27.09.2019 - 14:01 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Wo der "Alex" pünktlich fährt

Der blaue Personenzug steht am Bahnsteig, Wolfgang Frey gibt dem Zug freie Fahrt. Mit realistischen Fahrgeräuschen macht sich der "Alex" auf die Reise - in eine Fantasiewelt, die die Schwandorfer Modellbahner gerade neu erfinden.

von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Stefan Lederer hat eine Spritze in der Hand, verteilt ein paar Tropfen Holzleim neben den Gleisen, streut Steinchen drauf. Er ist einer der "Gelände-Spezialisten" an der H0-Anlage des Vereins, der in der Eisenbahnerstadt Schwandorf endlich eine entsprechende Heimat gefunden hat. Vorsitzender Gerhard Maier und sein Vorgänger Maximilian Bink beschreiben das Auf und Ab des Vereins seit 2013.

Entstanden ist der Club nach einer Ausstellung des Modellbahn-Fachgeschäfts Aumiller in der Oberpfalzhalle, Kontakte wurden geknüpft, schließlich entstand der Verein mit damals rund 30 Mitgliedern, der sich regelmäßig beim "Turner" traf. Vorsitzender war Franz Gradl. Doch wohin? Die Modellbahner bekamen in Wackersdorf Unterstützung, Ex-Bürgermeister Alfred Jäger vermittelte einen Raum im ehemaligen BBI-Schlachthaus. Aus den "Schwandorfer" wurden "Wackersdorfer Modellbahner". Geplant war, die BBI-Bahn nachzubauen. Daraus wurde nichts. Ein Feind jedes Modellbahners schlug im Raum zu: Zinkfraß.

Anlagen unterm Dach

Nach einer Flaute der Aktivitäten wurde Josef Reichhardt zum Retter in der Not: Er bot 2017 den Dachboden über seiner Physiotherapie-Praxis als Lagerraum für die vorhandenen Teile an. Doch schnell wurde daraus mehr: Die 100 Quadratmeter waren wie gemacht für eine Anlage. Und im Keller gibt's einen gemütlichen Treff samt Bar, Platz fürs Lager und für eine kleine Anlage, an der Kinder die Technik kennenlernen und ausprobieren können.

Dort stehen jetzt die ersten Module für die eigene Anlage im Maßstab H0 (1:87). Dazu kam ein Geschenk, das Gerhard Maier mit in den Verein brachte: Eine ausgefeilte Anlage in Spur N. Maximilian Bink war zwar skeptisch, beim ersten Blick auf die gelagerten Module war aber auch für ihn klar: "Die ist top gebaut und zu schade, um sie verkommen zu lassen." Nach einer Abstimmung war klar, dass sie aufgebaut wird. "Das hat den Verein vorangebracht", sind sich Bink und sein Nachfolger Maier einig. "Wir sind ein harter Kern von rund 35 Mitgliedern". Der Aufbau macht viel Arbeit, aber die Bastelei ist ja Sinn der Sache.

Die Zeiten von Trafo, Signal- und Weichenschaltern sind bei den Modellbahner längst vorbei. Wolfgang Frey ist der Elektro-Spezialist im Club und steht an einem digitalen Pult. Dank der Technik kann der Bahnbetrieb wie in der Realität nachgebildet werden: Je Block (ein Gleisabschnitt zwischen zwei Signalen) kann nur ein Zug unterwegs sein, die Steuerung erfolgt automatisch. So können mehrere Züge auf einer Schiene fahren, ohne sich in die Quere zu kommen. Es geht aber auch anders: Per App können die einzelnen Züge an die "Leine" eines Smartphones genommen und mehrere Leute Lokführer spielen. "Das ist bei der Jugendgruppe beliebt," sagt Frey. Die komplette Anlage ist im Steuergerät digital abgebildet, die Loks mit Dekodern ausgestattet. Rund 650 Euro hat sich der Verein die Steuerung kosten lassen. "Das ist eine einmalige Anschaffung", sagt Frey, "Lokomotiven brauchen wir mehr". Und die kosten auch schnell mal 300 Euro.

Die H0-Anlage aus Lokführer-Sicht

Vielfältiges Hobby

Wie vielfältig das Hobby ist, zeigt sich auf den ersten Blick. Frey und ein paar Kollegen basteln an der Elektrik, Stefan Lederer gestaltet Geländeabschnitte. Maximilian Bink beherrscht den Umgang mit der Airbrush, lackiert Wägen und Loks, bringt die richtige Patina auf Gebäude, und treibt ihnen so den "Plastik-Glanz" aus. Gerhard Maier wiederum bastelt an der Spur-N-Anlage, die ein Modellbahner sehr akribisch mit großen Schattenbahnhöfen (unsichtbare Gleisanlagen, um mehrere Züge fahren und abstellen zu können) aufgebaut hatte und dann aufgab. Jede Schaltplatine an der Anlage ist handgemacht. Für realistisches Gelände hatte dieser Bastler wenig übrig, er wollte Fahrbetrieb. Per Tunnel und über unsichtbare Wendel geht es "unter Tage". Das Gelände rund um den vielgleisigen Bahnhof im Maßstab 1:160 entsteht jetzt langsam, aus Gips, Hasendraht und diversen anderen Materialien. Maier tüftelt gerade an einem Flusslauf. Proportionen, Sichtachsen, der Eindruck soll natürlich stimmen.

Finanziert wird der Bau über den Beitrag, auch über Spenden. Jeder bringt mal was mit. Und bei der Brotzeit freitags nach dem Basteln bleibt auch der ein- oder andere Euro in der Vereinskasse.

Derzeit rauschen die Züge auf der H0-Anlage auf einer Seite durch ein Industriegebiet, "Da soll ein Betriebswerk hin, das ist noch nicht fertig", sagt Frey mit Blick auf das Areal. Die andere Seite des Bahnhofs ist noch weitgehend Rohbau, nur erste Gleise sind befahrbar, Signale aufgestellt. Hier können sich Bastler noch austoben. Die Anlage ist modular aufgebaut, wo jetzt die Wendekurve ist, kann leicht angebaut werden. Die Arbeit wird den Modellbahnern so schnell nicht ausgehen. Wolfgang Frey gibt am Bahnhof wieder freie Fahrt. "Bei uns fährt der Alex", scherzt Gerhard Maier, als der blaue Zug durch die Kurve im Industriegebiet braust. Weitere Bilder und Video www.onetz.de/2855214

Die Modellbahner:

Basteln und fahren

Die Modellbahner Schwandorf e.V. treffen sich zweimal in der Woche. Freitags ab 17 Uhr wird an beiden Anlagen (H0 und N) gebastelt und gefahren. Mittwochs ab 18 Uhr steht in der Regel das Basteln an der Spur-N-Anlage im Mittelpunkt. Das Vereinsheim ist im Gebäude der Physiotherapie-Praxis Reichhardt an der Dachelhofer Straße 67 in Schwandorf. (ch)

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