03.10.2021 - 09:20 Uhr
SchirmitzOberpfalz

100 Jahre SpVgg Schirmitz: Rückblick auf eine Zeit, als Kühe und Ziegen über den Sportplatz liefen

Das „St. Pauli“ gibt es nicht mehr, und in der 2. Mannschaft muss heute sehr wohl trainiert werden. 100 Jahre SpVgg Schirmitz sind Anlass zum Feiern, aber auch Gelegenheit zur Erinnerung an skurrile Geschichten. Davon gibt es einige.

Als Ludwig Bock (Vierter von rechts) in den 50er Jahren in der 2. Mannschaft kickte, ging das zumindest in der Zweiten noch ohne regelmäßiges Training.
von Gabi EichlProfil

Die Spielvereinigung wurde innerhalb von zwölf Jahren dreimal neu gegründet. Wenn man es ganz genau nimmt, sogar vielmal. Erst die bisher letzte Gründungsversammlung am 23. März 1946 hatte Bestand. Schauplatz war jedesmal die Gastwirtschaft Heigl, die jahrzehntelang Vereinslokal war.

Zur ersten Gründung einer „Spiel- und Sportvereinigung Schirmitz“ am 22. September 1921 kamen gerade einmal sieben Männer zusammen, die sich trotz des kleinen Kreises nicht entmutigen ließen. Der damalige Bürgermeister stellte dem winzigen Fußballverein die Hüterwiese als Sportplatz zur Verfügung. Als Torpfosten mussten Baumstämme genügen. Nur wenige Wochen nach der Gründung verunglückte der gerade eben gewählte Vorsitzende Karl Spannl tödlich und der junge Fußballclub verschwand kaum gegründet in der Versenkung.

1946 geht es endlich aufwärts

1927 wieder zum Leben erweckt schaffte der Verein den Aufstieg in die A-Klasse, um aber gleich darauf wieder abzusteigen. 1932 wurde der Verein aufgelöst und ein Jahr später erneut gegründet. Durchaus erfolgreich in seiner Klasse brachte der Weltkrieg dem Verein das wiederholte Aus. Von 1946 an aber ging es mehr oder weniger nur noch aufwärts, anfangs bescheiden, in den vergangenen 13 Jahren unter dem aktuellen Vorstand rasant.

Ludwig „Luck“ Bock (80) hat Jahrzehnte Vereinsgeschichte miterlebt - als Fußballer, als Fußballbegeisterter, als jederzeit zupackendes Mitglied „seiner“ Spielvereinigung. Und Bock ist es, der auf die derzeit amtierende Vorstandschaft Lobeshymnen singt. Viele Vorsitzende habe er schon erlebt, erzählt der Luck, gute und sehr gute, aber ein „einmaliges“ Gespann wie das derzeit amtierende unter dem Vorsitzenden und Vereinswirt Siegfried Pautsch habe er noch nicht erlebt, sagt er im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Dieses gewaltige Lob aus Lucks Mund sei nicht verschwiegen, aber eigentlich wollen wir von dem Vereinsfaktotum die Geschichten hören, die nicht in der Chronik stehen. Die Geschichte von den wieder abgerissenen Umkleidekabinen und dem „St. Pauli“ etwa.

Straße mitten durch den Platz

Die ersten Berührungspunkte hat der Luck mit dem damaligen Fußballplatz, wenn man diesen so nennen mag, Ende der vierziger Jahre, als er die drei Kühe und zwei Ziegen seiner Mutter - der Vater war im Krieg gefallen - durch den Platz führte. Das Spiel musste jedesmal unterbrochen werden. Nicht nur für den Luck und seine Tiere, sondern für alle, die während der Erntezeit Getreide oder Heu von den Feldern und Wiesen auf der anderen Seite des Sportplatzes einfuhren. Denn mitten durch den Platz verlief damals die Sandstraße, die erst später verlegt wurde.

