Schwandorf
19.03.2024 - 15:48 Uhr
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Tabletten für nukleare Ernstfälle: Was hinter den neuen Ausgabestellen steckt

Gemeinden im Landkreis Schwandorf geben derzeit Ausgabestellen für Kaliumiodidtabletten für nukleare Ernstfälle bekannt. Oberpfalz-Medien hat nachgefragt, warum – und was die Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke damit zu tun hat.

Herkömmliche Jodtabletten aus der Apotheke sind für die Blockade von radioaktivem Jod im Ernstfall nicht geeignet. Dafür hält der Freistaat besonders hochdosierte Kaliumiodidtabletten vor, die im Ernstfall verteilt werden. Symbolbild: Malte Christians/dpa
Herkömmliche Jodtabletten aus der Apotheke sind für die Blockade von radioaktivem Jod im Ernstfall nicht geeignet. Dafür hält der Freistaat besonders hochdosierte Kaliumiodidtabletten vor, die im Ernstfall verteilt werden.

Mehrere Kommunen im Landkreis Schwandorf haben in den vergangenen Wochen Ausgabestellen bekannt gemacht, von denen sich Bürger in einem nuklearen Ernstfall Kaliumiodidtabletten abholen können. So manchen dürften die Bekanntgaben, wie sie zum Beispiel auf den Internetauftritten der Stadt Oberviechtach und der Gemeinde Schmidgaden zu finden sind, vielleicht stutzig gemacht haben - gibt es etwa eine akute Bedrohungslage, dass das ausgerechnet jetzt Thema ist? Eine Nachfrage von Oberpfalz-Medien zeigt: Nein, kein Grund zur erhöhten Sorge. Hintergrund der Bekanntmachungen ist im Endeffekt ein Verwaltungsakt. Auch die Abschaltung der Kernkraftwerke in Bayern hat damit zu tun.

Doch wofür eigentlich Kaliumiodidtabletten? "Die Vorhaltung der Kaliumiodidtabletten ist eine Vorsorgemaßnahme des Zivil- und Katastrophenschutzes für den Fall von ausländischen Reaktorunfällen, für sonstige radiologische Zwischen- und Notfälle etwa beim Transport radioaktiver Stoffe oder vergleichbaren Ereignissen sowie nicht zuletzt für Gefahren und Bedrohungen, die aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen entstehen", erklärt Pressesprecher Manuel Lischka. Durch die Einnahme von Kaliumiodidtabletten werde die Aufnahme von radioaktivem Jod, das bei solchen Szenarien freigesetzt wird, in die Schilddrüse blockiert.

Tatsächlich wurden auch schon früher solche Tabletten für die Bevölkerung vorgehalten. Darüber informiert das Bayerische Innenministerium auf Nachfrage. Damals hat man die vom Bund zur Verfügung gestellten Tabletten jedoch nur für die Menschen in einem Umkreis von 100 Kilometern rund um die bayerischen Kernkraftwerke bevorratet. Wegen der geplanten Abschaltung der Anlagen in Bayern hat der Freistaat beschlossen, stattdessen auf eine flächendeckende Vorhaltung der Kaliumiodidtabletten umzustellen - "nicht nur, aber auch im Hinblick auf die Kriegssituation in der Ukraine", schreibt eine Sprecherin des Ministeriums.

Verteilung dezentralisiert

Diese flächendeckende Verteilung der Tabletten wird nun nicht mehr zentral gesteuert, sondern dezentral über die Landkreise. "Die Kreisverwaltungsbehörden wurden angewiesen, entsprechende Notfallpläne neu zu erstellen", so Lischka. "Damit die Bürger des Landkreises Schwandorf im Ernstfall wissen, was zu unternehmen ist, wurden die Gemeinden angewiesen, die jeweiligen Ausgabestellen gegenüber den Gemeindebürgern zu kommunizieren." Womit man wieder bei den Bekanntmachungen der Kommunen wäre, die derzeit nun nach und nach eintrudeln.

Und so würde es im Ernstfall funktionieren: Nach einer Mitteilung durch das Landratsamt Schwandorf können die Kaliumiodidtabletten an den jeweiligen Ausgabestellen, die von den Kommunen bekanntgegeben worden sind, abgeholt werden. "Zu beachten ist jedoch, dass die Tabletten nach der Abholung nicht direkt einzunehmen sind. Über die Einnahme der Tabletten wird im Ernstfall gesondert informiert", schränkt Landratsamt-Sprecher Manuel Lischka ein.

Für alle bis 45 Jahre

Sollte sich ein nuklearer Notfall ereignen, erhalten alle Landkreisbewohner bis zum Alter von 45 Jahren und auch Schwangere über 45 Jahren eine Schachtel mit vier Tabletten. Zudem werde eine Reserve für Pendler vorgehalten. Personen über 45 Jahren sollen laut einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission keine Kaliumiodidtabletten zur Jodblockade verabreicht bekommen. Denn mit steigendem Lebensalter ist das Risiko von Nebenwirkungen, wie zum Beispiel einer Überfunktion in einer durch Jodmangel vorgeschädigten Schilddrüse, höher als das Risiko, durch die Exposition mit radioaktivem Jod an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, erklärt Lischka weiter.

Von herkömmlichen Jodtabletten, die in Apotheken frei erhältlich sind, unterscheidet die Tabletten, die für den nuklearen Ernstfall vorgehalten werden, ihre höhere Dosis an Kaliumiodid, erklärt die Sprecherin des Innenministeriums weiter. "Wichtig zu wissen ist, dass die Einnahme von hochdosierten Kaliumiodidtabletten ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse schützt, nicht aber vor Strahlung, die auf den Körper von außen einwirkt, oder vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe, die in den Körper aufgenommen worden sind."

Zu Beginn des Angriffskriegs in der Ukraine hatten sich Menschen bereits aus Sorge vor radioaktiver Belastung mit Jodtabletten eingedeckt. Das Bundesumweltministerium wies damals bereits darauf hin, dass von einer selbstständigen Einnahme abgeraten wird. "Eine Selbstmedikation mit hochdosierten Jodtabletten birgt gesundheitliche Risiken, hat aktuell aber keinerlei Nutzen." Denn die Schilddrüse baut im ständigen Wechsel Jod auf und wieder ab. Damit die Jodblockade wirkt und eine Aufnahme von radioaktivem Jod verhindert wird, muss die Einnahme der hochdosierten Tabletten daher genau zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Deshalb erhalten Bürger im Ernstfall auch gesondert noch einmal Informationen zur Einnahme, die nicht unbedingt sofort nach der Abholung erfolgen muss.

Hintergrund:

Kaliumiodidtabletten

  • Funktionsweise: Schilddrüse wird durch die Einnahme hochdosierter Jodtabletten mit Jod blockiert, sodass sich kein radioaktives Jod einlagert
  • Ausgabe: im Ernstfall an Ausgabestellen, die die Kommunen einrichten und deren Standorte sie an die Bürger kommunizieren
  • Information: Auslösung des Sirenensignals "Rundfunkgeräte einschalten und auf Durchsagen achten" (einminütiger auf- und abschwellender Heulton), Hörfunkdurchsagen, Fernseheinblendungen, Cell Broadcast und Warn-Apps machen auf Abholung der Tabletten aufmerksam; gesonderte Information der Mitarbeiter an der Ausgabestelle zur Einnahme
  • Weitere Informationen: von Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz unter www.jodblockade.de
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