22.03.2020 - 16:52 Uhr
SchönseeOberpfalz

Der Eiserne Vorhang lässt grüßen

40 Jahre zu, 30 Jahre offen und seit 10 Tagen wieder gesperrt: Tschechien schließt nicht nur die Grenzübergänge in der Region, sondern kontrolliert auch die Fußwege zur Landesgrenze. Vorsicht also nicht nur beim "Gassi gehen".

Spazierengehen bleibt in Bayern auch während der Corona-Ausgangsbeschränkung erlaubt. Doch eine tschechische Polizeistreife passt am Fußgängerübergang Friedrichshäng/Gemeinde Schönsee auf, damit niemand „versehentlich“ den offen Schlagbaum passiert. Die deutsch-tschechische Grenze ist schon seit 14. März abgeriegelt.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Im Kampf gegen Corona riegelt sich Tschechien ab. Ausländer dürfen - von Ausnahmen abgesehen - seit 14. März nicht mehr ins Land. Alte verrostete Schilder mit der Aufschrift "Pozor. Vstup zakázán!" (Achtung. Eintritt verboten) haben damit aktuell wieder ihre Berechtigung und erinnern an die Zeit des "Eisernen Vorhangs" ab 1950. Im Jahr 1990 gingen die Schlagbäume wieder hoch, und ab 2007 fielen die Grenzkontrollen nach dem sogenannten Schengen-Abkommen weg. Damit war die Reisefreiheit im ostbayerischen Grenzland angekommen.

Eine Woche nach der Grenzschließung der Tschechen hat sich die Situation auch in Bayern geändert: Seit Samstag, 21. März, herrscht für mindestens 14 Tage eine Ausgangsbeschränkung vor. Wege zur Arbeit, zum Arzt und zum Einkaufen bleiben erlaubt, genauso wie Spaziergänge, Gassigehen mit dem Hund und Sport im Freien. Vorausgesetzt, man ist alleine oder mit der Familie unterwegs. Wer im Schönseer Land nahe der Grenze wohnt, muss jedoch aufpassen, dass er im Wald oder am Fußgängerüberweg in Friedrichshäng (Gemeinde Schönsee) oder Schwarzach (Gemeinde Stadlern) nicht auf tschechischen Boden trifft.

Bevor der Grenzübergang Tillyschanz bei Eslarn am Samstag, 14. März, geschlossen wurde, deckten sich etliche Oberpfälzer noch mit Zigaretten, Spirituosen und Kosmetikartikeln im Duty-Free-Shop ein.

Die Grenze ist zu. Wer dies nicht beachtet, dem droht eine Geldstrafe.

Maria Hanauer, Touristikbüro Schönsee

Polizei kontrolliert

Wie beobachtet, kontrolliert eine Polizeistreife im Nachbarland auch diesen Bereich. "Die Grenze ist zu. Wer dies nicht beachtet, dem droht eine Geldstrafe", sagt Maria Hanauer vom Tourismusbüro Schönsee. Sie berichtet von einem Mann, der abseits des Weges ins Nachbarland wollte und von der Polizei zurückgewiesen wurde. Die geführte Wanderung zur ehemaligen Ortschaft Plöß jenseits der Grenze hat die Tourist-Info natürlich schon vor eineinhalb Woche ausgesetzt. "Wir hoffen, dass es nach Ostern wieder möglich sein wird", sagt Hanauer. Denn auch viele Familien schätzen den rund zwei Kilometer langen Weg zum Friedhof und zum idyllisch gelegenen Gasthaus in Ples (deutsch Plöß), einem Gemeindeteil von Belá nad Radbuzou.

Auch das Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee hat den Besucherverkehr seit 18. März eingestellt und das Haus quasi zugesperrt. "Das Büro ist aber besetzt", betont Leiterin Veronika Hofinger. Bereits für 14./15. März musste der Tschechisch-Kurs abgesagt werden, da die Lehrerin nicht einreisen durfte. "Tschechische Künstler und Referenten fallen schon seit über zwei Wochen aus", berichtet Hofinger und ergänzt: "Die fehlende Möglichkeit, über die Grenze zu fahren, ist eine unheimliche Einschränkung." Sie berichtet von den Problemen deutsch-tschechischer Familien und einem Vater, der sich schweren Herzens statt für das Kind für die Arbeit im anderen Land entscheiden musste. "Schengen ist aufgehoben. Man darf die Grenze gar nicht betreten."

Die fehlende Möglichkeit, über die Grenze zu fahren, ist eine unheimliche Einschränkung.

Veronika Hofinger, Leiterin des Centrum Bavaria Bohemia

Veronika Hofinger, Leiterin des Centrum Bavaria Bohemia

Infos für Rückkehrer

Wegen des Coronavirus musste das CeBB Ausstellungen, Vorträge, Schul-Workshops, eine Kulturtour und die Brückenbauer-Preisverleihung absagen, beziehungsweise verschieben. Stattdessen gibt es viele Anfragen zu bearbeiten, und für Rückkehrer aus Tschechien wurden Zugverbindungen rausgesucht, "die noch funktionierten". Froh ist Veronika Hofinger über das zweite Standbein "bbkult.net", wo verstärkt grenzüberschreitende Informationen abrufbar sind. Die Coronakrise fördere aber auch Gedanken, "wie man Kulturarbeit ohne physische Anwesenheit machen kann".

Hintergrund:

Hintergrund

Grenze seit 14. März dicht

Tschechien hat vorübergehend die festen Grenzkontrollen zu Deutschland und Österreich wieder eingeführt, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Ausländer dürfen nicht mehr in den EU-Mitgliedstaat einreisen. Auch Tschechen dürfen nicht ausreisen; Ausnahmen gelten für Berufspendler in einem Streifen von 100 Kilometern Tiefe beiderseits der Grenze. Der Bus- und Bahnverkehr von und nach Tschechien liegt lahm. Geschichtlicher Rückblick

Die Tschechoslowakei errichtete 1950 Grenzzonen, die man nur mit Genehmigung betreten durfte. Verkehrswege in Richtung Westen wurden verbarrikadiert und viele der Grenzübergänge geschlossen. Ganze Dörfer wurden abgerissen. 1990 gingen dann an der tschechischen Grenze die Schlagbäume wieder hoch und ab 2007 fielen die Grenzkontrollen (Schengen-Abkommen) weg.

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