01.10.2020 - 18:01 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Einheit als Herzensangelegenheit

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Der Beginn ist unscheinbar. Doch das Pflänzchen entwickelt sich, zäh und unverdrossen. Und schon bald kann ein Jubiläum groß gefeiert werden. Geplant wird das "30-Jährige" der Landkreispartnerschaft mit Görlitz ab diesem Wochenende.

Eine der bedeutenden Sehenswürdigkeiten im Landkreis Görlitz ist das Schloss in Bad Muskau, gelegen im UNESCO-Welterbe Muskauer Park.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Es sind einige Namen aus Schwandorf und Görlitz, die sich in die Annalen dieser Partnerschaft eingeschrieben haben, die vor 30 Jahren angestoßen und ein Jahr später in einen förmlichen Vertrag gegossen wurde. Auf Schwandorfer Seite gehören dazu der damalige Landrat Hans Schuierer, BLSV-Ehrenvorsitzender Fritz Haag mit seinen engen Kontakten in den Sportbereich, Franz-Joseph Vohburger als Mittler in touristischen Angelegenheiten, Ludwig Detter als Amtschef der Kreisbehörde und der heuer verstorbene Kreiskulturreferent Franz Pfeffer, dem der Austausch mit dem Landkreis Görlitz sehr am Herzen lag und der die Partner im Osten immer wieder besuchte.

Auf sächsischer Seite zählt neben anderen der frühere Landrat Dieter Liebig dazu, der mit seinen 69 Jahren zwischenzeitlich als freier Schriftsteller tätig ist, und der noch immer amtierende Görlitzer Kulturamtsleiter Joachim Mühle.

"Ich bin von Anfang an dabei gewesen," versichert Mühle (63) im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Er bemüht sich seit der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde im Jahr 1991, diesen Vertrag zwischen den Landkreisen Schwandorf und Görlitz mit Leben zu erfüllen. Mühle hat schon früh viele Gemeinsamkeiten entdeckt - den Strukturwandel von der Bergbau- zur Tourismusregion, die Tagebauseen, historische Orte und kulturellen Sehenswürdigkeiten. "Das sind Pfunde, mit denen die beiden Landkreise wuchern können", betont der Kulturreferent immer wieder.

Mühle freut sich auf den angekündigten Besuch einer Reisegruppe aus Schwandorf rund um den Tag der Deutschen Einheit an diesem Wochenende "in der schönsten Stadt Deutschlands mit ihrer reizvollen Umgebung". Die "Europastadt" Görlitz biete eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten, macht er deutlich, sie leide allerdings unter der Abwanderung der jungen Leute. "Die gehen dorthin, wo sie Arbeit finden", zeigt der Landkreisvertreter Verständnis. Viele aufwendig sanierte Wohnungen stünden leer in der Kreisstadt. Mit dem Ausbau des Fremdenverkehrs versuche der Landkreis, hier gegenzusteuern, wie Mühle einmal gegenüber Oberpfalz-Medien erläutert hat.

Der Schwandorfer Altlandrat Hans Schuierer weiß es noch ganz genau: "Damals kam ein Schreiben des Innenministeriums, das bayerische Kreise dazu ermunterte, Partnerschaften mit Gebietskörperschaften in der ehemaligen DDR einzugehen." Görlitz stand mit auf einer Liste. "Nicht der nächste Weg", dachte sich Schuierer. Irgendwann kurz nach der Wende stand dann ein Mann bei dem damaligen Schwandorfer Landrat im Büro, der Dieter Liebig hieß. Er kam aus Görlitz, war dort ebenfalls Landrat und schilderte Schuierer, dass es Gemeinsamkeiten gebe. Die kannte Hans Schuierer zwar nicht, doch er ließ sich berichten: Sowohl im Raum Schwandorf als auch im Görlitzer Umland gab es riesige Braunkohle-Tagebaugruben. Mit einem Unterschied: Bei den Ausbeutungen nahe Wackersdorf war die Rekultivierung längst im Gang. Sie hatte eigentlich immer begleitend zu den Kohlegewinnungen stattgefunden. Nicht so im Görlitzer Bereich. Liebig kam wieder und hatte zwei kommunalpolitische Begleiter dabei. Erst gab es Gespräche im Landratsamt, am Abend dann ein Essen im damals noch existierenden und heute längst abgerissenen Schwandorfer Bahnhof-Hotel. Hans Schuierer lud dazu zwei Gäste ein: Den damaligen Landratsamts-Pressesprecher Franz-Joseph Vohburger und den NT-Redaktionsleiter Wolfgang Houschka, der als Zeitzeuge in einem Artikel diesen Auftakt überlieferte.

Danach, so erinnert sich Hans Schuierer heute, sei alles sehr zügig vonstatten gegangen. Nach den in den Gremien gefassten Beschlüssen kam es am 7. Juni 1991 zur Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde in Görlitz. Die Schwandorfer Delegation reiste per Bus an. Mit dabei waren viele Kreisräte.

Dass West-Importe beim Aufbau der Ostverwaltung eine Rolle gespielt haben, daran erinnerte Dieter Liebig mit Blick auf Dr. Peter Heinrich. Der war ein ehemaliger Mitarbeiter aus dem Landratsamt Schwandorf und leitete seit Anfang an den Regionalen Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien, der von den zwei Landkreisen Bautzen und Görlitz getragen wird. "Dr. Heinrich hat mich damals auch auf den Landkreis Schwandorf als möglicher Partner aufmerksam gemacht", betonte Liebig.

