Mit dem Rad ans Nordkap

Wolfgang Stöckl macht es wieder. Kommenden Freitag startet der Radsportler ganz alleine eine Tour, die es in sich hat. Dass ihm ein Arm fehlt, kann den früheren Paralympics-Medaillengewinner nicht bremsen.

Wolfgang Stöckl und sein Ghost. Am 29. Juni geht es los
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

(wüw) "Wenn ich auf einen hungrigen Bären treffe, habe ich keine Chance. Die laufen schneller als ich fahren kann." Wolfgang Stöckl hat wirklich alle Möglichkeiten durchgespielt. Und abgesehen vom eher unwahrscheinlichen Bären hat der 51-Jährige für alle Möglichkeiten eine Lösung durchdacht: Die Tour zum Nordkap kann starten. Am 29. Juni geht es los.

Der nördlichste Punkt Europas geistert schon länger durch Stöckls Kopf. 2016 war er kurz davor aufzubrechen. Dann bremste ihn ein unnötiger Fahrradunfall, bei dem er sich den Armstumpf brach. Das enge Zeitfenster war dahin. 500 Kilometer nördlich des Polarkreises kann man mit dem Rad nur ein paar Wochen im Juni und Juli fahren. Und selbst im Hochsommer kann es ungemütlich werden. "Vor ein paar Tagen hat es geschneit", sagt Stöckl. "Es schaut jetzt aber ganz gut für die nächsten Wochen aus."

An die Grenzen

Die extreme Lage schockt Wolfgang Stöckl nicht, eher zieht sie ihn an. Der Rothenstädter ist immer schon auf der Suche nach Herausforderungen. 2012 hatte er zwar vom Wettkampfsport genug. Die Faszination blieb. Heute gehe es darum, die eigenen Grenzen auszuloten. Stöckl misst sich deshalb lieber mit sich als mit anderen.

Das wirkt sich aufs Training aus. Die Runden mit den Freunden hat er zuletzt gemieden. "In der Gruppe fängt immer einer an, am Gas zu drehen." Und natürlich könne er dann nicht ruhig bleiben. Aber genau das ruhige Fahren unterhalb der Leistungsgrenze sei die richtige Vorbereitung. Schließlich stehen täglich 200 Kilometer und mehr an, zwei Wochen am Stück. Zum Ende werde die Tour richtig bergig. Und weil Stöckl ohne Begleitfahrzeug aufbricht, muss er 15 Kilogramm Gepäck am Rad verstauen. Mit etwa 16 000 Trainingskilometern in den vergangenen anderthalb Jahren hat Stöckl sich die Form gebracht.

Aber nicht nur körperlich ist die Tour gut vorbereitet. Die Strecke ist genau geplant. In Rügen geht es für ein paar Stunden auf die Fähre nach Trelleborg in Schweden. Von dort führt der Weg immer nach Norden, immer mehr in die Einsamkeit. Stöckl ist auch mental darauf vorbereitet, Tage zu verbringen, ohne Menschen zu sehen. Erst wenn er über Finnland Norwegen und dann 300 Kilometer später das Ende Europas erreicht, wird es mehr Gesellschaft geben. "Am Kap selbst sind viele Kreuzfahrt-Touristen." Per Schiff wird es auch für Stöckl zurückgehen.

Zuvor wird viel von der Ausrüstung abhängen, in die der Perfektionist ebenso viel Zeit investiert hat. Alles ist optimiert - vom leichtesten Schlafsack, bis zur am schnellsten trocknenden Kleidung. Herzstück der Tour ist natürlich das Ghost-Fahrrad. Ein Gravelbike, eine Mischung aus Mountainbike und Rennrad, die für das Fahren auf Schotter (Gravel) optimiert ist. Die Räder sind derzeit in Mode, das Stöckl-Rad aber ist wahrlich ein Unikat.

Denn auch hier hat der Sportler viele Ideen und Erfahrung einfließen lassen. Das beginnt beim Akkuladen über den Nabendynamo und dem weltweit ersten Scheibenbremsen-Paar, das sich mit einer Hand optimal dossiert steuern lässt. Stöckl hat die Technik gemeinsam mit einem Bremsenhersteller umgesetzt. "Ich bin ein bisschen wie Michael Schuhmacher", sagt Stöckl. Der Rennfahrer kannte auch jede Schraube an seinem Auto. So gehe es ihm mit dem Rad. "Es gibt nichts, was ich nicht reparieren könnte." Die Angst vor Pannen schreckt ihn deshalb am wenigsten ab.

Auch bei der Griffhalterung für seine Prothese hat sich Stöckl etwas Neues einfallen lassen. "Damit war ich auf einer Orthopädie-Messe in Leipzig der Star", erklärt ein schmunzelnder Stöckl. Die Forschung in dem Bereich bringe immer filigranere Prothesen hervor, bei denen man zum Teil die Fingerglieder bewegen kann. "Aber Radfahren kann man mit diesen empfindlichen Teilen nicht." Deshalb sei er umlagert gewesen von Leuten, die auch mehr Freiheit beim Sport wollen.

Drei Fragen an Wolfgang Stöckl

Stöckl hilft gerne. Denn auch wenn er nie ein Wort des Jammers über seine Einschränkung verliert, natürlich mache er sich ständig Gedanken, wie er das Handicap verringern, seine Möglichkeiten erhöhen kann. "Es geht so viel, wenn man nur will und sich nicht von einer Enttäuschung entmutigen lässt", erklärt Stöckl. Diese Einsicht versuche er an andere weiterzugeben. "Es ist dann Lohn genug, wenn man sieht, dass solche Leute wieder Spaß am Sport haben."

Diese Nicht-nachgeben-Einstellung in Verbindung mit der richtigen Vorbereitung sollen Stöckl in 14 Tagen ans Nordkap bringen. Wenn es zwei oder drei Tage länger dauert, wäre das nicht schlimm. "Natürlich spielt das Wetter, der Körper und das Material eine Rolle." Und wenn auch die Dauer nicht klar ist, fest steht schon jetzt, was der Rothenstädter als erstes an der Kugel machen wird, die das Nordkap markiert. "Es sind tatsächlich genau 3333 Kilometer von Rothenstadt ans Kap. Deshalb werde ich als erstes einen Schnaps trinken."

Von Rothenstadt ans Nordkap

Der schönste Lohn

Kommentare

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Heinz Rahm

Pardon, das "Sie" in der ersten Zeile muss natürlich groß geschrieben werden ...

26.06.2018
Heinz Rahm

Respekt, Herr Stöckl! Gute und sichere Fahrt! Und wenn sie da oben sind, besuchen sie meine Klassenkameradin Eva Schmutterer aus Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg! Sie betreibt seit vielen Jahren in Honningsvag eine Kunstgalerie. Die freut sich sicher sehr über Besuch aus der Oberpfalz!

26.06.2018

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