07.12.2020 - 15:28 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Messerattacke wegen gekränkter Ehre

Sie nennen ich gegenseitig "Bruder". Daran hat sich auch nach einer Gewaltattacke nichts geändert. Die Frage ist nun: War es versuchter Mord, als einer gegen den anderen mit dem Messer vorging?

Ein 24-Jähriger soll einem ein Jahr älteren Landsmann ein Messer in den Oberkörper gerammt haben. Deshalb muss er sich vor dem Amberger Schwurgericht verantworten.
von Autor HWOProfil

Es sah so aus, als käme die Entschuldigung von Herzen. Dort jedenfalls lag die rechte Hand des Angeklagten, als er in arabischer Sprache und übersetzt vom Dolmetscher sagte: "Bitte verzeih mir, Bruder. Es tut mir leid." Der als Bruder titulierte 25-Jährige war von Uniformierten aus einem sogenannten Opferschutzprogramm zum Amberger Schwurgericht gebracht worden, weil er bis heute seelisch unter dem leidet, was ihm in der Nacht zum 12. November letzten Jahres widerfuhr. Gleichwohl: Die Entschuldigung nahm er an.

Frage der Ehre

Beide Männer kamen im Jahr 2015 nach Deutschland. Der eine, 25 Jahre alt, fand in der Stadt Schwandorf Quartier. Sein 24-jähriger Landsmann und dessen leiblicher Bruder bekamen ein Obdach im Landkreis Schwandorf. Sie kannten sich untereinander, pflegten Kontakte. Dann aber gab es Meinungsverschiedenheiten, wurden Kleinigkeiten zu einer Frage der Ehre.

Weitere Berichte aus dem Landgericht

Der 25-Jährige soll behauptet haben, sein Landsmann pflege Verbindungen zu einem Transvestiten. Das rief offenbar Kränkungen hervor. Wenige Tage vor der jetzt als Mordversuch angeklagten Tat trafen beide Männer in einem Schwandorfer Supermarkt aufeinander. Die Begegnung, so heißt es nun, sei freundschaftlich erfolgt. Doch dabei wurde angestauter Ärger offenbar verborgen.

Drei Monate auf der Flucht

Um 2 Uhr morgens klingelte es am 12. November 2019 an der Schwandorfer Wohnungstür des 25-Jährigen. Der Mann öffnete und ließ seine Besucher herein. Es waren der 24-Jährige und sein leiblicher Bruder. Der angeblich beleidigte Asylbewerber zog nach kurzer Unterredung ein Messer aus seiner Jacke und rammte es dem Gastgeber in den Oberkörper. Dann flüchtete das Brüderpaar. Drei Monate war der Täter anschließend verschollen. Dann stellte er sich auf Anraten seines Anwalts Jan Bockemühl (Regensburg) den Behörden.

Noch immer Angstzustände

Verteidiger Bockemühl gab nun zum Auftakt des Prozesses vor dem Amberger Schwurgericht eine Erklärung ab. Darin hieß es, sein Mandant gestehe den Messerangriff und bereue seine Vorgehensweise. Zwei Stunden lang wurde anschließend das Opfer vernommen. Dabei formte sich der Eindruck: Da redete einer, der bis heute nicht versteht, weshalb er von einem Augenblick auf den anderen zum Ziel einer Messerattacke wurde. Die ihm zugefügte Wunde, von Ärzten bei einer Notoperation vernäht, hat eine Narbe zurückgelassen. Doch die psychischen Folgen haben dafür gesorgt, dass der junge Mann noch immer unter Angstzuständen leidet.

Das Schutzprogramm sichert dem Opfer einen Status zu, bei dem sich der 25-Jährige an einem sicheren Ort aufhalten kann. Gleichwohl hat er dem Täter verziehen. Das geschah bereits bei einem Handy-Chat, als sich der 24-Jährige noch auf der Flucht befand. Auch jetzt im Gerichtssaal nahm er die Entschuldigung des Angeklagten an.

Der erste Verhandlungstag endete nach sieben Stunden mit einer überraschenden Mitteilung der Schwurgerichtsvorsitzenden Roswitha Stöber. Es könne statt versuchtem Mord auch eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung in Frage kommen, sagte sie. Damit wäre für den Angeklagten, der seit Februar in U-Haft sitzt, eine lange Freiheitsstrafe vom Tisch. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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