31.01.2020 - 09:02 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Apotheken-Notdienst - Stets zu Diensten

Viktor Hammer jongliert mit Tag und Nacht, der richtigen Zusammensetzung von Medikamenten und den großen und kleinen Leiden seiner Kunden. Regelmäßig öffnet er den Nachtschalter seiner Apotheke. Dabei gleicht keine Schicht der anderen.

Wenn andere nachts schlafen, geht es bei ihm erst richtig los: Viktor Hammer öffnet regelmäßig den Nachtschalter seiner Apotheke.
von Autor DEYProfil

Ding Dong. Viktor Hammer rutscht seinen Stuhl zurück, drückt die Knie durch und macht sich auf den Weg in den Verkaufsraum. Draußen wartet ein junger Mann, er wedelt mit einem Rezept in der Hand vorm Nachtdienstschalter herum. Es ist kurz nach 23 Uhr. Lebensmittelvergiftungen tragen keine Armbanduhr. Einmal pro Woche muss Viktor Hammer seine Apotheke in Schwandorf die ganze Nacht offen lassen. „Alle Apotheken sind in sogenannte Nachtdienstkreise eingeteilt“, erklärt er. Bayernweit gibt es davon rund 170 Stück. Je mehr Apotheken pro Kreis, desto seltener ist man an der Reihe. So haben Münchener Apotheken nur 14 Mal pro Jahr Notdienst, in ländlicheren Regionen müssen die Pharmazeuten öfter ran. Hammers Kollegen in Rothenburg ob der Tauber sind Bayerns Spitzenreiter mit Dienst an jedem fünften Tag.   Ensdorf im Landkreis Amberg-Sulzbach beispielsweise, wo sich Hammers zweite Apotheke befindet, liegt zwar ländlich, ist jedoch in einen riesigen Dienstkreis eingegliedert, zu dem auch das über 50 Kilometer entfernte Bernhardswald gehört. Deswegen ist Hammers Klosterapotheke nur einmal im Monat an zwei aufeinanderfolgenden Tagen an der Reihe. Doch egal, wie häufig man Nachtdienst schieben muss: Das Gesundheitssystem sieht vor, dass sich Patienten rund um die Uhr mit Medikamenten versorgen können. In der Regel innerhalb eines Radius von weniger als 15 Kilometern. Glück für Hammer, dass sein flächenmäßig riesiger Ensdorfer Dienstkreis von dem einiger Städte durchzogen wird, die die Anfahrtswege für Kranke kurz halten.

„Das ist alles streng reglementiert“, erläutert der 55-jährige Oberpfälzer. Nachtdienste tauschen oder schieben geht nur mit einem hohen bürokratischen Aufwand, wenn überhaupt. Denn laut Apothekenbetriebsordnung muss jede Apotheke grundsätzlich 365 Tage lang rund um die Uhr dienstbereit sein. Und „dienstbereit“ bedeutet, dass – wie im normalen Betriebsalltag übrigens auch – mindestens ein Apotheker anwesend sein muss. Kein Pharmazeutisch-kaufmännischer Angestellter (PKA), kein Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA), sondern ein approbierter Pharmazeut. Heißt, Nachtdienste lassen die Personalkosten in die Höhe schnellen.

UNVORHERSEHBAR VIEL LOS

Auch, aber nicht nur deswegen erledigt Viktor Hammer sie meistens selbst. Obwohl er aktuell sechs Apotheker zu seinem Team zählt. Da die Apotheke in Ensdorf nur wenige Meter neben seinem Wohnhaus liegt, hat ihm die Landesapothekerkammer genehmigt, die Notdienstklingel mit seinem Handy zu koppeln – Hammer darf Dienst von zu Hause aus schieben. Vor alem in ruhigen Nächten mehr als angenehm. In Schwandorf muss er vor Ort sein. Auch an Abenden mit wenig Kunden hat Hammer einiges zu tun. Dann kontrolliert er beispielsweise bereits befüllte Tablettendosetts, die seine Apotheke an Altenheime liefert. Das entlastet sein Team tagsüber und bringt ihn durch die Nacht. Denn wirklich stressig ist es selten. „Naja, obwohl. Weihnachten war ganz schön was los“, erinnert sich Hammer und scrollt in seinem elektronischen Kassenbuch nach unten. Am vierten Advent gingen im 24-Stunden-Notdienst fast 350 Medikamente über den Verkaufstresen. Für einen alleine kaum zu schaffen.   Deutschlandweit nutzen durchschnittlich 20.000 Menschen täglich den Notdienst, das macht mehr als sieben Millionen Arzneimittel pro Jahr. Besonders oft sind es Mütter oder Väter, die nachts an der Notdienstklingel läuten. Etwa bei jedem dritten Besuch werden Arzneimittel für Kinder benötigt. Fieberzäpfchen, Hustensaft, sowas in der Art.

