Update 05.06.2019 - 18:15 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Ein reiches Dorf leistet Widerstand

Ein reiches Dorf leistet Widerstand: Die Gebietsreform vor 40 Jahren geht nicht geräuschlos, aber erfolgreich über die Bühne. Grund genug, bei einem Festakt darzulegen, wie die Große Kreisstadt wurde, was sie ist.

Vor rund 50 geladenen Gästen in der Spitalkirche blickte Stadtarchivar Josef Fischer auf die Entwicklung der Gemeinden seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts zurück.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

(ch) "Als Dachelhofer nicht so einfach", gab Oberbürgermeister Andreas Feller am Dienstag in der Spitalkirche angesichts des Themas zu. Schließlich war es sein Heimatort, der sich bis vor Gericht dagegen wehrte, nach Schwandorf eingemeindet zu werden. Der OB erinnerte daran, dass Ende der 1960er Jahre der Landtag beschloss, die Zahl der Landkreise in Bayern von 143 auf 71, und die der Gemeinden von 7004 auf noch 2050 zu verringern. Heute sind es 2031 Gemeinden. Gleiche Lebensbedingungen und eine funktionierende Verwaltung: Das war das Ziel. In vielen kleinen Gemeinden bestand die Verwaltung gerade mal aus einem Schreiber.

Unter den 50 Ehrengästen waren eine ganze Reihe, die die Reform mit gestaltet haben: Die Ehrenbürger Franz Sichler, Hans Schuierer, Helmut Hey und Michael Kaplitz genauso wie Stadtrat Hans Hottner oder die ehemaligen Stadträte Sepp Pirzer aus Fronberg oder Schorsch Hottner aus Niederhof. Sie hätten daran mitgearbeitet, dass aus den zwölf eigenständigen Gemeinden und drei Gemeindeteilen ein großes Ganzes wurde, sagte Feller. "Wir haben selbstbewusste Ortsteile, die gemeinsam eine Stadt bilden", sagte Feller, "wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir viel erreichen".

Die Selbstverwaltung der Gemeinden ist keine Selbstverständlichkeit. Daran erinnerte Stadtarchivar Josef Fischer. Graf Montgelas setzte zu Beginn des Königreichs in einem Edikt von 1808 auf staatliche Kuratel. Die Gemeinden sollten wie "unmündige Kinder obrigkeitlich gelenkt werden". Erst 1869 wird den Gemeinden ein eingeschränktes Selbstverwaltungsrecht zuerkannt. 1919 nach der Revolution wird der Bürgermeister direkt gewählt, auch von den Frauen, die das Wahlrecht erhielten. Die Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten "beseitigte Demokratie und Rechtsstaat", sagte Fischer. Mit der Bayerischen Verfassung von 1946 werden die Gemeinden "ursprüngliche Gebietskörperschaften", sie sollen die Demokratie von unten nach oben aufbauen. 1948 wird Schwandorf kreisfreie Stadt und bleibt es bis zur Gebietsreform.

Regelrecht eingekesselt

Die nahm Standesamtsleiter Gerd Winterberger als Festredner in den Blick. "Mehr als zwei Drittel der bayerischen Gemeinden hatte Anfang der 1970er-Jahre weniger als tausend Einwohner", sagte er. Die Infrastruktur und eine funktionierende Verwaltung aufzubauen, sei kaum möglich gewesen. Die Diskrepanz zwischen Stadt und Provinz wuchs.

Ministerpräsident Alfons Goppel gab 1971 den Startschuss zur Gebietsreform. Schwandorf als kreisfreie Stadt war "eingekesselt" von kleinen Gemeinden. Entwicklungsmöglichkeiten fehlten. Die Kommunalpolitik mit Oberbürgermeister Dr. Josef Pichl an der Spitze bemühte sich um eine Eingliederung. Der Staatsregierung war schon damals klar, dass es dafür ein Zuckerl brauchte. Also wurden freiwillige Zusammenschlüsse finanziell gefördert. "Scherzhaft wurde diese Förderung auch Abschlachtprämie genannt", sagte Winterberger. Pichl wandte sich an Alberndorf, Dachelhofen, Ettmannsdorf, Fronberg, Krondorf und Kronstetten und sicherte zu, dass die Zuschüsse den Ortsteilen zugute kommen sollen. Als "feindliches Übernahmegesuch" sollte das nicht verstanden werden. Fünf Gemeinden traten bei. Das reiche Dachelhofen nicht, der Gemeinderat lehnte barsch ab. Am 1. Juli 1972 wurden Fronberg, Krondorf, Ettmannsdorf, Kronstetten, Haselbach, aus Alberndorf Höflarn, Nattermoos und Niederhof sowie Kreith (von Ebermannsdorf) eingegliedert.

Riesiges Stadtgebiet

Dachelhofen wollte weiter Großgemeinde werden, mit Neukirchen, Klardorf und Naabeck, eventuell Bubach. Sogar eine Abstimmung startete die Regierung. Das Ergebnis: Nur Bubach und Büchheimer Ortsteile wollten nach Schwandorf. Darüber setzte sich die Regierung letztlich hinweg. Neukirchen und Gögglbach sahen die Felle Dachelhofens davonschwimmen, schlossen sich Schwandorf an. Per Verordnung wurden zum 1. Mai 1978 auch Dachelhofen, Klardorf und Naabeck Schwandorf zugeordnet. Dagegen klagte Dachelhofen vor dem Verwaltungsgerichtshof und scheiterte. Endgültig abgeschlossen war die Reform erst am 1. Januar 1979 mit der Eingliederung von Kapflhof. Damit war das flächenmäßig zweitgrößte Stadtgebiet Bayerns (123 Quadratkilometer) komplett. Einerseits, so Winterbergers Fazit, habe die Stadt so den Raum erhalten, zu prosperieren. Andererseits sorgte die Fläche für große Infrastrukturaufgaben, die die Entwicklung auch hemmten. Letztlich ging der Übergang kommunalpolitisch ruhig über die Bühne. Das sei ein Verdienst der ehemaligen Bürgermeister und Gemeinderäte, die weiter politische Aufgaben übernahmen.

"Aufgabe der Politik ist es, die Sorgen der Bevölkerung ernst und Verbesserungsvorschläge anzunehmen", sagte Winterberger. Der Bürgerhaushalt sei ein richtiger Schritt: "Denn nur gemeinsam sind wir stark.". Das Bläserensemble der Stadt sorgte für die musikalische Umrahmung des Festakts, die Schülerfirma der Kreuzbergschule hatte für den Stehempfang das Büfett bereitet.

Gerd Winterberger leitet seit November 2018 das Standesamt. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit der Gebietsreform am Beispiel Schwandorfs. Daraus entwickelte er den Vortrag für den Festakt am Dienstag.
Oberbürgermeister Andreas Feller (Mitte) bedankte sich bei den Referenten Josef Fischer (links) und Gerd Winterberger.
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