30.12.2018 - 14:21 Uhr
SchönseeOberpfalz

Der Reiz erlesener Spitze

Fein geklöppelte Fäden schmiegen sich um eine Christbaumkugel oder mausern sich zum Blickfang am Hals. Eine alte Handarbeitstechnik hat sich neue Felder erschlossen – und ein Publikum. Da bleiben Preise nicht aus.

von Monika Bugl Kontakt Profil

"Klöppeln ist Therapie", davon ist Frieda Roith überzeugt. Allerdings eine, die süchtig macht. "Da werden Sie bald nicht mehr zum Stricken oder Häkeln kommen", warnt sie Einsteiger vor dem Sog des Faden-Netzes. Die 61-Jährige aus Schönsee pflegt dieses Hobby seit 32 Jahren. Als Sprecherin des Klöppelkreises Schönsee-Stadlern-Tiefenbach steht sie ganz vorne, wenn diese Form der Handarbeit in die Schlagzeilen kommt. Und das Spitzenklöppeln hat in den vergangenen Jahren tatsächlich viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, zunächst als immaterielles Kulturerbe auf Landes- und später Bundesebene. Allein in diesem Jahr verbuchte diese sehr spezielle Form der Handarbeit zwei Auszeichnungen: den "Heimatpreis Oberpfalz" und den Zukunftspreis des Landkreises.

Daran, dass das Klöppeln eine Zukunft hat, zweifelt auch Frieda Roith nicht. 22 Frauen sind im Schönseer Klöppelkreis vertreten, der sich jeden ersten und dritten Mittwoch von 19 bis 22 Uhr in der Schönseer Schule trifft. Die älteste ist 91 und laut Roith "noch ziemlich aktiv", die jüngste 27. "Es gibt schon auch viele junge Menschen, die sich für diese Handarbeit interessieren", berichtet Roith und verweist auf den Klöppel-Unterricht, der in der Schule als Wahlfach angeboten wird. Besonders an den Klöppeltagen im Schönseer Land sammeln sich alte und neue Fans der Handarbeit: "Das waren in zwei Tagen rund 800 Personen, ein enormer Zulauf", meint Roith. Von 17. bis 21. Juni steht nun die dritte Auflage an.

Dabei hat das ursprüngliche Klöppel-Sortiment längst ausgedient: Zier-Decken unter Vase und Nachttischlampe oder der adrette Läufer auf dem Wohnzimmertisch sind passé. Das feine Gewebe hat die Zweidimensionalität verlassen, rankt sich um Objekte aus Glas und Metall oder behauptet seinen Platz als modisches Accessoire. "Heuer an Weihnachten waren geklöppelte Engelsflügel der Renner", erzählt Frieda Roith und packt ihre Sammlung aus: Da findet sich ein geklöppelter Rentier-Schlitten, ein Collier aus bronzefarbenen Lurex-Fäden mit eingearbeiteter Perle und passenden Ohrringen und ein Sortiment von Spitze umgebener durchsichtiger Christbaum-Kugeln.

Männer beeindruckt

"Das Internet hat uns hier neuen Schwung gebracht", ist die Klöppelkreis-Sprecherin überzeugt und lobt den Austausch mit Ländern wie Tschechien und Russland. Während sich die Nachfrage nach den Deckchen bei ihr auf etwa eines pro Jahr beschränkt, sind ausgefallene Sachen gewünscht, "weil man das nicht gleich an der nächsten Ecke kaufen kann". Ein Brautkissen für Ringe beispielsweise oder eine Applikation für einen Filztasche. "So etwas wie Stricken, das macht die Masse. Hier geht es um den Reiz des Erlesenen", erklärt sich die Schönseerin das Interesse für die im Oberpfälzer Wald heimische Handarbeit. Nicht selten sind es auch die Männer, die den Anstoß dazu geben, die kunstvolle Produktion wieder aufzunehmen.

"Man schimpft viel über die Jugend, aber sie legt auch Wert auf altes Brauchtum", meint Frieda Roith. Gemeinsam mit Tochter Manuela hat sie den Umgang mit den hölzernen Klöppeln, bunten Stecknadeln und Fäden erlernt und damit auch die familiäre Tradition gewahrt: Der Großvater ihres Mannes, Josef Spörl, war schließlich der letzte Klöppelbrief-Zeichner von Schönsee. Für die 61-Jährige ist es nur eine Frage der Zeit, wann so mancher Klöppel-Lehrling nach turbulenten Arbeits- und Erziehungsphasen an den Klöppelsack zurückkehrt. "Reich wird man da natürlich nicht", das ist ihr klar, wenn sie auf die Krippe in Spitzenoptik schaut. Der von ihr errechnete Stundenlohn: ein Euro.

Anerkennung im Trafo

Umso wichtiger ist die Anerkennung, die das Klöppeln erfährt, und davon würde sich Frieda Roith auf städtischer Ebene etwas mehr wünschen. Im Visier hat sie einen "Klöppel-Trafo", der in Schönsee als ständiger Ausstellungsraum zur Debatte steht.

Info:

Rund um die Technik

Beim Spitzenklöppeln werden Fäden durch systematisches Kreuzen und Drehen miteinander verwebt.Dazu sind die Fäden auf hölzerne Spulen aufgewickelt, die diesen Prozess erleichtern.Als Unterlage dient ein Klöppelsack, der mit Heu, Rosshaar oder Holzwolle gefüllt ist. Dort ist der sogenannte Klöppelbrief fixiert, der das Muster vorgibt. Mit Stecknadeln werden die Fäden darauf fixiert, bis sie in der gewünschten Formation verknüpft und verflochten sind. Einen umfassenden überblick und Kurse gibt es beispielsweise bei den 3. Schönseer Klöppeltagen von 17. bis 22 Juni mit Angeboten vom Kinderklöppeln bis hin zur "Mailänder Technik". Begleitet werden diese Tage von mehreren Ausstellungen im Centrum Bavaria Bohemia, darunter die Wettbewerbsausstellung "Ausgerastert" des Deutschen Klöppelverbandes und die Mitmach-Aktion von Frieda Roith mit geklöppelten Blumen. Im Rathaus, im Kaufhaus Köck, in der Grundschule und sogar in der Wallfahrtskirche in Stadlern und bei einer Freiluftausstellung können weitere Variationen des Klöppelns bewundert werden. Eine Dauerausstellung bietet bislang nur das Museum ehemalige Klöppelschule in Tiefenbach. Detaillierte Infos dazu in der Tourist-Information Schönsee, Telefon 09674-317.

Geklöppeltes ist gefragt, weil man das nicht gleich an der nächsten Ecke kaufen kann.

Frieda Roith

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.