15.03.2019 - 17:33 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Suchtbehandlung ist ein Marathonlauf

Die Zahl der Betroffenen, die sich an die Fachambulanz für Suchtprobleme wenden, ist 2018 deutlich gestiegen. Die Therapeuten um Peter Häusler würden sich mehr "nachhaltige Prävention" wünschen.

Das Team der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme mit den Therapeuten Karin Schmittner, Helmut Würzl, Leiter Peter Häusler und Marion Santl sowie Ina Warkentin (Verwaltung, von links) steht Betroffenen und ihren Angehörigen mit vielen Angeboten zur Seite.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Der Weg aus einer Suchterkrankung ist lang. "Das ist ein Marathon, kein Sprint", sagt Helmut Würzl. Der Sozialtherapeut für Suchterkrankungen ist seit knapp einem Jahr im Team. Um so wichtiger wäre, dass es gar nicht erst so weit kommt. "Der Prävention fehlt es an Nachhaltigkeit", bemängelt der Leiter der Ambulanz, Peter Häusler bei einem Pressegespräch am Donnerstag. Einmalige "Hotspots" brächten wenig. Viel mehr müssten gerade junge Menschen - schon ab der Grundschule - den Blick aufs eigene Verhalten lernen: Wie viel ist ok, was schadet mir oder meinem Umfeld?

"Das sind einfache Fragen, die aber nicht gestellt werden", ergänzt Psychologin Marion Santl. Falsches Selbstbewusstein nach dem Motto "Ich habe das im Griff" könne schnell zur Falle werden. 686 Klienten suchten im vergangenen Jahr Rat und Hilfe bei der Ambulanz. "So viele wie noch nie", sagt Häusler, "eine fünfte Fachkraft wäre sofort gut ausgelastet". Zumal die Ambulanz die einzige im Landkreis ist. Jahrelang waren die Zahlen um die 640 gependelt, 2017 waren es mit 615 etwas weniger. 336 Klienten, die Probleme mit illegalen Drogen haben, wandten sich an die Ambulanz - erstmals deutlich mehr als solche mit einem Alkoholproblem (212). Etliche von ihnen auch mit gerichtlichen Auflagen im Gepäck. Aber auch 53 Angehörige, die Hilfe suchten. Statistisch gesehen ist die Zahl derer, die wegen Suchtmittelmissbrauch oder Abhängigkeit Hilfe suchen, dennoch gering. Laut Marion Santl gehen Statistiken davon aus, dass etwa 10 Prozent der Menschen in Deutschland Probleme mit Suchtmitteln haben - von Alkohol über Nikotin, Medikamente, Spielsucht, Internetabhängigkeit, Essstörungen bis hin zu illegalen Drogen.

Ein Drittel unter 30

Was den Therapeuten ebenfalls zu Denken gibt: Die Klienten werden immer jünger. "Über ein Drittel waren unter 30 Jahre alt", sagt Suchttherapeutin Karin Schmittner. Die jungen Leute kamen beinahe ausschließlich wegen Problemen mit illegalen Drogen. Leichtere Verfügbarkeit, zum Beispiel von "Neuen Psychoaktiven Substanzen" (NPS) wie "Kräutermischungen" oder "Badesalzen" und geringere Scheu macht Schmittner als mögliche Auslöser aus. Aber eben auch geringe Frustrationstoleranz, oder bestehende psychische Erkrankungen. Unter den illegalen Drogen spielt Cannabis (121 Klienten) vor Crystal (74) und Opiaten wie Heroin (49) die Hauptrolle. Misch-Abhängigkeiten sind gang und gäbe. 40 Opiatabhängige, die in einem Substitutionsprogramm (Methadon) sind, werden von der Ambulanz betreut. Diese chronisch Kranken können ein weitgehend normales Leben führen. Allerdings: Im Landkreis gibt es nur einen Arzt, der die Therapie anbietet. "Da ist die Lage nach wie vor prekär", sagte Häusler. Alternativen gibt's erst wieder in Regensburg. Wer sich täglich seine Dosis holen muss, steht da vor logistischen Problemen.

Die 30- bis 50-Jährigen bilden nach wie vor die größte Altersgruppe unter denjenigen, die wegen eines Alkoholproblems in die Ambulanz kommen. Peter Häuslers Eindruck: Es gibt zwar immer mehr junge Leute, die wenig bis gar keinen Alkohol trinken. Andere langen dafür um so extremer zu. Die Klienten - egal welches Suchtmittel sie konsumieren - kommen aus allen sozialen Schichten.

Wege aus der Sucht

Für sie gilt: Am Anfang stehen Einzelgespräche mit einem der Therapeuten. Wenn nötig, besorgt das Caritas-Team einen Entgiftungs- und Therapieplatz. 58 Klienten hat die Ambulanz im vergangenen Jahr so vermittelt. Die Ambulanz bietet auch eine ambulante Therapiegruppe für Alkoholabhängige an. Was die Entgiftung anbetrifft, würden laut Schmittner und Santl Möglichkeiten für junge Menschen unter 18 Jahren gebraucht. An der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Regensburg wurden nun eine Handvoll Plätze geschaffen. Ob die reichen, werde sich zeigen. Schmittner verweist darauf, dass NPS häufig Psychosen auslösen. Dann kann die Entgiftung wesentlich länger dauern.

Nach einer stationären Therapie übernimmt die Ambulanz auch die Nachsorge, auch in Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen wie dem Kreuzbund. Wer die Hilfsangebote lange in Anspruch nimmt, habe auch eine gute Prognose, sagt Häusler. "Es gibt Wege aus der Sucht", ergänzt Würzl. Ein Marathonlauf, eben.

Das Team der Caritas Fachambulanz mit den Therapeuten Marion Santl, Karin Schmittner, Helmut Würzl, Ina Warkentin (Verwaltung) und Leiter Peter Häusler (von links) steht Betroffenen und ihren Angehörigen mit vielen Angeboten zur Seite.
Hintergrund:

Die Fachambulanz

Beratung in Betrieben

Die Caritas-Ambulanzen in der Diözese haben ein Programm aufgelegt, um Suchtberater für Betriebe fortzubilden. So sollen Menschen mit Problemen oder ihre Kollegen am Arbeitsplatz oder etwa beim Betriebsrat, einen Ansprechpartner bekommen. Bisher beteiligen sich rund 40 Firmen an dem Programm. „In vielen Betrieben ist das Thema Sucht noch ein Tabu“, sagt Psychologin Marion Santl. Interessenten können sich bei der Fachambulanz melden.

Kontakt

Die Mitarbeiter der Fachambulanz für Suchtprobleme in der Ettmannsdorfer Straße 2-4 in Schwandorf stehen von Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr, freitags von 8 bis 15 Uhr und nach Vereinbarung für Beratungsgespräche zur Verfügung. Telefonisch ist das Team unter 09431/9980680 zu erreichen, Mail: beratung[at]suchtambulanz-schwandorf[dot]de

Im Netz unter der Adresse www.suchtambulanz-schwandorf.de

Die Bilanz der Fachambulanz in Zahlen.

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