09.11.2018 - 17:22 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Höllenqualen im Namen Gottes

Er ist 62 Jahre alt und hat es im Leben weit gebracht. Aber eine seelische Wunde in seiner Jugend hat sich nie geschlossen. Und so geht der pensionierte Bankdirektor einen ungewöhnlichen Weg an die Öffentlichkeit.

Die aktuelle Missbrauchsstudie der katholischen Kirche
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Der Mann, der ungenannt bleiben möchte, aber der Redaktion bekannt ist, stammt aus einem kleinen Ort im östlichen Landkreis Schwandorf. Er lebt seit Jahren in Norddeutschland, besucht aber immer wieder seine alte Heimat. Ein Artikel im Neuen Tag über ein pastorales Dienstjubiläum hat bei ihm nun, wie er schreibt, "einen uralten Zorn, eine bleierne Trauer" ausgelöst.

Der katholische Klerus sei aktuell wegen sexuellen Missbrauchs im Fokus der Öffentlichkeit. "Dabei geht leider völlig unter, was diese Zunft sonst noch an Bösem im Namen des Herrn verbrochen hat, ohne je dafür belangt zu werden. Das war alles völlig normal über Jahrhunderte."

Wie er berichtet, war er ein uneheliches Kind "einer tief gläubigen und genauso tief religiösen Mutter". Doch in den 1950er und den 1960er Jahren stellte es noch einen moralischen Makel dar, besonders auf dem Land, ein uneheliches Kind zu haben beziehungsweise eines zu sein. Massive Ablehnung habe er deswegen auch von den beiden Dorfpfarrern erlebt, beide schon verstorben, aber noch heute hoch angesehen in der Ortschaft. Nach einem wurde sogar eine Straße benannt.

"Ich erlebte im Namen des Herrn Höllenqualen", erinnert sich der 62-Jährige, aber ein Kind, welches nichts anderes kenne, nehme das als normal hin - nicht als Missbrauch. "Die beiden Hochwürden haben mich nicht sexuell missbraucht. Aber sie haben Mutter und Kind für moralisch vogelfrei erklärt."

Mit dem Haselnussstock

Der eine Pfarrer habe im Bibelunterricht sehr gerne von seinem fingerdicken Haselnussstock Gebrauch gemacht: "Er drosch mit hochrotem Schädel, schwitzend, die hervorgetretenen Schläfenadern pulsierten sichtbar, auf die Kinder bei kleinsten Verfehlungen ein."

Oder das Thema Beichtzettel einsammeln nach Ostern: Früher hatten Katholiken, mindestens einmal im Jahr, vorzugsweise vor Ostern, eine Beichte abzulegen. Dafür gab es, neben der üblichen Bußaufgabe, ein Heiligenbildchen, das durch den Trennschlitz des Beichtstuhles geschoben wurde. Dieses Bildchen wurde, quasi als Teilnahmebeleg, bei Hausbesuchen des Pfarrers in den Wochen danach wieder eingesammelt. "Anlässlich so einen Besuches drohte Hochwürden meiner Mutter nicht nur mit der Hölle, sondern auch, das Kind nicht kirchlich beerdigen zu können, ginge die Mutter nicht bald ,ein sauberes Verhältnis mit einem braven Mann ein', etwa einem Witwer." Die Mutter, leichenblass, habe "fürchterlich geweint". Was die Reaktion provozierte: "Ja, das hättest Du Dir vor Deiner Sünde überlegen sollen!"

"Das Schlimmste für mich war, dass ich mich als kleines Kind unendlich schlecht und schuldig fühlte, obwohl ich inhaltlich kaum etwas verstand. Es gab darüber hinaus mindestens ein halbes Dutzend Familien, deren Kindern verboten wurde, mit mir zu spielen. Mich verprügeln war völlig ok. Hätte ich nicht zwei wirklich gute Freunde gehabt, welche trotz alledem zu mir hielten, wäre es unerträglich geworden."

"Da verheilt nix"

Wie sich der Mann weiter erinnert, ging er im November mit zum traditionellen Moos holen für die Krippe in den Wald. Die Kolpingjugend organisierte das mit Brotzeit und Leiterwagen: "Eines Tages auf dem Rückweg kam uns Hochwürden entgegen: ,Ah! Das Kripperlmoos. Sehr schön' Er lächelte in die Runde des Dämmerlichts - und entdeckte mich. 'War der auch dabei?' Er kippte wutentbrannt den Wagen um. ,Der da geht sofort heim!'" Positiv sei ihm die flüsternde Empörung der Sammler in Erinnerung. "Als der Pfarrer weg war, haben wir das Moos wieder aufgeladen und sind zum Bestimmungsort."

Der Nachfolger dieses Pfarrers "war kein Jota anders, nur größer, kräftiger, fast sportlich". Der Bitte des Jungen, Ministrant werden zu wollen, habe er nur mit einem angewiderten Blick und mit einem Schub gegen die Schulter gewürdigt: "Ein Ministrant braucht eine makellose Seele, Burschen!" Jahre später habe ein Schulkamerad erzählt, dass er - der Kamerad - die Sünde der Onanie beichtete, worauf ihn der Beichtvater aufforderte, ihm genau diese Sünde vorzuführen. Als er ohne Absolution davon lief und seiner Mutter erzählte, setzte es eine Ohrfeige: "Sowos sagst ma fei nimma!"

Der 62-Jährige kann mit dem Erlebten nicht abschließen. "Da verjährt oder verheilt nix." Er wolle nicht, dass weiter Kinder so in Angst und Unwissenheit aufwachsen müssen wie er. "Und ich will, dass jeder Mensch, dem Macht über Kinder gegeben ist, von uns allen beobachtet wird, um Missbrauch zu verhindern." Für den früheren Spitzenbanker ist klar: "Jedem noch so tief im Schoß der Kirche Verwurzelten und Gottesfürchtigen, egal ob Laie, Kirchengemeinderat, Mesner, ja selbst Priester, sollte bewusst sein, dass eine Loyalität mit dieser Art ,Seelsorge' in Form von Schweigen, Vertuschen oder gar Unterstützen, keine absolutionsfähige Sünde, sondern eine Straftat in einem Rechtsstaat, ein Verstoß gegen Gesetze zum Schutze von Kindern, Abhängigen und Schutzbefohlenen ist."

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