03.07.2019 - 11:46 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Anlieger: "Wir lassen uns nicht alles gefallen"

Wie weit soll die Verdichtung in bestehenden Wohngebieten gehen? Die Anlieger der Fliederstraße haben da eine klare Vorstellung. Und die deckt sich nicht mit Planern einer Wohnanlage.

Das beplante Grundstück liegt direkt in einer Kurve der Fliederstraße, die wenige Meter weiter als Sackgasse endet. In der Umgebung bestehen Ein- und Mehrfamilienhäuser mit bis zu vier Wohnungen. Auf das freie Grundstück soll ein Blick mit acht Wohneinheiten.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

"Wir müssen nicht den gleichen Bullshit wiederholen wie in der Finkenstraße", hatte Jochen Glamsch (UW) in der Bauausschuss-Sitzung gesagt, als das Thema aufs Tableau kam. Die Verwaltung prüft derzeit einen Bauantrag für einen Block mit acht Wohnungen direkt an der Kurve der Fliederstraße, nahe am Ende der Sackgasse. Für das Gebiet gilt kein Bebauungsplan mehr, der wurde im September 2012 aufgehoben. Genehmigungsgrundlage ist nun der Paragraf 34 des Baugesetzbuchs (siehe Kasten).

Und genau da setzen die Anlieger um Stephan Valenti an. Sie haben in einem Schreiben samt Unterschriftenliste an den Oberbürgermeister und die Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat deutlich gemacht, dass sie mit dem Neubau nicht einverstanden sind. Flachdach dazu acht Wohnungen in einem Gebäude: Das ist viel zu groß, sind sich die Anlieger bei einem Treffen mit der Redaktion im Garten der Familie Gloßner, der gleich gegenüber des Grundstücks liegt, einig. Für sie fügt sich der Wohnblick eben nicht in "Art und Maß" der umliegenden Bebauung ein. "Sowohl die Dimension als auch die Optik und letztendlich auch die Art der Nutzung sind konträr zu all den umliegenden Wohngebäuden und deren Grundstücksgestaltung," schrieben die Anlieger an den OB und die Fraktionen. Außerdem bringe ein Block dieser Größe das bisher harmonische Ortsbild ins Wanken und sei "ein Signal für weitere Bauvorhaben dieser Art".

Maximal vier Wohnungen

Schon, dass das bestehende Birkenhölzchen auf dem Grundstück im Winter ruckzuck ohne Vorwarnzeit gerodet wurde, geht besonders Margareta Gloßner gegen den Strich. Im Wäldchen waren in Eigeninitiative Igel-Schlafplätze untergebracht. "Da war nichts mehr zu retten". Gleichwohl sagt Valenti: "Wenn das Baugrund ist, kann der Eigentümer das nutzen". Dagegen haben die Anlieger auch nichts, den Vorwurf der Totalverweigerung kann ihnen niemand machen. Aber: Rundrum in den Satteldach-Häusern sind maximal vier Wohnungen. Das müsse doch genügen. Denn: Nicht nur auf der Parzelle, für die der Bauantrag vorliegt, soll ein Block entstehen. Ein paar Meter weiter in der Fliederstraße 23 ist auch ein großes Projekt geplant. Und gegenüber womöglich auch, haben die Anlieger recherchiert. Insgesamt kommen die Anlieger auf 28 zusätzliche Wohnungen. "Ab der Abzweigung, wo die Sackgasse beginnt, wohnen jetzt grade mal 50 Leute", sagt Valenti.

"Das ganze Flair geht verloren", meinen die Anlieger. Das allein ist es aber nicht, was sie umtreibt. Vielmehr die Besorgnis um rasant zunehmenden Verkehr, Lärm und einen Parkdruck, den die Straße nicht vertragen würde. Die eineinhalb notwendigen Parkplätze je Wohnung auf dem Grundstück sind aus Sicht der Anlieger zu knapp bemessen. "Wenn die in der Kurve parken, kommt kein Müll-Lkw mehr durch", sagt Gloßner. "Wackersdorf ist schon auf zwei Parkplätze pro Wohnung raufgegangen." Außerdem ist die Zufahrt zur Grundstück wohl genau an der engsten Stelle der Straße vorgesehen.Ferner: "Der Kanal wurde in den 1950er, 1960er Jahren gebaut", sagt Margareta Gloßner. Ob der für das zusätzliche Ab- und Oberflächenwasser ausreichend dimensioniert ist?

Nicht unterschrieben

"Wir lassen uns nicht alles gefallen," sagt Gloßner bestimmt. Deshalb haben die Nachbarn - bis auf einen - den Plan auch nicht unterschrieben. "Der bereut es mittlerweile," ergänzt Valenti. Wie seine Mitstreiter sieht er ein generelles Problem, wenn in älteren Siedlungsgebieten extrem verdichtet werden soll. Die Stadt, so Valenti, solle sich mehr Gedanken machen, wo das funktionieren kann und wo eben nicht. Schon ein großer Wohnblock ein paar Meter weiter an der Föhrenstraße sprengt nach der Ansicht der Anwohner das Bild des Viertels. Die Stadt lässt momentan zumindest die Lärmauswirkungen des Wohnblocks prüfen, sagte Markus Stiegler (Bauordnung) im Bauausschuss.

Stadtrat Manfred Schüller (SPD) hat die Situation schon in Augenschein genommen und sich informiert. Alfred Braun (SPD) regte im Bauausschuss einen Ortstermin an. Das wäre freilich wieder nur eine Einzelfallprüfung für ein Problem, das sich langsam aber sicher im ganzen Stadtgebiet ergibt. Anlagewillige Investoren suchen nach Möglichkeiten, und wollen natürlich möglichst viel Wohnraum auf einem Grundstück realisieren. Bislang hat der Bauausschuss hier vieles durchgewunken. Was fehlt, ist ein stringentes Konzept, in welchen Gebieten die Stadt Verdichtung für zulässig und machbar hält und wo nicht. Um den "Bullshit" zu vermeiden, den Glamsch in der Finkenstraße erlebt. Dort steht am Ende einer Sackgasse ein großes Wohngebäude.

Mario Zinnbauer, Monika Geis, Melanie Horn, Johann Horn, Thomas Zinnbauer, Samantha Komander, Stephan Valenti und Margareta Gloßner (von links) wehren sich zusammen mit weiteren Anliegern gegen den geplanten Acht-Parteien-Wohnblock an der Fliederstraße.
Paragraf 34:

Einfügegebot

Der Paragraf 34 des Baugesetzbuches, Absatz 1, besagt: „Innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist. Die Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse müssen gewahrt bleiben; das Ortsbild darf nicht beeinträchtigt werden.“

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