Schnaittenbach
04.10.2018 - 14:40 Uhr

"Faschterer" wollten fusionieren

Seit 40 Jahren besteht die Großgemeinde Schnaittenbach. Der Grundstein dazu wurde jedoch nicht erst seit der letzten Gebietsreform 1972/1978 gelegt, sondern im Jahre 1938, also vor 80 Jahren, mit der Eingemeindung der Gemeinde Forst.

Das Bild zeigt das ehemalige Kellner-Anwesen mit Backofen nach der Eingemeindung vor 80 Jahren. Der Forst war damals ausschließlich landwirtschaftlich geprägt mit vielen Backöfen vor dem Haus. Bild: sh
Das Bild zeigt das ehemalige Kellner-Anwesen mit Backofen nach der Eingemeindung vor 80 Jahren. Der Forst war damals ausschließlich landwirtschaftlich geprägt mit vielen Backöfen vor dem Haus.

Forst ist ein Ortsteil von Schnaittenbach. Dass es Jahrhunderte eine selbstständige Gemeinde war, ist vielen Schnaittenbachern unbekannt. Hobbychronist Hans Grieger hat bei seinen Nachforschungen herausgefunden, dass der Forst erst im 14. oder 15. Jahrhundert gegründet wurde, denn im Salbuch von 1326 war diese Ortschaft noch nicht erwähnt. Schon im Jahre 1501 sind "Wiesen vor dem Forst" genannt und 1577 gehörte das "Dörflein vorm Vorst" in das Pflegeamt Hirschau.

Der Landesherr erlaubte im 14. oder 15. Jahrhundert zunächst einem einzelnen Bauern, dem späteren "Jungbauern" oder "Gungbauern" (heutiger Bauernhof Georg Wendl) und danach mehreren anderen Bauern die Anlage einer Siedlung in seinem Forst bei Schnaittenbach. Zunächst hieß das so entstandene Dorf das "Dorf vor dem Forst", ehe sich die Kurzform "Forst" einbürgerte. Die Bewohner von Forst heißen heute noch im Volksmund "Fachterer".

Beim verheerenden Großbrand in Schnaittenbach 1817 wurde auch der Forst nicht verschont. Brennende Schindeln flogen über den im Norden von Schnaittenbach befindlichen großen Weiher und zündeten insgesamt 16 Häuser vom Forst an. Da die Faschterer nach Schnaittenbach gekommen waren, um dort zu helfen, konnten sie aus ihren Häusern fast nichts mehr retten. Beim zweiten Schicksalsschlag, dem Dammbruch "Wildes Wasser" im Jahre 1830 wurde das gesamte Armen- und Hirtenhaus der Gemeinde und bei Johann und Anna Kausler das obere Hauseck und das Schüpfl weggerissen und auf der Seblasmühle große Schäden angerichtet.

1869 erste Vereinigung

1869 sollte Forst nach Schnaittenbach eingegliedert werden, was mit Entschließung des königlichen Staatsministeriums des Innern vom 29. April 1869 auch geschah, indem aus den beiden Gemeinden eine Bürgermeisterei mit den Namen Schnaittenbach gebildet wurde. Da sich diese Regelung nach Meinung der Gemeinde Forst nicht bewährte, beantragte diese 1875 diese wieder aufzuheben, so dass das Bezirksamt Amberg am 7. Juli 1875 diese Zwangsvereinigung wieder auflöste.

Gut 50 Jahre später, am 10. Mai 1934, stellte der Gemeinderat Forst unter Bürgermeister Georg Pfab und den Räten Schorner, Bauer, Nagler, Biller und Dobmeier erneut Antrag auf Zusammenlegung, was vom Marktgemeinderat Schnaittenbach 1934 begrüßt. Dennoch vergingen noch fast vier Jahre, bis der Reichsstatthalter in Bayern mit Erlass vom 4. Mai 1938 die Auflösung der Gemeinde Forst und die Zusammenlegung mit Schnaittenbach zum 1. Oktober 1938 verfügt hat.

Die 916 Hektar große Gemeinde Forst mit insgesamt 371 Einwohnern bestand zu diesem Zeitpunkt aus 29 Anwesen, außerdem gehörten der Ortsteil Unterschnaittenbach mit 27 Anwesen, die Einöde Waldmühle (die 1938 nach Hirschau kam), die Einöde Seblasmühle mit Sägewerk und Bauernhof und die Ziegelhütte an der jetzigen Kohlberger Straße dazu. Durch die Eingemeindung wuchs Schnaittenbach von 1360 auf 1731 Einwohner an und das Gemeindegebiet vergrößerte sich 2082 Hektar.

Mühlbach als Grenze

Die Verschuldung Schnaittenbachs betrug bei der Zusammenlegung 14 5738 Reichsmark und die von Forst 3965 Reichsmark. Schnaittenbach, Forst und Unterschnaittenbach waren damals schon baulich zusammengewachsen. Die Gemeindegrenze bildete der damalige Mühlbach. Forst verwaltete sich bis dahin zwar selbst, die Standesamtsbeurkundungen wurden aber bereits von Schnaittenbach mit erledigt. Auch zur Schule und Kirche mussten die "Faschterer" nach Schnaittenbach gehen. Die letzten drei Bürgermeister bis zur Eingemeindung 1938 waren Johann Schertl (Hausname Retzer Hans), Wendl Georg (Gungbauern Schorsch) und Pfab Georg.

Rathaus gibt es nicht

Ein Rathaus gab es am Forst nicht. Die Amts- bzw. "Gmoigeschäfte" erledigte der Bürgermeister in seiner Wohnung, wo er auch die Akten aufbewahrte. Bei der Wasserversorgung waren die Faschterer fortschrittlicher als Schnaittenbach. Bereits 1910 bis 1913 wurde dort eine Wasserleitung gebaut, während eine solche in Schnaittenbach erst 1933 existierte. Auch verfügte Forst über eine eigene Feuerwehr und ein kleines Gerätehäuschen aus Holz, in dem man Holzleitern und Feuerhaken lagerte, während Feuerwehrkleingeräte in Privathäusern aufbewahrt wurden.

Die Faschterer mussten früher auch Hand- und Spanndienste leisten. So wurde im Winter zur Schneeräumung auf der alten Straße Richtung Kehlberg von jedem Haus eine Person für diese Arbeiten herangezogen, denn Winterdienstfahrzeuge gab es damals noch nicht. Auch zum Durchpumpen der Wasserleitung zur Vermeidung von Ablagerungen wurden die Faschterer Männer regelmäßig verpflichtet. Der einzig existierende Dorfverein war die Feuerwehr. Das Dorfleben spielte sich im Wesentlichen im Schlosser-Wirtshaus und nach dessen Auflassung im Listbauern-Wirtshaus ab.

Was wäre Schnaittenbach, hätte es vor 80 Jahren diese freiwillige Zusammenlegung nicht gegeben? Zwar ein Ort, in dem 1833 die Wiege der deutschen Kaolinindustrie stand, die aber auch die städtebauliche Entwicklung behinderte. Die bot sich aber im Ortsteil Forst. Und so war es vor 80 Jahren eine richtige und zukunftsweisende Entscheidung, die beiden Gemeinden zu einer Einheitsgemeinde zusammenzulegen.

Beil. Karte zeigt die damals selbständige Gemeinde Forst mit
Unterschnaittenbach vor der Eingemeindung vor 80 Jahren Bild: sh
Beil. Karte zeigt die damals selbständige Gemeinde Forst mit Unterschnaittenbach vor der Eingemeindung vor 80 Jahren
Karte Forst 1936 Bild: sh
Karte Forst 1936
 
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