15.05.2019 - 17:54 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Am Anfang brennen die Bücher

Aphorismen, Gedichte, Romane. Was verfemte Autoren schrieben, landete vor 86 Jahren im Feuer. Die Volkshochschule erinnert an den barbarischen Akt. Barbara Genzken-Schindler mahnt zur Wachsamkeit.

Hannah von Glasow, Alfred Wolfsteiner, Thomas Dobler, Franz Schindler, Franz Xaver Huber, Nele von Glasow (stehend, von links) sowie Waltraud Wördemann, Anja Wilhelm und Daniela von Glasow-Kalischek (sitzend, von links) gestalteten die Lesung in der Stadtbibliothek.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

"Verbrennt mich!" hatte Oskar Maria Graf in einem Zeitungsaufruf geschrieben. Er war an jenem 10. Mai 1933 nicht unter den Autoren, deren Werke zunächst nationalsozialistische Studenten, dann auch ihre Professoren ins Feuer warfen. Zunächst in Berlin, dann überall im Reich. Graf, der schließlich ins Exil ging, empfand es als tiefe Schmach, dass seine Werke auf der "weißen Liste" standen. Er konnte es nicht ertragen, seine Werke in den "blutigen Händen der Nationalsozialisten" zu sehen. Daran erinnerte Bibliothekar Alfred Wolfsteiner, einer von sieben Lektoren, die in der Stadtbibliothek aus Werken damals verfemter Autoren lasen.

Die Bücherverbrennung war nur der Anfang der systematischen Verfolgung nicht nur jüdischer, sondern auch marxistischer und anderer unliebsamer Autoren und Publizisten. Es gelte, wachsam zu sein und neuen rechtsradikalen und totalitären Tendenzen entgegen zu treten, sagte stellvertretende VHS-Geschäftsführerin Barbara Genzken-Schindler. "Sie beschädigen unser Ansehen und das gute Miteinander." Das Brecht'sche Motto des Freitag-Abends also als Programm: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch".

Scharfe Ironie

"Wie schwach muss dieses Regime gewesen sein, dass es solche Angst vor Büchern hatte", sagte Franz Xaver Huber. Der Ministerialbeauftragte für die Gymnasien belegte aber mit seiner Auswahl nachgerade, dass die Nazis sehr wohl Angst vor dem Blei der Druckerpresse haben mussten: Er las Kurt Tucholsky, Stücke voll messerscharfer Ironie, voll literarischem Kampf gegen den Krieg wie im Chanson "Der Graben" aus dem Jahr 1926. Schärfer lassen sich Kriegstreiber kaum verurteilen.

Erich Maria Remarques Anti-Kriegs-Epos "Im Westen nichts Neues" wurde von den Nazis als Buch und Film verboten. Daran erinnerte Thomas Dobler, Redakteur der Oberpfalz-Medien. Er las die Schlüsselstelle aus dem Roman "Zeit zu leben und Zeit zu sterben" (1954), in der Remarque einen Soldaten und seinen ehemaligen Lehrer über die (Mit-)Schuld an den Nazi-Gräueln nachdenken lässt - ein flammendes Plädoyer dafür, sich rechtzeitig gegen faschistische Tendenzen zu wehren. "Wir hätten es kommen sehen müssen", gibt der Lehrer verzweifelt zu.

Nicht nur Pazifisten waren den Nazis zuwider, die "Neue Sachlichkeit" einer Irmgard Keun ebenso, die in "Das kunstseidene Mädchen" (1932) freimütig vom Schicksal einer jungen Frau erzählt, die sich als Statistin - und mit Männerbekanntschaften - über Wasser hält. Germanistin und VHS-Dozentin Anja Wilhelm hatte die Autorin ausgewählt, die in der Weimarer Republik große Erfolge feierte, ehe ihr Werk verboten wurde.

Daniela von Glasow-Kalischek widmete sich der Lyrik Erich Kästners. "Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag" schrieb der schon 1930. Dort heißt es, in düsterer Voraussicht: "Bis man an dir, weil nichts verfing - Justizmord, kurzerhand, beging. Es war genau wie heute." Die blanke Satire gegen Propaganda versprüht Michail Sostschenko. Die pensionierte Gymnasiallehrerin Waltraud Wördemann las "Die Kuh im Propeller" des Autors. Ein staatlicher Agitator blamiert sich darin bis auf die Knochen vor einer Schar bauernschlauer Dorfbewohner. Es gab also nicht nur schwere Kost für die rund 40 Zuhörer, darunter neben Bürgermeisterin Ulrike Roidl mit Franz Sichler, Hans Schuierer und Helmut Hey drei Schwandorfer Ehrenbürger. Für musikalische Intermezzi sorgten Hannah und Nele von Glasow.

Erinnerung an Eisner

An einen tatsächlichen Revolutionär und den ersten Ministerpräsidenten Bayerns erinnerte Stadtrat Franz Schindler. "Wenn's schon Ministerpräsident Söder nicht tut", geißelte Schindler den Amtsinhaber, der bei der Festrede zu 100 Jahren Freistaat Kurt Eisner nicht ein Mal erwähnt habe. "Jedes Menschenleben soll heilig sein", heißt es in Eisners Proklamation "An die Bevölkerung Münchens", mit der am 8. November 1918 der Freistaat ausgerufen wurde. Der Revolutionär schrieb auch Gedichte, wie "Letzter Marsch", das er Zuchthäuslern widmete. Eisner wurde von einem Anhänger der antisemitischen "Thule Gesellschaft" 1919 ermordet. Schindler erinnerte mit einigen Gedichten daran, dass auch Joachim Ringelnatz zu den verfemten Autoren gehörte.

Genauso wie Heinrich Heine, aus dessen "Almansor" Franz Xaver Huber abschließend zitierte: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Heine schrieb das 1831. Über Hundert Jahre, bevor der Satz zur furchtbaren Realität wurde.

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