Aber Viktor Hammer wurde auch schon nachts um halb drei, die Zeit, zu der es meist so ruhig ist, dass er auf dem Sofa im Nachtdienstzimmer versucht, eine Mütze Schlaf zu erhaschen, rausgeklingelt. Wegen einer Zahnbürste. Der Apotheker nimmt‘s mit Humor. Er hat den Grundsatz, rund um die Uhr dienstbereit sein zu müssen, verinnerlicht. Und nicht zuletzt einen Eid darauf geschworen, stets Hilfe zu leisten, unabhängig der eigenen Interessen. Seit 30 Jahren lebt er nun schon danach.   Zu schaffen macht ihm der konsequent steigende bürokratische Aufwand, der sich hinter seiner Arbeit im Nachtdienst verbirgt. Hat er beispielsweise ein Medikament nicht in seinem 20.000-Präparate-fassenden Lager, muss er handeln. „Jonglieren“ nennt er das. Darauf zu warten, dass der Kurier am nächsten Vormittag exakt das verordnete Medikament liefert, ist im Notdienst meist keine Option.

BÜROKRATIE, DER SAURE DROP 

Viktor Hammer darf zwar, in der Regel nach Rücksprache mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst, auf einen anderen Hersteller zurückgreifen und Dosierungen variieren – natürlich mit den entsprechenden Einnahmehinweisen für die Patienten. Er muss jedoch jede seiner Abweichungen genau dokumentieren, der Krankenkasse melden und das dazugehörige Dokument für mindestens drei Jahre im Aktenschrank verstauen.Viktor Hammers Stirn wird von einer „Wo soll das nur alles hinführen?“-Sorgenfalte überzogen, wenn er von Krankenkassenverträgen mit der Pharmaindustrie, Lieferschwierigkeiten einiger Medikamente und dem Apothekensterben am Land spricht. Aber es wird auch klar, dass er für seinen Beruf brennt. Er ist großer Fan der medizinischen Rundumversorgung, zu der er seit Jahrzehnten seinen Teil beiträgt. Er weiß aber auch, dass viele Kunden noch immer ein schlechtes Gewissen haben, den Apothekennotdienst in Anspruch zu nehmen. Gerade auch in kleineren Städten und Gemeinden. Doch sein müsse das nicht. Ja, es schadet nicht, den eingetretenen „Notfall“ auch hinsichtlich seiner Dringlichkeit zu hinterfragen. Doch um zu helfen, bleibt Viktor Hammer sehr gerne wach.

Apotheken-Notdienst:

Wer hat Dienst?

Die Apotheke, die aktuell Notdienst hat und Ihrem Wohnort am nächsten ist, finden Sie online unter anderem auf www.aponet.de, können Sie per Telefon (Festnetz: 0800-00 22833, Handy: 22833) erfragen oder lesen Sie im Notdienstkalender Ihrer Tageszeitung.

Apotheke:

Drei Berufe, ein Arbeitsplatz

Pharmazeutisch-kaufmännische/r Angestellte/r (PKA): Die Ausbildung für PKA ist dual und dauert drei Jahre. Meist wird ein mittlerer Bildungsabschluss vorausgesetzt. PKA sind in Apotheken für sämtliche kaufmännisch-organisatorische Aufgaben zuständig. Sie bestellen Arzneimittel, kontrollieren eingehende Ware und lagern sie. Zudem beraten PKA Kunden zu apothekenüblichen Produkten und verkaufen diese.

Pharmazeutisch-technische/r Assistent/in (PTA): PTA unterstützen Apotheker bei der Prüfung und Herstellung sowie beim Verkauf von Arzneimitteln. Außerdem führen sie einfache physiologisch-chemische Untersuchungen durch und übernehmen Verwaltungsaufgaben. Die schulische Ausbildung dauert zweieinhalb Jahre und mündet in einer staatlichen Abschlussprüfung. Vorausgesetzt wird ein mittlerer Bildungsabschluss.

Apotheker/in, Pharmazeut/in: Voraussetzung für eine Tätigkeit als Apotheker ist ein Pharmaziestudium, ein praktisches Jahr und das Staatsexamen. Erst danach darf man die Approbation, also die staatliche Zulassung zur Berufsausübung in Deutschland, als Apotheker erwerben. Apotheker sind Experten für Arzneimittel und stellen diese teilweise auch selbst her.

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