20.10.2019 - 11:06 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Energiegigant am Dorfrand

Der Bau des ersten Kohlekraftwerkes im Bayernwerkkonzern ist ein Markstein, besonders für das damals noch eigenständige Dachelhofen bei Schwandorf. Vor neun Jahrzehnten werden die Grundlagen gelegt.

or neun Jahrzehnten wurde mit dem Bau des Kraftwerks an der Naab bei Dachelhofen begonnen, im Jahr 2002 hat man die riesige Anlage stillgelegt und danach zum Teil gesprengt. Viele Jahre lang wurde das Werk mit Braunkohle aus Wackersdorf betrieben.
von Externer BeitragProfil

Das Kraftwerk wurde nicht, was zunächst nahelag, in unmittelbarer Nähe des Kohlevorkommens in Wackersdorf, sondern in der Nähe der Naab bei der Ortschaft Dachelhofen errichtet. 1928 übernahm das Bayernwerk die Aktienanteile der BBI. Hiermit entsprach man den Gedanken von Oskar von Kösters, man sollte die vorhandene Braunkohle der Grube Wackersdorf zur Stromerzeugung nutzen.

Damit war die Grundlage für das Kraftwerk am südlichen Stadtteil von Schwandorf geschaffen, und noch im gleichen Jahr wurde mit den umfangreichen Baumaßnahmen begonnen. Die Errichtung des Bahndammes erforderte eine Aufschüttung mit einem Volumen von rund 350 000 Kubikmetern. Dieses Füllmaterial wurde aus Abraum der Grubenfelder gewonnen. Durch die Verlegung des Kraftwerkes an das Wasser musste der Bau einer neuen, rund acht Kilometer langen Industriebahn für den Material- und Kohletransport in Kauf genommen werden.

Auch ein Wehr gebaut

Dafür wurden günstige Wasserbeschaffung, geringe Kosten für die Anschlussleitung zum Abtransport der erzeugten Energiemengen und ungehinderte Erweiterungsmöglichkeiten des Werkes erreicht. Die Bauleitung und Projektierung wurde der AEG in Berlin unter dem Geheimen Baurat Prof. Dr. phil. Dr.-Ing. E.h. Georg Klingenberg (1870-1924) übertragen. Das Bayernwerk hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die geeigneten Ingenieure mit entsprechender Erfahrung in diesem Bereich.

Damit erhielten die bisher lediglich aus Wasserkraft bestehenden Energiequellen des Bayernwerkes eine wichtige und wertvolle Ergänzung. Neben dem Kraftwerkskomplex ging es um die Errichtung der Wehranlage mit vier Stück 18 Meter breiten, verstellbaren Walzen, einschließlich der Zu- und Ablaufkanäle für das Kühlwasser, sowie der Kohleaußenbunker. Die Freiluftanlage bekam eine Einbindung in das Hochspannungsnetz des Bayernwerkes. Zudem wurde noch eine Wohnsiedlung errichtet, die 42 Familien Unterkunft bot.

Richtfest 1929

Richtfest der beiden 140 Meter hohen Kamine war am 27. September 1929, zu dem auch der damalige Bürgermeister der Stadt Schwandorf, Dr. Max Schweigert, geladen war. Die hauptverantwortliche Baufirma war die Fa. Donhauser aus Schwandorf, nebst einer ganzen Reihe von weiteren Firmen. Die Baukosten waren mit 16 Millionen Mark veranschlagt. Nach zweijähriger Bauzeit wurde das Kraftwerk am 9. März 1930 in Betrieb genommen.

Im ersten Bauabschnitt wurden über 3,5 Millionen Ziegelsteine verbaut, dazu etwa 10 000 Tonnen Zement und über 5000 Tonnen Stahl. Im Kraftwerk wurde eine Maschinenleistung von 55 000 Kilowatt erreicht. Im Jahr 1937 erfolgte die Anbindung mit Strom und Dampf an die benachbarte VAW. Durch die Bombardierung im zweiten Weltkrieg am 20. April 1945 kurz vor 12 Uhr wurde das Werk ziemlich beschädigt. Am 4. Juni 1945 um 9.50 Uhr konnte die Maschine 1 wieder Strom an das Netz abgeben.

Blöcke A bis C

In den Jahren von 1949 bis 1953 steigerte sich die Kraftwerks-Leistung durch Erweiterungen auf etwa 125 000 Kilowatt. Der Bau von Block A erfolgte dann in den Jahren 1955/1956 und die neu eingebaute Turbine (zu dieser Zeit die modernste in Europa) lieferte eine elektrische Leistung von 75 Megawatt. Nun war es möglich, 200 000 Kilowatt Strom zu erzeugen.

