08.06.2018 - 15:30 Uhr
Schönficht bei PlößbergOberpfalz

Stromschlag für die Wissenschaft

„Statt besser wird es immer schlechter“, stellt Dr. Thomas Ring frustriert fest. Der Fachberater für Fischerei bei der Regierung der Oberpfalz spricht vom Ergebnis des Elektrofischens im Frombach.

Blaubandbärblinge haben den Frombach längst erobert.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

(tr) Allerdings handle es sich da mehr um sein eigenes Bauchgefühl, schränkt er seine Aussage ein. Alle sechs Jahre wird hier der Fischbestand kontrolliert. Begründet ist das in der Wasserrahmenrichtlinie der EU. Der Frombach ist ein Gewässer dritter Ordnung. Er durchfließt auf einer Länge von 19,8 Kilometer Gebiete um Tirschenreuth, Plößberg und Falkenberg. Dort mündet er in die Waldnaab.

Fischwirtschaftsmeister Stefan Schwarz, Mitarbeiter der Bezirksregierung im Fachbereich Fischerei, ist diesmal als zweiter Mann dabei. Das ist Vorschrift, denn die beiden Männer hantieren schließlich mit Strom im Wasser. Wenn dabei etwas passiert, ist immer sofort ein Helfer zur Stelle. Für solche Fälle sind die beiden ausgebildet, genauso wie für das Elektrofischen selbst.

Ungeliebter Einwanderer

Vor sechs Jahren haben die Experten die 200 Meter lange Strecke zuletzt befischt. Mit gutem Bestand an Bachforellen (über 70 Stück) und Mühlkoppen. Um es gleich vorwegzunehmen: Diesmal ist das ganz anders. Als vorherrschende Fischart präsentiert sich der asiatische Blaubandbärbling, der sich, wie überall in Europa, sehr erfolgreich in der Region eingebürgert hat. Man geht davon aus, dass er mit Graskarpfen und anderen wirtschaftlich interessanten Arten bei uns eingeschleppt worden ist.

Der ungeliebte Einwanderer steht seit 2016 auf der "Liste der unerwünschten Spezies" für die Europäische Union. 54 der kleinen Invasoren fördern die beiden Fischer zutage, dazu 21 Moderlieschen, 16 Flussbarsche, 1 Schmerle, 3 Gründlinge, 4 Rotfedern und nur 4 Bachforellen.

Tragbares Aggregat

Die geringe Tiefe und Breite des Gewässers machen ein Boot mit stationärem Aggregat überflüssig. Stattdessen ist ein leichtes, tragbares das Mittel der Wahl. Das lässt sich auf dem Rücken, ähnlich wie ein Rucksack, transportieren. Die Bedienung erfolgt über ein kleines Kästchen, das der Fischer vor der Brust trägt.

Bevor es losgeht messen die Profis noch einige relevanten Parameter wie pH-Wert, Sauerstoffgehalt und die Leitfähigkeit des Gewässers. Die Wassertemperatur des Streckenabschnittes, der nicht besetzt wird und aus dem keine Fische entnommen werden, beträgt 12 Grad Celsius, die Sauerstoffkonzentration liegt bei 11 Milligramm pro Liter bei einer Sättigung von 107 Prozent.

Die Leitfähigkeit liegt auf einem hohen Niveau bei 249 µS/cm (Mikrosiemens pro cm). Die Leitfähigkeit liefert Rückschlüsse auf die Qualität des Wassers. Grundsätzlich ist reines Wasser nicht leitfähig, was bedeutet, dass es keinen elektrischen Strom leitet. Erst im Wasser gelöste Stoffe, wie Chloride, Sulfate oder Carbonate machen es leitfähig. Je mehr Teilchen im Wasser gelöst sind, desto höher ist die Leitfähigkeit. Je verschmutzter das Wasser ist, desto höher ist der Leitwert. Ab einem Wert von mehr als 300 Mikrosiemens kann das Wasser seine Funktion in der Zelle nicht mehr erfüllen.

