25.09.2018 - 18:13 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Ein Schatten auf der Fahrbahn

Nicht immer muss ein Autofahrer die Schuld tragen, wenn er einen Fußgänger erfasst. Ein vor dem Schwandorfer Amtsgericht verhandelter Fall macht das deutlich.

von Autor HOUProfil

Wer bei Nacht in dunkler Kleidung auf die Fahrbahn tritt, ist für den, der im Pkw sitzt, so gut wie nicht erkennbar. Ein Januarmorgen im Jahr 2017. Ein heute 60-Jähriger kommt von der Nachtschicht, holt sich in einer Schwarzenfelder Bäckerei sein Frühstück und betritt dann, offensichtlich hinter einem parkenden Fahrzeug hervor, die breite Fahrbahn der Amberger Straße. Der Mann ist dunkel gekleidet. Er geht bis über die Straßenmitte und wird dann von einem Auto erfasst. In einem Sachverständigengutachten steht später: "Der Wagen war über mehrere hundert Meter hinweg für ihn sichtbar."

Die Folgen sind heftig: Bei dem um 6.15 Uhr morgens geschehenen Unglück erleidet der Fußgänger schwere Kopfverletzungen. Ärzte stellen später auch mehrere Knochenbrüche an den Beinen fest. Dem zunächst mutmaßlichen Unfallverursacher ist der Mann nicht böse. Er sagt: "Ich bin im Krankenhaus von ihm besucht worden, er hat sich auch entschuldigt." An den Folgen leidet er bis heute.

Soweit der Sachverhalt. Nach dem Unglück beantragte die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl gegen den am Steuer des Pkw sitzenden 60-Jährigen. Doch Richter Thomas Heydn unterzeichnete ihn nicht. Er wollte eine genaue Klärung in mündlicher Verhandlung. Vor ihm gab nun der Angeklagte zu verstehen: "Plötzlich war ein Schatten da.

Dann folgte ein dumpfer Schlag." Verbunden damit war die Feststellung: "Ich habe ihn nicht gesehen."

Im Regelfall ist der Autofahrer immer schuld. Diesmal nicht. Denn es kam ein Kfz-Sachverständiger, der bei gleichen Witterungsverhältnissen die Szene nachgestellt und digitale Bildaufnahmen angefertigt hatte. Darauf ließ sich erkennen: Ein dunkel gekleideter Mann tritt nachts hinter einem von der Silhouette her dunklen Auto hervor, geht ein paar Schritte über den Asphalt und ist erst Sekundenbruchteile vor dem Anprall für den Autofahrer wahrnehmbar."Dieser Unfall ließ sich nicht vermeiden", zog der Experte ein Fazit.

Das Opfer des Zusammenstoßes hatte im Prozess keinerlei Erinnerung an das Geschehen. "Für mich ist das bis heute ein völliges Rätsel", hörte der Richter von dem Schwarzenfelder. Nach dem Gutachten des Sachverständigen rückte Staatsanwältin Julia Weigl von dem nach Ermittlungsabschluss beantragten Strafbefehl ab. "Hier kann nur ein Freispruch in Frage kommen", ließ sie in ihrem Schlussvortrag anklingen. Verteidiger Josef Simbeck schloss sich an.

Auch der Richter erkannte auf Freispruch. Ein Urteil, das aus dem üblichen Rahmen fällt. Denn nahezu immer ist der Kraftfahrer verantwortlich, wenn er einen die Fahrbahn querenden Fußgänger erfasst. Auch, wie man aus der Vergangenheit weiß, wenn er dunkel gekleidet ist.

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