11.10.2021 - 15:36 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Campieren für einen Bauplatz: Seit Samstag harren Bauwillige in Schwandorf aus

Ab Dienstag, 8 Uhr, werden im Foyer der Oberpfalzhalle die Parzellen für zwei Schwandorfer Baugebiete vergeben. Das Interesse daran ist so groß, dass mittlerweile mehr als 80 Personen vor dem Gebäude übernachten.

Ismir Bazhala (rechts) hat sich am Sonntag um 9 Uhr in die Schlange vor der Oberpfalzhalle eingereiht. Er möchte eine Parzelle für seine Baufirma ergattern.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Die Leute sitzen eingehüllt in Schlafsäcken auf Campingstühlen. Feldbetten stehen bereit. Ein Stromaggregat brummt. Irgendjemand hat am Gehweg einen Flat-Screen aufgebaut, um sich die Zeit mit Videospielen zu vertreiben. Immer wieder kommen Menschen vorbei, die Essen oder Getränke bringen: Vor der Oberpfalzhalle sieht es am Montagnachmittag aus wie in einem Lager für Gestrandete. Mehr als 80 Leute (Stand 14 Uhr) stehen seit Samstag Schlange, um einen der begehrten Bauplätze im Stadtteil Fronberg oder im Rothlindenviertel zu ergattern. Die Anmeldefrist nach dem Windhundverfahren beginnt am Dienstag um 8 Uhr.

Ein bisschen warten für das große Glück

Richard Martin hat die beste Ausgangsposition. Er sitzt in seinem Gartenstuhl direkt vor der Tür der Oberpfalzhalle, die sich am Dienstagmorgen für die Bauwilligen öffnen soll. "Ich war schon am Samstag um 9 Uhr hier", erzählt er, nachdem er am Montagnachmittag bereits mehr als 50 Stunden ausgeharrt hat. Der junge Mann gibt sich gelassen. "Man hat es ja vorher gewusst, dass das eng wird. Aber für meine Freundin und mich gibt es keine andere Option." Richard Martin will unbedingt im Fronberger Baugebiet Hasenbuckel heimisch werden. Auf das Ausharren vor der Oberpfalzhalle kommt es jetzt auch nicht mehr an. "Was sind schon drei Tage im Vergleich zum Rest meines Lebens."

Die Stadt Schwandorf hat am Hasenbuckel 50 und im Rothlinden-Viertel 17 neue Bauparzellen ausgewiesen und sich durchaus schon im Vorfeld Gedanken darüber gemacht, wie die Grundstücke an die Häuslebauer gebracht werden sollen. Nach einigem Hin und Her im Stadtrat entschied sich die Mehrheit des Gremiums im Sommer dafür, die Plätze nach dem Motto "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" zu vergeben. Die SPD hatte sich für ein Punktesystem ausgesprochen, konnte sich mit diesem Vorschlag aber nicht durchsetzen. Am zweiten Oktoberwochenende war nun die Zeit der "Windhunde" gekommen. Ganz vorne mit dabei: der neu gewählte Stadtrat Tim Dirmeier (CSU). Er ist der zweite in der Schlange und wartet seit Samstagmittag.

In der Nacht heftige Diskussionen

"Natürlich haben wir viel diskutiert, ob das der richtige Weg für die Vergabe ist", erzählt er von vielen Gesprächen vor der Tür der Oberpfalzhalle. "Aber es allen recht zu machen, geht halt nie." Er hält das Windhundprinzip für klassisch, transparent. "Da kann nix gemauschelt werden", betont er. Die Sorge vor Mauscheleien geht in der immer länger werdenden Schlange aber trotzdem um, vor allem, je weiter hinten man sich umhört. Das habe in der Nacht zum Montag zu heftigen Diskussionen geführt, erzählt eine Gruppe von Wartenden im letzten Drittel. "Dass die ganz vorne die ersten sind, das ist klar", sagt eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Aber weiter hinten wird das immer undurchsichtiger."