Der für den menschlichen Organismus optimale Leitwert liegt bei ungefähr 130 Mikrosiemens. Der Leitwert ist für die Fischer deshalb so wichtig, weil er Aufschluss darüber gibt, welche Grundstromstärke die richtige ist. Schließlich wollen die Experten die Fische nicht töten, sondern lediglich kurz betäuben, bestimmen, registrieren und wieder ihrem Element übergeben.

Die Daten, die die Experten für das Institut für Fischerei auf Bezirksebene erheben, gehen auch an das Landesamt für Umwelt. Die Stiefel und Wathosen der Elektrofischer sind aus Gummi, genauso wie die Handschuhe. Das Material leitet keinen Strom und somit sind die Akteure vor bösen Überraschungen gefeit.



Betäubung nur Sekunden

Der Kescher, mit dem der Fischer die Beute einsammelt, gibt gleichzeitig einen genau berechneten Stromstoß ab. Fische, die sich im unmittelbaren Umkreis des Stromfeldes befinden, werden sofort kurzzeitig gelähmt, kommen an die Oberfläche und landen im Kescher. Die Betäubung dauert nur Sekunden und während der Fischer den Fang nach Art und Stückzahl katalogisiert, sind die Tiere wieder wohlauf.

Immer wieder lässt Schwarz den Stromkescher ins Wasser gleiten. Er weiß, in der Nähe von großen Steinen und unterspülten Baumwurzeln stehen vorzugsweise die Bachforellen, die als sogenannte Leitart mit Aufschluss über die Wasserqualität geben. Ring begleitet seinen Kollegen am Ufer und führt Protokoll. "Fünf Blaubandbärblinge unter fünf Zentimenter", ruft Schwarz seinem Kollegen zu, der die gelieferten Daten akribisch zu Papier bringt. Nach etwa der Hälfte der Strecke wechseln die Fischer ihre Tätigkeiten und nach einer Stunde ist die Strecke abgefischt.

Info:

Die Wasserrahmenrichtlinie

Wasser ist lebenswichtig für alle Lebensformen und muss besonders geschützt werden. Die EU hat mit der seit 2000 gültigen Wasserrahmenrichtlinie einheitliche Umweltziele für den Gewässerschutz aufgestellt und eine rechtliche Basis geschaffen, wie Wasser auf hohem Niveau zu schützen ist. Hauptziel ist es, dass Flüsse, Seen, Küstengewässer und Grundwasser bis 2027 den guten Zustand erreichen. Ein bereits erreichter sehr guter Zustand ist zu erhalten. Als Referenz gilt die natürliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren in den Gewässern, ihre unverfälschte Gestalt und Wasserführung und die natürliche Qualität des Oberflächen- und Grundwassers. Grundsätzlich gelten hinsichtlich des Zustands eines Gewässers sowohl ein Verbesserungsgebot als auch ein Verschlechterungsverbot. Die wichtigsten Elemente der zielgerichteten und koordinierten Planung sind Bewirtschaftungspläne und Maßnahmenprogramme. Neben den Zielen und Instrumenten des Umweltschutzes sind auch wirtschaftliche Aspekte der Wassernutzung bei der Umsetzung zu betrachten. (tr)

Dr. Thomas Ring (links) und Stefan Schwarz bei der Arbeit.
Als Idylle pur präsentiert sich das Frombachtal bei Holzmühl. Aber der Schein trügt, zumindest was das Gewässer unter der Oberfläche zu bieten hat. Denn mit dem Fischbestand sieht es, verglichen mit den Zahlen vor sechs Jahren, hier gar nicht gut aus. Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft und andere Umwelteinflüsse haben den kleinen Wiesenbach weit weg gebracht vom Ziel der europäischen Wasserrichtlinie, die im Endeffekt für alle Gewässer mindestens einen guten Zustand fordert.
Der Leitfisch, die Bachforelle, ist in ihrem Bestand dramatisch zurückgegangen.
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