Schwandorf
02.11.2022 - 14:24 Uhr
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Gehörlos in der Oberpfalz: Von fehlenden Perspektiven und einem Befreiungsschlag

Ihre Muttersprache ist die Gebärdensprache – Benita Männer ist gehörlos. Die 47-Jährige berichtet aus ihrem Alltag, von den Herausforderungen, die das Leben in der Nordoberpfalz mit sich bringt, und erzählt von ihrem neuen Job.

Benita Männer deutet mit dem Zeigefinger auf einen Muttermal am Kinn. Das ist ihre ganz persönliche "Namens-Gebärde" – ihr Name in Gebärdensprache. Man sieht der Oberpfälzerin an, dass sie ein fröhlicher Mensch ist – während sie gebärdet, umspielen immer wieder feine Lachfalten Mund und Augen. In ihrem Leben war sie viel unterwegs, gebärdet die 47-Jährige. Kerstin Klinger, Sozialpädagogin vom BLWG Oberpfalz (Fachverband für Menschen mit Hör- und Sprachbehinderung), ist beim Gespräch dabei, übersetzt die Gebärden – und erklärt: "Unterwegs zu sein ist typisch für Gehörlose." Sie müssen von klein auf immer weitere Strecken zurücklegen als ihre hörenden Altersgenossen, um ihre gehörlosen Freunde zu treffen: Kindergärten, Schulen, Ausbildungsplätze, Gehörlosenvereine und Internate gibt es meist nur in den größeren Städten wie Nürnberg oder München. Benita Männer ging in Bamberg zur Schule, die ersten Gebärden sah sie sich früh von ihrer ebenfalls gehörlosen Schwester ab. Während Männer gebärdet, ist ihr Ausdruck so stark, dass man schon ohne Übersetzung in Lautsprache weiß, wie sie zu einem bestimmten Thema steht. Normalerweise gebärdet sie ohne Ton, heute untermalt sie die Gesten mit ihrer Stimme, um dem hörenden Gegenüber das Verständnis zu erleichtern.

Keine Perspektive in Mitterteich

Männer ist eine von 676 Oberpfälzerinnen und Oberpfälzern, in deren Schwerbehindertenausweis zum 30. September das Merkzeichen "Gl" (gehörlos) vermerkt war, so informiert ein Sprecher des Zentrum Bayern für Familie und Soziales. Die meisten gehörlosen Menschen wohnen demnach in den Landkreisen Neumarkt (117 Personen) und Regensburg (91 Personen), sowie in der Stadt Regensburg (93 Personen), die wenigsten in den Städten Weiden (25 Personen) und Amberg (36 Personen) sowie dem Landkreis Tirschenreuth (33 Personen). Dem Trend in Richtung Regensburg folgte auch die gebürtige Mitterteicherin Männer im Juni – und zog aus dem Landkreis Tirschenreuth nach Schwandorf: In erster Linie deshalb, weil sie bei einem großen Möbelhaus in Regensburg arbeitet. Für sie war der Umzug wie ein Befreiungsschlag, berichtet sie heute. Ihr Alltag in der Nordoberpfalz war nicht immer einfach. "In Mitterteich gab es keine Perspektive für mich", gebärdet sie.

Als gelernte Hauswirtschafterin arbeitete sie zuvor unter anderem in Hotels. "Aber es war schwer, Arbeit zu finden", gebärdet sie. Auch die Infrastruktur machte ihr den Alltag schwer – besonders die schlechte Busanbindung. "Um nach Wiesau zum Bahnhof zu kommen, musste ich jedes Mal mit ‚Tess‘ das Baxi anrufen." "Tess", so nennt sich der Ver­mitt­lungs­dienst für ge­hör­lo­se Men­schen, der offiziell von der Bundesnetzagentur beauftragt wurde. Gehörlose starten einen Videoanruf zu einem der Tess-Gebärdensprachdolmetscher – und schildern ihr Anliegen: Baxi, Terminvereinbarung beim Arzt, Notruf. Kostenpunkt: 14 Cent pro Minute, Notrufe sind kostenlos. Der Dolmetscher ruft schließlich zeitgleich zum Videoanruf zum Beispiel per Telefon beim Arzt an und vereinbart einen Termin.

Blitzlicht statt dem Klingeln des Weckers

Videoanrufe oder das Tippen von Kurznachrichten: Den Alltag der 47-Jährigen erleichtert das enorm, berichtet sie. "Damals, ohne die moderne Technik, war alles noch komplizierter für mich", gebärdet Männer. Heute zeige auch die Bahn-App Verspätungen an, womit die Lautsprecherdurchsagen am Bahnsteig kein Hindernis mehr für sie darstellen. Auch gibt es heute Vibrationskissen statt dem Piepsen des Weckers, Blitzlicht statt dem Schellen der Klingel.

