Bücher für alle - ganz ohne Anmeldeformulare, Leihfristen oder Öffnungszeiten. Das ist die Idee, die hinter dem Konzept „offener Bücherschrank“ steckt. In vielen Städten gibt es sie schon, und auch in Schwandorf haben die Leseratten seit geraumer Zeit die Möglichkeit, Bücher kostenlos zum Tausch oder zur Mitnahme anzubieten. Vom Kinder- bis zum Sachbuch und vom Roman bis zum Nachschlagwerk – sämtliche literarischen Gattungen sollen in der Vitrine ihren Platz finden. Was der aktuelle Jugendbeiratsvorsitzende Tobias Bergmann aber sofort entfernt, sind jugendgefährdende oder rassistische Schriften.
Das Phänomen hat es sogar zu einem Eintrag bei Wikipedia gebracht. In dem Beitrag „Liste öffentlicher Bücherschränke“ steht eine etwas geschraubte Definition zu lesen: „Ein öffentlicher Bücherschrank ist ein Schrank oder schrankähnlicher Aufbewahrungsort mit Büchern, der dazu dient, Bücher kostenlos, anonym und ohne jegliche Formalitäten zum Tausch oder zur Mitnahme anzubieten.“ Dass die Liste nicht auf dem neuesten Stand ist, geben die Wiki-Autoren zu. Schwandorf, das alphabetisch wohl zwischen Schwabmünchen und Schwarzenbach am Wald verzeichnet sein müsste, fehlt leider.
Die Idee zum Bücherschrank hatte der damalige Jugendbeiratsvorsitzende Alexander Vogl. Ihm schwebte eine Bücherausleihe im öffentlichen Raum vor. Er nahm also Kontakt zur Praxisklasse der Kreuzbergschule auf und bekam Unterstützung. Schreinermeister Waldemar Huber übernahm die Planung und setzte sie mit fünf Jugendlichen der Praxisklasse in die Tat um. Fünf Wochen lang sägten und hämmerten die Schüler jeweils an einem Nachmittag und erstellten einen Bücherschrank aus wetterbeständigem Drei-Schicht-Thermo-Fichtenholz und Sicherheitsglas. Mitte Juni 2018 ging Vogls Büchertraum in Erfüllung und nach zweijähriger Planung konnte das öffentliche Verleihsystem nach dem Bookcrossing-Prinzip in Betrieb genommen werden. Das vom Jugendbeirat initiierte Angebot wird nach den Angaben von Maria Schuierer, Pressesprecherin der Stadt, gut angenommen.
Die Vitrine steht auf einer sechs Millimeter dicken Kompaktplatte und ist mit Gewindestangen im Boden verschraubt. Das Dach aus Edelstahl verhindert, dass Nässe eindringt. Die Türe ist nicht verschließbar. Das gehört zum Verleihsystem: Buch raus nehmen, lesen und wieder zurückstellen. Wer es behalten möchte, sollte dafür ein anderes Buch hinterlegen. Bei dem System „Büchervitrine“ kommt der Entdeckergeist auf seine Kosten. Wer sich wie ein Bücherwurm durchbeißt, findet viel, quer durch die Literatur, von Belletristik bis hin zu Sachbüchern. Oskar Maria Grafs "Unruhe um einen Friedfertigen" drückt sich an Konsaliks "Wie ein Hauch von Zauberblüten". Johannes Mario Simmel. Ken Follett und Rosamunde Pilcher stehen in einer Reihe mit dem Neuen Testament. Und Oskar Lafontaines "Die Gesellschaft der Zukunft" drängt sich auch irgendwo dazwischen. Kinder- und Jugendliche brauchen nicht außen vor zu bleiben. Auch für sie hält der Bücherschrank einiges bereit.
Um den Schrank kümmern sich die beiden Jugendbeiräte Tobias Bergmann und Alina Lorenz. „Ich schaue immer wieder nach, ob in der Vitrine alles in Ordnung ist“, erzählt Alina. Sie liest selbst gern und hat ein kritisches Auge auf das, was sich auf den Regalbrettern befindet. Manches sei schon in schlechtem Zustand oder „einfach uninteressant“, wie sie urteilt. Diese Bücher entsorgt sie dann. Hin und wieder sortiert Alina den verblieben Rest, denn der Schrank ist immer gut gefüllt. Manchmal, so hat sie beobachtet, sorgen auch die Menschen für ein wenig Ordnung, die gerade im Schrank stöbern. Und es seinen überwiegend Ältere, die das Angebot nutzen: „Meine Oma hat auch schon Bücher geholt, Kochbücher oder Bücher über Kräuter.“













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