08.11.2019 - 09:52 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Druck auf Frauen weiterhin stark

Soziologen lieben Statistiken. Carsten Wippermann macht da keine Ausnahme. Trotzdem folgen ihm die Zuhörer gebannt. Denn er zeigt mit seinen Zahlen sehr deutlich, dass es mit der Gleichberechtigung nicht soweit her ist, wie viele glauben.

Professor Carsten Wippermann bei seinem Vortrag in der Sparkasse über über gesellschaftlichen Wandel und geänderte Rollenverhältnisse.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Wippermann ist Fachhochschul-Professor in Benediktbeuern im Alpenvorland, wo die Katholische Stiftungshochschule München ihre Abteilung für Sozialwesen unterhält. Er hat sich als Gründer und Leiter des Delta-Instituts für Sozial- und Ökologieforschung in Penzberg einen guten Ruf als Spezialist für Themen des gesellschaftlichen Wandels erarbeitet, speziell bei dem der Geschlechtergerechtigkeit und dem Rollenwandel von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft.

So haben Dorothea Seitz-Dobler und Helga Forster vom Lokalen Bündnis für Familien im Landkreis Schwandorf den Wissenschaftler eingeladen, in der Sparkasse über gesellschaftlichen Wandel und geänderte Rollenverhältnisse zu sprechen. Den gut besuchten Vortrag leiteten Arbeitsagentur-Chef Markus Nitsch, Vorstandsmitglied Wilfried Bühner von der Sparkasse und der stellvertretende Landrat Jakob Scharf mit kurzen Statements ein.

Warum ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Mütter noch immer schwierig und welche Rolle spielt die Gleichstellung von Frauen und Männern dabei? „Junge Frauen und Frauen, die mitten im Leben stehen, haben heute eine ebenso gute schulische Ausbildung und berufliche Qualifikation wie Männer im gleichen Alter“, sagte Wippermann. Da sie viel in ihre Ausbildung investiert hätten, wollen sie finanziell eigenständig sein. Gleichzeitig sagen Frauen heute aber nicht, dass ihnen die Karriere so wichtig ist, dass sie auf Familie verzichten wollen. Ihnen geht es um beides: Sie wollen Beruf und Familie.

In vielen Partnerschaften kommt es laut Wippermann im Laufe der Zeit zu einer traditionellen Rollenverteilung, zum Beispiel wenn das Paar zusammenzieht. Wenn Frauen nach der Geburt eines Kindes die Erwerbstätigkeit mindern, verstärkt sich diese Konstellation. Die Männer sehen sich verstärkt unter dem Druck, das Familieneinkommen zu erwirtschaften. Sie machen dann mehr Überstunden und kämpfen darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Ihr Engagement im Haushalt sinkt hingegen sehr stark.

Eine weitere Hürde ist das Lohnsteuerklassensystem, das häufig dazu führt, dass ein ohnehin niedrigeres Einkommen der Frauen durch die Steuerklassenwahl höher besteuert wird: „Wenn das Paar dann ein Kind bekommt, überlegen die beiden dann, wer ökonomisch sinnvollerweise die Erwerbstätigkeit unterbrechen sollte und das ist dann in der Regel die Frau.“ Was direkte Auswirkungen auf deren künftige Rente hat.

Ein anderes Beispiel: Wenn Mütter nach einer Unterbrechung wieder in den Beruf einsteigen, bekommen sie oft ein deutlich geringeres Gehalt als vorher. Oder sie steigen mit einem Minijob ein mit der Verheißung, dies sei eine Brücke in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Oftmals bleiben die Mütter aber dauerhaft in den Minijobs und werden viel schlechter bezahlt als in einer regulären Anstellung.

Viele Frauen, die in Teilzeit arbeiten, sind damit aber offenbar sehr zufrieden. 85 Prozent von rund 2000 befragten teilzeitbeschäftigten Frauen finden es demnach "super", in Teilzeit zu arbeiten, 75 Prozent erklärten, derzeit "auf keinen Fall" Vollzeit arbeiten zu wollen. 60 Prozent gaben an, möglichst bis zur Rente in Teilzeit arbeiten zu wollen. "Die Ergebnisse sind erschreckend", sagte Wippermann, "weil sich viele dieser Frauen freiwillig und dauerhaft in die finanzielle Abhängigkeit ihres Partners begeben."

Über die Folgen sind sich die meisten Befragten bewusst: 68 Prozent aller teilzeitbeschäftigten Frauen sind sicher, von ihrer eigenen Rente später nicht leben zu können. 25 Prozent sagen, dass sie sich mit ihrer Rente nicht mehr befassen würden, weil sie das Thema zu sehr deprimiere. Ein weiteres Ergebnis der Befragung: In zehn Jahren wollen die meisten Frauen, die in Teilzeit arbeiten, ihre Stundenzahl deutlich erhöhen. Derzeit arbeiten Frauen in Teilzeit der Studie zufolge im Schnitt 21,5 Stunden pro Woche.

Eine dritte Hürde ist die Entgeltungleichheit. „Wenn man sich die monatlichen Brutto-Einnahmen von Frauen und Männern anschaut, haben Frauen ein Brutto-Einkommen, das 45 Prozent geringer ist als das von Männern“, so Wippermann. Und das, obwohl Frauen für ihre Erwerbstätigkeit dieselben Voraussetzungen und Motivationen hätten wie Männer.

Auch für Männer ist Gleichstellung etwas ganz Wichtiges. „Wir sehen ja, dass heute rund 30 Prozent der jungen Väter in Elternzeit gehen. Es gibt eine mentale und verbale Aufgeschlossenheit von Männern in Bezug auf die Gleichstellung – aber gleichzeitig eine ausgeprägte Verhaltensstarre.“ Denn wenn man das Beispiel der Elternzeit heranzieht, müsse man auch sagen, dass 79 Prozent dieser Väter nur die Minimalzeit von zwei Monaten nehmen. Nur sehr wenige Väter gehen fünf oder sechs Monate in Elternzeit. Während es bei den Frauen die Regel ist, dass sie zehn oder 12 Monate in Anspruch nehmen. „Hier sieht man, dass das Verhalten von Männern noch sehr traditionell ist.“

Es gibt eine mentale und verbale Aufgeschlossenheit von Männern in Bezug auf die Gleichstellung – aber gleichzeitig eine ausgeprägte Verhaltensstarre.

Professor Carsten Wippermann

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