Der Kostenvoranschlag für den Bau von Block B betrug 56 Millionen DM. Der Bau der Blöcke B und C erfolgte von 1958 bis 1961. Die beiden Anlagen wurden baugleich ausgeführt. Jede der beiden Turbinen erzeugte 100 Megawatt Leistung. Aus acht Kohlemühlen wurde die zermahlene Kohle in den Kessel eingeblasen und verbrannt. Mit dem hierbei erzeugten Dampf wurde die jeweilige Turbine betrieben. Am 4 .September 1959 erfolgte die Inbetriebnahme der Turbine Block B. Zwei Jahre später, am 7. September 1961, kam es zur Inbetriebnahme der Turbine C. Mit diesen beiden neuen Turbinen steigerte sich die im Kraftwerk erzeugte Leistung auf rund 400 Megawatt.

Generator namens "Hilde"

Die sechste Erweiterung begann im Jahr 1969. Auf der Grundlage einer Denkschrift über die Ergiebigkeit des Kohlevorkommens über 30 Jahre hinweg, auch bei Verdoppelung der Kraftwerkskapazität, wurde der Block D gebaut. Das Kraftwerksgelände wurde erweitert und hatte nun eine Größe von 74 Hektar. Der neue Block erhielt einen Kessel mit einer Höhe von 108 Meter. In diesem wurden rund 500 Kilometer Kesselrohre eingebaut, mit einem Gewicht von etwa 2600 Tonnen. Um den Kessel mit vollentsalztem Wasser zu füllen, waren Kesselspeisepumpen erforderlich.

Das Kernstück der neuen Blockanlage war neben der Turbine der Generator der Firma BBC mit einer Leistung von 300 000 Kilowatt pro Stunde. Er wurde am 11. Juli 1972 auf den Namen "Hilde" getauft. Das Gesamtgewicht des Turbosatzes (Turbine und Generator) entsprach 800 Tonnen, er hatte eine Länge von 30 Metern.

Mit im Bauumfang war der Kühlturm 3. Der Durchmesser betrug 71 Meter im unteren Bereich und 42 Meter im oberen. Die Höhe lag bei rund 110 Metern. Die Temperatur des Kühlwassers, das wieder in die Naab zurückgeleitet wurde, durfte 28° C nicht überschreiten.

Eingebaut im Kesselhaus waren sechs Kohlemühlen mit einem Schlagraddurchmesser von 3250 Millimetern zum Zermahlen der Kohle. Das Gewicht eines Mühlen-Rotors betrug voll bestückt rund 40 Tonnen. Der ungebremste Auslauf der Mühle dauerte 45 Minuten, gebremst immerhin noch sieben Minuten. Die Kraftwerksleistung wurde dabei auf über 700 Megawatt gesteigert.

Waren zu Beginn des Kraftwerkbetriebes noch etwa 3,3 Kilo Kohle erforderlich, um eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen, so konnte der Verbrauch durch Neuerungen letztendlich bis auf 0,4 Kilo pro Kilowattstunde gesenkt werden. Wesentlich dazu bei trug auch der höhere Heizwert der importierten Kohle.

Im Jahr 1980 wurden die beiden Kamine der Blöcke B und C durch einen neuen, 235 Meter hohen Kamin ersetzt. Die Bauzeit für den neuen Kamin betrug nur 40 Tage. Gearbeitet wurde in drei Schichten, also rund um die Uhr.

Ausbau und Ende

Desweiteren wurde 1980 die neu erbaute Zentralwerkstatt mit Platz für 140 Mitarbeiter erbaut. Zur Vollständigkeit sei noch der Bau der beiden Entschwefelungsanlagen zur Rauchgasreinigung Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre erwähnt. Die Baukosten dieser Anlagen beliefen sich auf mehr als 400 Millionen DM. Im Jahr 1996 wurden die Generatoren der Blöcke B und C durch zwei neue Generatoren ersetzt, aber schon nach rund drei Jahren Laufzeit stillgelegt. Als letzter von acht Betriebsleitern hatte Direktor Hermann Ehrenstraßer die undankbare Aufgabe, den Betrieb des Kraftwerkes am 14. November 2002 um 15.37 Uhr zu beenden, das Kraftwerk zu schließen und rückzubauen. Damit gingen 72 Jahre erfolgreicher Kraftwerksgeschichte zu Ende.

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Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Originalbeitrags für den Nordgautag 2020 in Schwandorf

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