ihr Leben in Libyen in die Hände von Schleppern legen, in den seeuntauglichen Schlauchbooten aber so gut wie keine Chance haben, es lebend nach Europa zu schaffen? Seine Recherche ergab: niemand. „Es war für mich nicht vorstellbar, dass dieses Defizit im Raum stehen bleibt“, sagte er. Er gründete den Verein Sea-Eye, kaufte einen alten Fischkutter und startete die erste Rettungsmission. Blauäugig, laienhaft, nicht perfekt ausgerüstet, räumte Buschheuer ein. Doch der Plan ging auf: Die wechselnden Crews der Sea-Eye retteten bis heute über 14 000 Menschen auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken. Die Rolle der Sea-Eye beschrieb Buschheuer als eine Art Feuerwehr, die ohne viel zu fragen helfen muss, wenn es brennt.

Mit dem Erfolg kam auch die Kritik: Die Seenotretter würden dafür sorgen, dass die Schlepper immer weitere Flüchtlinge auf die Reise übers Mittelmeer schicken, lautet der Vorwurf. Für Buschheuer ist er „absurd“. „Sollen wir sagen, 500 Menschen müssen ertrinken, damit dann niemand mehr kommt?“ Mehrere universitäre Studien würden widerlegen, dass die privaten Seenotrettungsorganisationen Auslöser für hohe Flüchtlingszahlen sind. Die Fluchtzahlen über Libyen seien bereits 2014 sprunghaft angestiegen – damals waren noch gar keine privaten Seenotretter auf dem Mittelmeer unterwegs. „Wir wurden erst mit Skepsis betrachtet, dann gefeiert, dann geprügelt und stehen jetzt sogar unter geheimdienstlicher Überwachung von Italien“, fasste Buschheuer zusammen. „Wir sind der Finger in der Wunde.“

Auf das Schärfste wies er den „hässlichen“ Vorwurf zurück, die privaten Seenotretter würden mit den Schleusern zusammenarbeiten. Das seien „Mörder“, die Menschen wissentlich in den Tod schicken, sagte Buschheuer. Er wiederum kritisierte die EU, die seit Februar 2017 die libysche Küstenwache unterstütze, um Menschen von der Flucht zurückzuhalten. Die libysche Küstenwache sei durchsetzt mit Schleusern und sei nun ihrerseits interessiert an weiteren Bootsflüchtlingen, „um EU-Gelder anzuzapfen“.

Die Ingolstädter Linken-Bundestagsabgeordnete Eva-Maria Schreiber hatte Buschheuer eingeladen, über die Situation der Seenotretter zu sprechen. „Ich danke euch sehr, dass ihr euch nicht unterkriegen lasst“, sagte sie bei der Veranstaltung am Donnerstagabend in Regensburg, die unter dem Titel „Seenotrettung – Wenn Humanität plötzlich zum Verbrechen wird.“ Schreiber sieht die EU in der Pflicht, die Seenotrettung selbst zu übernehmen. „Die Retter tun nichts anderes, als das Versagen der Politiker auszubügeln.“

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