Dreckplatz statt weichem Rasen

Wenn Lucks Kühe und Ziegen dann wie die Tiere anderer Gespanne Haufen auf dem Platz hinterließen, waren die Stürze der Fußballer da hinein nicht die schlimmsten; weit schmerzhafter war es damals, überhaupt hinzufallen. Denn der Platz war nicht mit gepflegtem Rasen gepolstert, es war den Worten Bocks zufolge ein reiner Dreckplatz, der in seiner ersten Version zudem ein so starkes Gefälle hatte, dass der Ball von selbst von dem einen Tor ins andere rollte. 1950 wurde der Platz gedreht. Die Verbesserungen für die Spieler bestanden darin, dass sie nun immerhin um die 20 Prozent Rasen hatten, dass die Straße nicht mehr durch den Platz führte und dass der Platz eben war. Erreicht hatte man Letzteres durch eine Auffüllung mit Porzellanschlacke. Die Spieler hatten natürlich nach wie vor nach jedem Spiel heftig lädierte Beine. „Aber am nächsten Sonntag war ja schon wieder ein Spiel“, sagt Luck.

Und so zerschunden konnten die Beine gar nicht sein, dass man nach dem Spiel nicht beim Heigl eingekehrt wäre. Im Hof der Wirtschaft standen für die Spieler drei bis vier Wannen mit Wasser zum Waschen, erst dann gab es das erste Seidel Bier.

Eine Zeitlang hat der Luck selbst mitgekickt. Nur in der „Zweiten“, wie er sagt. Aber trainiert hat er nicht. Dazu hatte er gar keine Zeit. Und das war auch nicht notwendig, in der Zweiten ging das damals auch so.

Umkleide wieder abgerissen

Ende der fünfziger Jahre bauten sich die Spieler eine Umkleidekabine mit zwei Räumen. Sie war noch nicht fertig, als eines Tages der damalige Vorsitzende die jungen Männer bat, damit aufzuhören, denn es werde ein neuer Sportplatz gebaut an der Naab unten. Die glaubten ihm das erst, als er wieder kam; der Rohbau wurde abgerissen und am neuen Standort wieder aufgebaut. Das war 1958 die Geburtsstunde des neuen Sportplatzes wie auch des legendären „St. Pauli“, eines Abstellraums, der bald zum Vereinsheim wurde, benannt nach dem damaligen Wirt Paul Gleißner.

Bock erinnert sich, dass in dem winzigen Raum, der vielleicht gerade einmal 20 Leute fasste, oft mindestens doppelt so viele saßen. Als 1981 das neue Sportheim gebaut wurde, wurde das „St. Pauli“ wieder zum Abstellraum. 1994/95 musste es dann dem heutigen Tennisheim Platz machen.

Jubiläumsfeier der SpVgg Schirmitz verschoben

Schirmitz
Da tat das Hinfallen noch richtig weh: Der erste Sportplatz bis 1950, den die Sandstraße noch regelrecht durchschnitt. Heute stehen dort Einfamilienhäuser.
Reinhard Herrmann (links), ist Teil des erfolgreichsten Vorstands der Vereinsgeschichte, findet „Luck“ Bock, Urgestein und Faktotum des Jubelvereins: Zwei Generationen Spielvereinigung Schirmitz, zwei Männer, für die der Verein zur eigenen Biographie gehört.
Die Spielvereinigung hat zuletzt ihre Anlage rundum saniert, die Parkplätze befestigt und neu gestaltet. Die Fotos zeigen die komplette Anlage des Jubelvereins.
Info:

Die SpVgg Schirmitz im Jahr 2021

  • 670 Mitglieder
  • 7 Sparten (in Klammern die Mitgliederzahl): Fußball (366), Gymnastik (222), Tennis (96), Gesundheitssport (42), Radsport (29), Basketball (24), Kegeln (23)
  • noch lebende Gründungsmitglieder: Josef Troidl, Kurt Zimmerer
  • Vorstand: Siegfried Pautsch (Vorsitzender), Reinhard Herrmann (Stellvertreter), Stefan Bock (Kassier), Thomas Horn (Schriftführer)
  • Sportanlagen sind saniert, Parkplätze mit viel Eigenleistung neu angelegt, Kinderspielplatz und Vereinsgaststätte werden auch von Nichtmitgliedern gut besucht

 

 

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