13.11.2018 - 14:02 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Feuerwehr-Symposium: Eskalation der Gewalt gegen Einsatzkräfte

Seit 1998 werden in Schwandorf alle zwei Jahre Feuerwehr-Symposien veranstaltet. Nie kam dabei das Thema "Gewalt gegen Einsatzkräfte" zur Sprache. Jetzt ist deutlich geworden: Was sich abspielt, gleicht einer Pestbeule unserer Zeit.

Ein Phänomen unserer Zeit ist die zunehmende Aggressivität und Gewalt an Einsatzorten: Erster Polizeihauptkommissar Peter Klinger aus Amberg berichtete darüber bei einem Symposium der Feuerwehr.
von Autor HOUProfil

Gaffer und Neugierige hat es immer gegeben. Doch was sich mit zunehmender Aggressivität und teilweise auch Brutalität abspielt, schilderten Einsatzleiter beim zehnten Symposium des Kreisfeuerwehrverbands im Sitzungssaal des Müllkraftwerks. Begebenheiten, die dabei skizziert wurden, verschlugen den Zuhörern die Sprache.

An das Mikrofon trat der Straubinger Stadtbrandrat Stephan Bachl. Er schilderte Einzelheiten vom Rathausbrand in seiner niederbayerischen Heimatstadt und lenkte den Blick auf eine Menschenmenge, die den alarmierten Feurwehreinheiten wie eine Wand die Zufahrt zum Einsatzort versperrte.

Die Gaffer filmten mit ihren Handys und gingen erst nach Diskussionen widerwillig zur Seite. Weil in Straubing am Tag der Brandkastrophe und unmittelbar neben dem lodernden Gebäude stehend der Weihnachtsmarkt eröffnet worden war, ließ Brandrat Bachl die Hütten der Budenstadt mit Wasser bespritzen.

Das brachte ihm unverzüglich einen Shitstorm bei Facebook und Twitter ein. Tenor: "Die haben keine Ahnung, wie man einen Großbrand löscht." Bachl kopfschüttelnd: "Wir hatten einen Funkenflug, der den Weihnachtsmarkt akut bedrohte."

Dreister Kameramann

Bei Kochel am See brannte es hoch droben auf einem Berg der Alpen. Zehn Helikopter schütteten im Dauereinsatz 1,5 Millionen Liter Wasser auf die Flammen. Zwischenzeitlich mussten die Piloten auf einem abgesperrten Platz landen und pausieren. Um auf das Gelände zu kommen, zog sich ein Kameramann Feuerwehruniform an, gelangte so unkontrolliert auf das Areal und wollte eine Landung filmen.

"Unglaublich", entrüstete sich Einsatzleiter Albert Metsch. In letzter Sekunde konnte der TV-Reporter weggezogen werden. Metsch: "Er befand sich in Lebensgefahr." Denn der Pilot konnte ihn nicht sehen. Seine Bekleidung hatte sich der Mann illegal beschafft.

Einsatzkräfte sehen sich oft Gefahren an Unglücksorten ausgesetzt. Daneben müssen sie in zunehmendem Maß mit Schaulustigen rechnen, die sämtliche Anstandsregeln überschreiten.

Nach einem zwischen fünf Lastfahrzeugen geschehenen Auffahrunfall auf der Autobahn bei Aschaffenburg mussten sich Kreisbrandinspektor Otto Hofmann und seine Leute nicht nur mit der fehlenden Rettungsgasse abärgern. Sie trafen auch auf Menschen, die mit ihren Handys Leichen filmten und selbst nach Aufforderungen den Einsatzort nicht räumten.

In unmittelbarer Nähe stand ein Feuerwehrmann namens Rudi. Er sollte mit einem Strahlrohr bei einem möglicherweise ausbrechenden Brand eingreifen und bespritzte dann, total frustriert, vorüberkommende Kraftfahrer mit Wasser, die auf der Gegenspur Videoaufnahmen machten. Rudi geriet erst bei Facebook und dann bei den Medien ins Visier. "Wir mussten ihn eine Woche lange abschirmen", erzählte Hofmann. Wohl auch deswegen, weil intensiv (darunter mehrere Juristen) verlangt wurde, man möge diesen Mann wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr ahnden.

Wie intensiv und hartnäckig die Bedrohung von Einsatzkräften unterdessen geworden ist, schilderte Erster Hauptkommissar Hans-Peter Klinger. Er ist Chef des Sachgebiets Einsatz bei der Polizeiinspektion Amberg und berichtete von einer Eskalation der Gewalt. Nicht nur gegenüber Staatsbeamten. Auch Sanitäter und Feuerwehrangehörige hätten sich laut Klinger zunehmend mit ignoranten und aggressiven Leuten auseinander zu setzen.

Helfer attackiert

Hans-Peter Klinger machte das an einem Beispiel fest. Sanitäter und Notarzt wurden zu einem akuten medizinischen Notfall in eine Wohnung gerufen und sahen sich einem sie körperlich attackierenden Familienverband gegenüber. Hilfe leisten oder Rückzug antreten? Erst massiver Polizeieinsatz, so der Erste Hauptkommissar, habe eine Erstbehandlung des Patienten ermöglicht.

Einen Beitrag aus seiner Sicht als Gerichtsreporter leistete der Journalist Wolfgang Houschka. Als Moderator des Symposiums tätig, schilderte der ehemalige NT-Chefreporter, dass keine Woche bei der Justiz in Schwandorf und Amberg ohne mehrere Prozesse vergehe, bei denen sich Richter nicht mit dem Anklagepunkt "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte" beschäftigen müssen. "Dabei", so Houschka, "geht es oft auch um Sanitäter, Notärzte und Feuerwehrleute."

Hintergrund:

Was kann man tun, um der zunehmenden Gewalt gegen Einsatzkräfte entgegen zu wirken? Die Bilanz nach Referaten, die beim Feuerwehr-Symposium gehalten wurde, wirkte eher ernüchternd. "Wir haben mit der Staatsanwaltschaft vereinbart", sagte der Amberger Polizist Hans-Peter Klinger, "dass die Verfahren gegen angezeigte Straftäter zügig behandelt und vor die Justiz gebracht werden."

Aus seiner Erfahrung als Gerichtsberichterstatter schilderte der Journalist Wolfgang Houschka, dass der Rechtsweg längere Zeit dauern kann. Er machte das an einem Beispiel fest: In Amberg saß kürzlich ein 19-Jähriger auf der Anklagebank, der vor vielen Monaten bei zwei Vorfällen zahlreiche Polizeibeamte und auch Sanitäter geschlagen, bespuckt und beleidigt hatte. Zwei Uniformierte wurden dabei verletzt.

Der junge Mann, fünf Mal teilweise einschlägig vorgeahndet, bekam ein halbes Jahr Haft mit Bewährung. Er könnte nun gegen das Urteil mit einer Berufung zum Landgericht vorgehen. Bis es dort zu einer erneuten Verhandlung käme, würden erneut viele Monate ins Land ziehen. (hou)

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