Schwandorf
26.05.2019 - 09:43 Uhr

Naturschützer fordern Umdenken

Steingärten, Flächenverbrauch, Kohlenstoffdioxid-Ausstoß - alles Faktoren, warum die Artenvielfalt bedroht ist. Experten aus dem Landkreis schlagen Alarm und nehmen auch die Gartenbesitzer in die Pflicht.

Das Volksbegehren "Rettet die Bienen" hatte Erfolg. Es sind aber noch viel mehr Arten bedroht. Bild: Gerhard Götz
Das Volksbegehren "Rettet die Bienen" hatte Erfolg. Es sind aber noch viel mehr Arten bedroht.

Im Gespräch mit Klaus Pöhler (72) dauert es nicht lange, bis er die Schauspielerin Jane Fonda zitiert: "Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum." Der Vorsitzende der Kreisgruppe Schwandorf des Bundes Naturschutz schlägt bei seinen Ausführungen Alarm: "Die Zahl der Insekten geht zurück. Wir stellen fest, dass es kaum mehr Rebhühner gibt. Büsche, Feldraine und Hecken werden immer weniger." Es gebe weniger Hasen, Fledermäuse und Amphibien.

Zu hoher Flächenverbrauch

Trotz dieser Probleme will Pöhler nicht auf den Bauern "rumhacken", die oft in der Kritik sind. Viele stünden unter Druck, für etliche Landwirte heiße es: "Wachsen oder weichen". Die Gründe dafür, dass viele Arten heute bedroht sind, sieht er in mannigfachen Faktoren. Zum Thema Flurbereinigung bringt der 72-Jährige ein Gedicht von Harald Grill an, das nur aus einem Wort besteht: "Strauchdiebe." Außerdem kritisiert Pöhler: "Wir verbrauchen in der Oberpfalz viel zu viele Flächen." In den letzten drei Monaten des Jahres 2018 sei im Landkreis ein Flächenverbrauch von über 50 Hektar zu verzeichnen gewesen. Dabei führt Pöhler in diesem Fall nur die Gewerbe- und Baugebiete auf und lässt die Straßen außen vor.

Der Förster ärgert sich auch, dass viele Häuser statt von sattem Grün von Steinwüsten umgeben sind: "Was ist daran noch schön? Am Anfang ist das pflegeleicht." Wenn schließlich das Unkraut sprießt, werde wieder "brutal irgendwelche Chemie eingesetzt". Elektrische Rasenmäher würden dafür sorgen, dass kein Gänseblümchen mehr Zeit zum Blühen hat. Die Gartenbesitzer seien teilweise recht gedankenlos, moniert Pöhler. Deshalb appelliert er an sie, ein Eck wuchern und wildern zu lassen: "10 bis 15 Quadratmeter sind schon mal was, damit Gärten nicht steril werden. Man glaubt nicht, wie schnell Margariten kommen."

Zeno Bäumler, Vorsitzender des LBV (Landesbund für Vogelschutz) Schwandorf schlägt in dieselbe Kerbe. Er plädiert ebenfalls dafür, einen Bereich im Garten explizit der Natur zu überlassen. Außerdem rät er zu heimischen Pflanzen. Holundersträucher seien etwa robust, sähen gut aus, seien aber leider fast nicht mehr zu finden. Ideal seien auch die Buchenhecke oder stachelige Weißdornhecke, die Schutz für brütende Vögel biete.

Für CO2-Abgabe

Der 52-Jährige berichtet, dass Feldvögel und insektenfressende Vögel es derzeit am Schwersten hätten. Letzteren fehlt die Nahrung. Und weil viele Flächen gegrubbert und gewalzt würden, hätten Feldvögel keine Zeitfenster mehr, ihre Jungen aufzuziehen: "Es gibt fast keine Flächen, die acht Wochen lang nicht befahren werden." Bäumler berichtet aber auch Positives. In Nabburg würden derzeit fünf Kiebitz-Paare intensiv betreut. Dieses Vorgehen habe sich bereits erfolgreich auf den Bestand von Wanderfalken, Weißstörche, Uhus, Seeadler und Fischadler ausgewirkt. Nach dem erfolgreichen Volksbegehren "Rettet die Bienen" hofft Bäumler auf eine "Wende zugunsten der Insekten".

Auch Klaus Pöhler befürwortet die Artenvielfalt-Initiative. Dass ein Fünf-Meter-Streifen entlang der Flüsse und Bäche nicht mehr mit Agrochemie behandelt oder umgepflügt werden dürfe, sieht er als Segen für Kleinlebewesen und Wasservögel. "Wir kommen auch nicht mehr um eine CO2-Abgabe herum." Der Landkreis selbst habe, abgesehen was die eigenen Gebäude und Grundstücke betreffe, wenig Handlungsmöglichkeiten. Die Verwaltungen könnten sich aber sagen: "Wir müssen keinen dicken BMW fahren, sondern ein Elektroauto." So wie in Wackersdorf. Die Gemeinde zählt zu ihrem Fuhrpark einen BMW i3. Der hat zwar keine zweite Welt im Kofferraum liegen, steht aber symbolisch für ein umweltbewussteres Denken in der Gesellschaft. (Hintergrund)

Hintergrund:

Pflanzen und Tiere im Landkreis

Birgit Simmeth, Gebietsbetreuerin des Naturparks Oberpfälzer Wald, hat Daten zur Artenvielfalt zusammengetragen. Sie erklärt: „Im Landkreis Schwandorf gibt es bis auf einzelne, sehr wenige Arten, keine regelmäßig in Zahlen zu fassenden und vergleichbaren Kartierungen.“ Simmeth berichtet aber von einem „Rückgang in der Pflanzenwelt“, der durch das AHP (Artenhilfsprogramm Flora) belegt sei, das nahezu jährlich seit 2003 im Landkreis Schwandorf abgehalten wird.

In der Tierwelt ist bei den Braunkelchen ein deutlicher Rückgang des Bestandes (in den vergangenen Jahren um etwa 80 Prozent) auszumachen. Im Landkreis gibt es laut einem Bericht nur noch zehn Brutpaare, die im Schönseer Land und im Bereich der Schwarzachaue zwischen Schwarzhofen und Altendorf beheimatet sind. „Der Bestand an Rebhühner hat drastisch abgenommen, ohne das konkret mit Zahlen belegen zu können“, berichtet Simmeth. Allerdings werden die Tiere von Naturfreunden kaum mehr gesichtet. Außerdem sei erkennbar, dass es immer weniger Insekten und Schmetterlinge im Garten gebe.

Die Gebietsbetreuerin führte aber auch positive Beispiele auf. Im Landkreis Schwandorf haben die Bestände der Uhus seit 2002 zugenommen. 2018 konnten wie im Vorjahr 17 als besetzt eingestufte Uhu-Reviere erfasst werden. Die Zunahme liege auch daran, dass bislang nicht erfasste Reviere neu entdeckt wurden. Der Weißstorch und der Schwarzstorch sind laut Simmeth von der Roten Liste in Bayern genommen worden. „Die Bestände gelten weitgehend als stabil, auch im Landkreis Schwandorf. Außerdem hat der Landkreis Schwandorf beim Moorfrosch oberpfalzweit ein Schwerpunktvorkommen, das durch eine Erhebung von 2014 auch gut belegt sei.

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.