Der amtierende Görlitzer Landrat Bernd Lange (64), der seit gut zwei Jahrzehnten diese Position inne hat, erklärte bei der Gelegenheit eines Festakts den etwa 400 Kilometer weit angereisten Besuchern aus dem Kreis Schwandorf, dass sein Landkreis zehnmal so viele Einwohner zähle wie zu Beginn der Partnerschaft - weil er sich nach mittlerweile zwei großen Gebietsreformen aus vier früheren Kreisen und einer kreisfreien Stadt zusammensetzt. 1994 wurde nämlich aus dem Kreis Görlitz der Niederschlesische Oberlausitzkreis. Seit 2008 heißt der Partner wieder "Kreis Görlitz". 260 000 Menschen leben in dieser Region an der Neiße und im Zittauer Gebirge. Zum Vergleich: Der Landkreis Schwandorf zählt 143 000 Bewohner.

Für Lange ist klar, dass der Görlitzer Kreistag zu dieser Partnerschaft steht, während er mittlerweile etliche weitere Verbindungen, die noch vor der Reform von den früheren Kreisen Niesky, Weißwasser, Zittau-Löbau und dem Niederschlesischen Oberlausitzkreis geschlossen worden waren, für beendet erklärte. "Wir wollen an dieser Partnerschaft mit Schwandorf festhalten und sie leben, weil sie die Menschen zueinander bringt", betonte er.

Der Schwandorfer Landrat Thomas Ebeling ist ebenfalls ein Verfechter der Partnerschaft: "Sicherlich war zu Beginn der Braunkohletagebau das Bindeglied zwischen den Landkreisen Görlitz und Schwandorf. In den letzten knapp 30 Jahren ist es uns jedoch gelungen, den Austausch auf vielen gesellschaftlichen Ebenen zu intensivieren und die Partnerschaft mit Leben zu erfüllen."

In Görlitz unterzeichneten am 7. Juni 1991 der frühere Landrat Dieter Liebig aus Görlitz (sitzend links) der damalige Schwandorfer Landrat Hans Schuierer (sitzend Mitte) die Partnerschaftsurkunde.

Für Ebeling ist klar, dass das, was mit einem Austausch auf politischer Ebene anfing, längst zu einer Erfolgsgeschichte geworden sei. Immer öfter brechen Vereine und Besuchergruppen aus Schwandorf nach Görlitz auf, um die Region im Dreiländereck zu erkunden. Umgekehrt steigen die Zahlen der Besucher aus der Oberlausitz. "Auf diese Entwicklung", so der Landrat, "können alle Akteure sehr stolz sein".

Damit das so bleibt, kümmert sich im Landratsamt Manuel Lischka hauptberuflich um die Belange der Partnerschaft. Lischka ist seit Mitte dieses Jahres als Nachfolger von Franz Pfeffer der neue Referent für Kultur, Sport und Schulen des Landkreises Schwandorf. Er ist an diesem Wochenende in Görlitz, um sich mit seinem dortigen Amtskollegen Joachim Mühle auszutauschen und die Feier zum 30-jährigen Partnerschaftsjubiläum vorzubereiten. Die wird, wenn nicht Corona dazwischen funkt, im nächsten Jahr in Görlitz über die Bühne gehen.

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange (Zweiter von links) wurde bei der 25-Jahr-Feier der Kreispartnerschaft im Jahr 2016 von seinem Schwandorfer Amtskollegen Thomas Ebeling (rechts daneben), vom damaligen Kreiskultureferenten Franz Pfeffer (links) und dem Wirtschaftsförderer des Kreises, Richard Reger, mit einem breitformatigen Foto beschenkt, dass die Landschaft bei Wackersdorf zeigt.

"Silberhochzeit" der Partner

Wir wollen an dieser Partnerschaft mit Schwandorf festhalten und sie leben, weil sie die Menschen zueinander bringt

Bernd Lange, Landrat von Görlitz

Bernd Lange, Landrat von Görlitz

Landkreis Görlitz:

Der Landkreis Görlitz liegt in Sachsen und ist der östlichste Landkreis Deutschlands. Er hat 260 000 Einwohner und damit fast doppelt so viele wie der Landkreis Schwandorf. Große Städte sind neben dem Kreissitz Görlitz die Orte Weißwasser, Niesky, Löbau und Zittau. Die Kreisstadt Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands und liegt an der Lausitzer Neiße, die die Grenze zu Polen bildet. Der Kreistag des Landkreises Görlitz besteht derzeit aus 86 Mitgliedern und dem CDU-Landrat Bernd Lange als Vorsitzendem. Entsprechend der Wahl vom 26. Mai 2019 ist die AfD mit einem knappen Drittel der Sitze (27) die stärkste Fraktion, gefolgt von der CDU (23 Sitze), den Freien Wählern (11), der Linken (8), Bündnis 90/Die Grünen (5), SPD (4), FDP (3) und drei kleinen, lokalen Wählergruppen. Damit ist der Görlitzer Kreistag der erste und einzige in Sachsen überhaupt, in dem die AfD in der Legislaturperiode 2019/2024 allein die größte Fraktion stellt.

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