20.11.2018 - 15:01 Uhr
SchirmitzOberpfalz

Erst Wanderurlaub dann sowjetische Panzer

Am 26. November referiert beim Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing der bekannte Historiker Professor Martin Schulze Wessel über den Prager Frühling. Zeitzeugen, die heute in Schirmitz wohnen, waren am 21.August 1968 in Prag.

Erinnerungen von vor fünzig jahren werden wieder wach für Uta und Fritz-Dieter Doenitz
von Siegfried BühnerProfil

Aus einem Wanderurlaub wurde ein Schreckensszenario. Die Geschichte darüber erzählen Uta und Fritz-Dieter Doenitz. Das Paar wohnt seit dreißig Jahren in Schirmitz. Uta Doenitz ist Fachärztin für Dermatologie und leitete bis vor wenigen Jahren eine eigene Arztpraxis in Weiden. Fritz-Dieter war als Physiker lange Jahre Honorarprofessor an der Universität Bayreuth.

Früher wohnhaft in Erfurt, konnte das Ehepaar noch vor dem Fall der Berliner Mauer in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln. Das Leben in der DDR liegt für die beiden eigentlich schon weit zurück. Doch die Ankündigung des Vortrags von in Weiden ließ die Vergangenheit wieder lebendig werden. Im Vortrag geht es um Aufstieg und Niederschlagung des Prager Frühlings in der damaligen Tschechoslowakei vor genau fünfzig Jahren.

In der Hohen Tatra

In den Tagen als die Panzer des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei einfielen, verbrachte das Ehepaar Doenitz einen Wanderurlaub in der Hohen Tatra. "Die Russen sind einmarschiert, schnell runter vom Berg und wieder nach Hause nach Erfurt", sagten sich die beiden als sie auf dem 2500 Meter hohen Berg Rysy von den Unruhen erfuhren.

Doch die Rückfahrt durch die gesamte Tschechoslowakei wurde zum traumatischen Erlebnis, das nur verdrängt, nie vergessen werden kann. "Mit dem Bus vom Urlaubsort Starý Smokovec in die Stadt Poprad, das ging ja noch gut", berichtet Uta Doenitz. Doch schon in Poprad herrschte Aufregung, die Stadt war voll mit russischen Soldaten. Geschossgarben im durchsiebten Schaufenster, mit Blumen umrahmte Fotos zweier offensichtlich erschossener junger Männer, einheimische Lkw, die russische Panzerspähwagen blockieren, und viele russische Panzer auf dem Marktplatz haben sich als Bilder tief eingeprägt. "Die Panzer nahmen wenig Rücksicht auf die Gebäude" erzählt die Zeitzeugin. "Wir sahen zu, schnell zum Bahnhof zu kommen, denn die Lage spitzte sich zu."

Letzte Plätze nach Prag

Tatsächlich sei am Bahnhof ein Zug nach Prag gestanden und "wir fanden gerade noch einen Platz". Er war in voller Länge mit antisowjetischen Losungen bemalt, unter anderem "Breschnew gleich Hitler". Der Zug fuhr los, "drinnen herrschte eine angespannte Atmosphäre, bei der die Menschen am Radio hörten, was mit den nach Moskau verschleppten tschechoslowakischen Führern Dubcek und Svoboda passiert war. Im Morgengrauen erreichten sie einen ein Vorort von Prag. Der Zug hielt unter einem Spalier von Panzerrohren.

"Die dortigen Erlebnisse stecken uns noch immer tief in den Knochen" sagt Fritz-Dieter. "Ich habe geweint wie ein Schlosshund" berichtet Uta. Sie hatten miterlebt, wie ein tschechischer Offizier aus dem Abteil geholt wurde, sich mehrfach geweigert hatte, den Schriftzug "Breschnew gleich Hitler" abzuwischen und erst im letzten Moment gerettet und nicht erschossen wurde. "Die Gewehre waren bereits durchgeladen". Mutig beschimpften Zugpassagiere die jungen russischen Soldaten "Okkupanti, Okkupanti". Langsam kroch der Zug in Richtung DDR-Grenze. Vom grenznahen Decín mussten die völlig übernächtigten und verängstigten Urlauber noch sechs Kilometer zu Fuß bis zur Grenze nach Schmilka gehen. Und waren in Sicherheit.

Hintergrund:

Rückwirkend betrachtet sind für Uta und Hans-Dieter Doenitz die Geschehnisse in der Tschechoslowakei vor fünfzig Jahren mehr als nur ein traumatisches Erlebnis. Die DDR befand sich damals in den Jahren nach dem Mauerbau in einer Aufbruchphase. Die Bevölkerung störte sich zwar an der politischen Unterdrückung, hatte sich jedoch mit dem System arrangiert.

„Die Tschechoslowakei stand uns am nächsten“, sagte Uta Doenitz. Gedacht wurde über den Prager Frühling „das lassen die Russen nicht zu“. Der Zusammenbruch des Aufstands wurde daher in der DDR mit größter Gelassenheit erlebt und als Bestätigung gesehen, „das konnte nicht gut gehen“. Als Zeitzeugen beobachtete das Paar sehr unterschiedliche Reaktionen in der Slowakei und in Tschechien. Die Tschechen waren aggressiv, denn nach Hitler war jetzt der Warschauer Pakt einmarschiert. Die Slowaken reagierten mit passivem Widerstand, aber erstaunt und erschüttert, denn viele hatten vorher freundschaftliche Gefühle gegenüber Russland.

Oftmals sei der Prager Frühling im Westen falsch eingeordnet worden. „Es ging nicht um Revolution und nicht gegen den Sozialismus, sondern um ein menschliches Antlitz des Systems“ sagte Hans-Dieter Doenitz. Die Diktatur und die Einschränkung der Menschenrechte seien als eigentliches Übel bekämpft worden. Keinerlei Parallelen gebe es zu den „68ern“ in der Bundesrepublik. „Den Dutschke haben wir nicht verstanden“. (sbü)

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