Für offizielle Termine – zum Beispiel bei Amt oder Anwalt – begleitet Benita Männer immer ein Gebärdendolmetscher. Kostenpunkt: 85 Euro die Stunde – und in der Nordoberpfalz eher rar. Die Dolmetschervermittlungsstelle für Gehörlose ist in Regensburg. "Und hier gibt es auch viel mehr Dolmetscher", so Männer. Nach ihrem Umzug nach Schwandorf – mit guter Zuganbindung nach Regensburg – hat sich für sie vieles geändert. Sie arbeitet nun im Ikea-Restaurant – mit Kundenkontakt. "Bei einer begrenzten Anzahl von Gerichten auf der Speisekarte ist es recht einfach, von den Lippen zu lesen. Auch Gesten machen die Kommunikation viel einfacher", erklärt sie. Viele Kunden zeigten auf das Gericht, das sie bestellen möchten. Sehr glücklich ist sie auch mit ihren neuen Arbeitskollegen – nach einer Eingewöhnungszeit legen die Kolleginnen und Kollegen nun viel mehr Wert auf Gestik und Mimik, auch einige Gebärden haben sie gelernt. "Das macht Alltag und Kommunikation viel einfacher."

Für Benita Männer, die Hörenden oft beim Sprechen auf die Lippen sieht, war besonders die Anfangszeit mit Coronavirus und Maskenpflicht anstrengend: Ohne sichtbare Mundpartie kein Lippenlesen. "Viele waren zu dieser Zeit besonders hektisch und ängstlich, auch wenn ich sie gebeten habe, kurz die Maske beim Sprechen abzusetzen." Mit Abstand natürlich – und sie selbst habe ja Maske getragen. Mit Maske blieb nur: aufschreiben oder ins Handy tippen – keine leichte Form der Kommunikation. Erschwerend kam hinzu: "Viele Einrichtungen und Ämter, zum Beispiel das Arbeitsamt, hatten geschlossen und vergaben ausschließlich Telefontermine." Die Kommunikation mit Behörden per Post, erklärt Klinger, ersetze dabei oft nicht das physische Gespräch mit dem Gehörlosen und seinem Dolmetscher. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine eigenständige Sprache mit einer eigenen Grammatik. Für einige Gehörlose sei es deshalb schwierig, einen Brief in Behörden-Deutsch zu lesen. "Zum Beispiel steht in der DGS das Verb immer am Ende des Satzes", sagt Klinger. "Wie zum Beispiel in: Heute München fahren. Jetzt Regensburg Sozialarbeiter treffen. Morgen Café gehen."

Hörende hätten so viele Sätze, gebärdet Männer. "Gehörlose komprimieren." Mit Mimik und Gestik verstehe man das auch ohne viele Wörter.

Hintergrund:

Dialekte und Eigennamen in Gebärdensprache

  • Regionale Unterschiede: Gebärden-Dialekte sind gewachsen wie der Dialekt in der Sprache. Besonders unterscheiden sich zum Beispiel Gebärden in Bayern, Stuttgart, Berlin und Hamburg.
  • Neue Gebärden: Viele Gehörlose entwickeln ihre eigenen Gebärden, zum Beispiel innerhalb der Familie. Auch Jugendliche nutzen andere Gebärden als Senioren.
  • Beispiele: Für Mittwoch ist die bayerische Gebärde eine andere als die hochdeutsche, die zum Beispiel beim Dolmetschen der "Tagesschau" verwendet wird – und auch die Gesten für die Farben sind regional verschieden.
  • Gebärden-Namen: Bei der Namensfindung werden oft charakteristische körperliche Merkmale – zum Beispiel Grübchen oder eine Glatze – berücksichtigt. Während den Gebärdennamen im privaten Umfeld Freunde und Familie etablieren, findet für Politiker-Namen regelmäßig eine Abstimmung statt.
  • Gebärden für Politiker:Angela Merkel wird mit der für sie typischen Raute gebärdet, Olaf Scholz mit der Geste für den Buchstaben "O", Karl Lauterbach mit der Fliege, die lange Zeit sein Markenzeichen war. Für Annalena Baerbock hüpfen zwei Finger am rechten Ohr auf und ab – weil sie oft auffällige Ohrringe trägt und aus dem Trampolinsport kommt.
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