19.05.2019 - 12:08 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Klassentreffen der Sieger

30 Jahre nach dem Aus für die WAA findet ein Klassentreffen der damaligen Aktiven in der Oberpfalzhalle statt. Der Blick zurück soll den Blick nach vorne schärfen, denn Energiepolitik bleibt ein Thema.

von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Natürlich war bei der Veranstaltung ein gutes Stück Nostalgie dabei. Doch der Dachverband der Oberpfälzer Bürgerinitiativen, der dazu nach Schwandorf eingeladen hatte, wollte es nicht bei der Analyse des legendären David-gegen-Goliath-Sieges belassen, sondern explizit auch den Blick auf anstehende energiepolitische Themen lenken. So brach Energiebauer Sepp Bichler, der vor über drei Jahrzehnten am Bauzaun gegen die WAA protestiert hatte, eine Lanze für großflächige Fotovoltaik-Anlagen wie die bei Schwandorf-Fronberg, die er vor nicht allzu langer Zeit errichtet hat. "Wenn die WAA damals gebaut worden wäre, gäbe es jetzt keine Energiewende", war er sich sicher.

„Mit dem Trassenbau wird die gesamte dezentrale Energiewende kaputt gemacht“, leitete Bichler über zu Dörte Hamann. Sie ist die Sprecherin der bayerischen Bürgerinitiativen gegen den Süd-Ost-Link. Sie wies darauf hin, dass der geplante Ausbau der großen Stromtrassen gegen die Energiewende laufen würde. „Die Bürgerenergie wird ausgebremst, wo es nur geht“, klagte sie. Wenn es nach der Atomlobby gehe, sei die Zeit der Atomkraft längst nicht zu Ende. Prof. Wilfried Attenberger, ein Experte auf dem Gebiet der Atomenergie, stieg für den Bund Naturschutz auf die Bühne. „Dass die WAA verhindert wurde, heißt nicht, dass wir sicher sind. Wir haben nur ein Problem gelöst“, urteilte er und verwies auf „die 400 Kraftwerke, die rund um die Erde Atommüll erzeugen, der sehr lange giftig ist“ – eine Million Jahre mindestens. Die Aktion „Fridays for Future“ wurde schließlich von Ferdinand Klemm und Jakob Bornschlegl aus Regensburg vorgestellt. „Die Politik hält zu den Lobbys, die die Welt zerstören“, meinten sie, und ihren Appell konnten alle Anwesenden unterschreiben: „So kann es nicht weitergehen.“

Den wichtigsten Beitrag lieferte der Würzburger Rechtsanwalt Wolfgang Baumann, der vor über 30 Jahren das juristische Gesicht des WAA-Widerstands war. „Der Rechtsstaat hat sich damals durchgesetzt“, blickte er auf die oft erbitterten Auseinandersetzungen mit den WAA-Erbauern und ihren politischen Helfern in den bayerischen Ministerien zurück. „Ich hätte das ja nicht geglaubt, da soviel manipuliert wurde“, gestand er und dankte allen, die ihm zur Seite gestanden hätten – etwa der veranstaltende Dachverband der Oberpfälzer Bürgerinitiativen. Er hatte einige Regeln dabei, wie ein erfolgreicher Widerstand gegen Großprojekte organisiert werden muss, sowie einige Anekdoten, aus der heißen Phase im Kampf um die WAA; beispielsweise die Besetzung des Umweltministeriums mit zwei Bussen voller Schwandorfer, weil die Behörde wichtige Akten verweigerte – und schließlich klein beigeben musste.

„So etwas geht nur in einer Demokratie“, versicherte Altlandrat Hans Schuierer als sechster und letzter Redner des Nachmittags. Und er machte deutlich, dass Wackersdorf auch zu einem Atommülllager geworden wäre, hätte man den Bau der WAA nicht verhindert. Seit fast drei Jahren halte er Vorträge und besuche mit Wolfgang Nowak Schulen, um über den Widerstand zu sprechen. Seine Erkenntnis: „95 Prozent der heute 17-, 18-Jährigen haben keine Ahnung und können auch mit dem Begriff WAA nichts anfangen.“ Dabei sei Wackersdorf ein „Lehrbeispiel, was in Demokratie und Rechtsstaat nicht passieren darf“. Und er ergänzte: „Es ist aber auch ein Musterbeispiel, was in einer Demokratie möglich ist.“ So rief er auch auf, „mutig für die Demokratie einzutreten“.

Schuierers Satz „das Marterl war die Seele des Widerstands“ erinnerte nicht nur an die Rolle der Christen im Anti-WAA-Kampf, sondern auch an eine ökumenische Andacht, die der Veranstaltung in der Oberpfalzhalle vorausgegangen war. Sie fand am legendären Franziskus-Marterl im Taxöldener Forst statt und wurde von den Pfarrern Leo Feichtmeier (katholisch) und Klaus Rettig (evangelisch) gehalten – zwei Geistliche, die sich schon damals nicht ins Bockshorn jagen ließen, als der Streit um den Bau der WAA losging.

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