Bis Sonntagabend standen die Wartenden in Traubenform auf dem Vorplatz der Halle, eine klare Reihung war auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Dann kam es zu einem Akt demokratischer Selbstorganisation. Eine Liste mit Platznummer und Name wurde erstellt, die Leute schworen sich gegenseitig ein, darauf zu achten, dass sich niemand vordrängelt. "Ich hoffe, das funktioniert", lenkt Laura Glaser den Blick auf Dienstagfrüh, wenn die Stadt die Türen zur Oberpfalzhalle aufsperren lässt. Glaser ist mit Tim Dirmeier liiert und hilft, Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Sie erklärt Neuankömmlingen die Regeln und hütet die Liste, die von allen kontrolliert werden kann. "Jeder kennt seinen Vorder- und seinen Hintermann", sagt sie. "Wenn es am Dienstag losgeht, hoffen wir, dass die Gruppe geschlossen und solidarisch auftritt."

SPD kritisiert Windhundverfahren

Franz Schindler, Chef der SPD-Fraktion im Stadtrat, übt am Montag scharfe Kritik an dem Vergabeverfahren. Er bezeichnet das Windhundprinzip als "mittelalterlich und ungerecht", es bevorzuge diejenigen, "die rechtzeitig Bescheid wissen und Zeit und die Möglichkeit haben, sich tagelang in der Kälte anzustellen". Schindler hatte im Sommer vorgeschlagen, ein Punktesystem für die Vergabe städtischer Baugrundstücke einzuführen, in dem unter anderem die Herkunft, das Einkommen und ehrenamtliches Engagement der Kaufinteressenten berücksichtigt wird. "Im Zeitalter der Digitalisierung müsste es auch in Schwandorf möglich sein, das Vergabeverfahren transparent und gerecht zu gestalten, zum Beispiel dadurch, dass sich Interessenten innerhalb einer bestimmten Frist elektronisch um Baugrundstücke bewerben und dass für bestimmte Kriterien Punkte vergeben werden."

Die Pressesprecherin der Stadt, Maria Schuierer, räumt auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien ein, dass die Stadt mit einem solchen Ansturm nicht gerechnet habe. "Wir sind doch sehr überrascht, dass die Bauwilligen so lange Wartezeiten auf sich genommen haben", sagt sie. Das Interesse zeige, wie dringend neue Bauplätze gebraucht würden. "Aber es ist gar nicht so einfach, neue Flächen auszuweisen, die Hürden werden immer höher." Seit Montagvormittag hat die Stadt immerhin die Toiletten der Oberpfalzhalle für die Wartenden geöffnet. Ein Sicherheitsdienst ist vor Ort, damit alle Ruhe bewahren. Nach einer weiteren, kalten Oktobernacht, wird am Dienstagmorgen Bewegung in die Warteschlange kommen, hoffentlich ohne Gedränge. 67 Bauplätze werden vergeben, doch Hoffnungen machen sich auch noch die, die jenseits der Nummer 80 in der Reihe ausharren. Sie warten doppelt: "Auch auf der Warteliste hat man dann noch eine Chance", sagt der Mann, der gerade erst angekommen ist und auf dem Gehsteig seinen Campingstuhl aufstellt. Decke und Wärmflasche bringt die Ehefrau nach.

Antrag der Schwandorfer SPD abgelehnt

Schwandorf
Info:

Baugebiete Hasenbuckel-Ost und Rothlinde

  • Das Baugebiet Hasenbuckel-Ost liegt im Schwandorfer Stadtteil Frohnberg.
  • Hier stehen 50 Parzellen zur Verfügung.
  • Der Quadratmeterpreis ohne Erschließung beträgt am Hasenbuckel-Ost 92 Euro.
  • Im Baugebiet Rothlinde gibt es 17 Grundstücke.
  • Der Quadratmeterpreis ohne Erschließung beläuft sich hier auf 105 Euro.
  • Für Familien gewährt die Stadt Schwandorf einen Nachlass auf den Kaufpreis von 5000 Euro pro Kind.
  • Der Käufer verpflichtet sich in beiden Baugebieten, innerhalb von drei Jahren zu bauen und das Gebäude mindestens zehn Jahre selbst zu nutzen.

 

 

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