14.10.2020 - 14:44 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Wirte bangen vor dem Winter

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Die Gastronomie blickt mit Sorge auf die kalte Jahreszeit. Viele Gäste meiden Innenräume aus Angst vor Corona. Technische Lösungen sollen helfen - oder ganz einfache Handgriffe.

Nur wer sich sicher fühlt, geht gerne ins Wirtshaus. So unternehmen viele Wirte landauf, landab Anstrengungen, um mit technischen Möglichkeiten oder durch Stoßlüftung das Problem der Aerosole in den Griff zu bekommen. Unser Bild zeigt Gäste in der "Hufschmiede" in Schwandorf.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Für kaum eine andere Branche hatte die Corona-Pandemie so gravierende Auswirkungen wie für die Gastronomie. Aufgrund der Abstandsregeln mussten die meisten Gaststätten ihre Kapazitäten reduzieren und boten stattdessen mehr Plätze im Freien an. Jetzt kommt die kalte Jahreszeit und stellt Gastronomen auch im Landkreis Schwandorf vor neue Herausforderungen.

Ein milder Herbst könnte das Problem noch aufschieben, irgendwann aber wird es so weit sein: Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen niedriger, dann verlagert sich auch der Restaurantbetrieb wieder nach drinnen.

Konzept fehlt

Vielen Gastronomen graust es davor längst. Denn der Branche fehlt ein Konzept, wie sie mit den gefährlichen Aerosolen umgehen soll – jenen Mikrotröpfchen, die alle beim Atmen und Sprechen ausstoßen.

"Jeder Betrieb muss bei uns sein eigenes Hygienekonzept ausarbeiten", berichtet Christoph Jakob (Brauereigasthof Jakob, Nittenau). Jakob ist nicht nur Wirt, sondern Mitglied im Kreisvorstand der "Dehoga" (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband), also der Interessenvertretung des Gastgewerbes. Er und seine Wirtekollegen wissen: Die Aerosol-Tröpfchen halten sich in schlecht belüfteten Gastronomieräumen viele Stunden in der Luft. Stammen sie von einem mit dem Coronavirus infizierten Gast, können sie im schlimmsten Fall Dutzende andere Gäste anstecken. Geschieht so etwas oft genug, droht der Branche erneut der komplette Lockdown.

Wir müssen die Freiluftsaison so lange wie möglich ziehen


"Dehoga"-Landesgeschäftsführer Thomas Geppert

Derzeit gibt es wohl zwei Auswege, um die Aerosolgefahr zu reduzieren: Restaurants, die keine moderne Belüftungsanlage besitzen, müssen exzessiv lüften, gegebenenfalls zusätzlich Luftfilter einsetzen. Und sie sollten jene Außenflächen, die im Sommer so beliebt sind, auch im Herbst und Winter ausgiebig nutzen, um die Gäste zu bewirten.

Heizstrahler nutzen

Das empfiehlt auch "Dehoga"-Landesgeschäftsführer Thomas Geppert (München), dem der Landkreis Schwandorf durchaus vertraut ist. "Wir müssen die Freiluftsaison so lange wie möglich ziehen", lautet seine Strategie und er möchte dabei Heizstrahler und Anbauten nutzen. Da sollten auch die Baubehörden mitspielen, wünscht er sich.

Für Gasthäuser, die nicht über eine eigene Belüftungsanlage verfügen, empfiehlt die "Dehoga", CO₂-Messgeräte einzusetzen. Das sind einfache Geräte, die nicht viel mehr kosten als ein Hauptgericht in der gehobenen Gastronomie. Da sich ausgeatmetes CO₂ ähnlich ausbreitet wie Aerosole, seien solche Messwerte ein guter Anhaltspunkt dafür, wie hoch die Konzentration der Aerosole ist. Und wenn das Gerät piept, also Alarm schlägt, sollten die Gäste leicht zu überzeugen sein, dass jetzt einmal kräftig durchgelüftet werden muss.

Belüftungsanlage im Restaurant

"Ich werde mir so ein Gerät zulegen," kündigte Christoph Jakob beispielsweise an. Abgesehen davon verfügt sein Restaurant, wie das von zahlreichen Kollegen, durchaus über eine Belüftungsanlage: "Da wird die Luft nicht umgewälzt, sondern Abluft abgesaugt und Frischluft eingeblasen."

Wir haben eine Belüftungsanlage

Wirt Michael Heumann

Wirt Michael Heumann

Wo die Grenze zu einer gefährlich hohen Konzentration liegt, darüber vermag momentan niemand eine Aussage zu treffen. Virologen wissen nicht, wie viele Coronaviren notwendig sind, um eine Erkrankung auszulösen. Klar ist allerdings: Wenn der Anteil von CO₂ im Raum steigt, sollten die Wirte die Fenster weit aufreißen. Und zwar mindestens alle 20 Minuten, für mehrere Minuten.

Darüber hinaus gilt, was "Dehoga"-Kreisvorsitzender Hubert Obendorfer (Landhotel Birkenhof, Hofenstetten) fordert: "Wir müssen die Abstände in den Griff bekommen." Obendorfer fühlt sich in der aktuellen Situation leicht im Vorteil. Nicht nur, dass seine Gastronomie über Zu- und Abluftsysteme verfügt, "wir haben auch fünf Restaurationsräume". Das sei auf jeden Fall "besser als ein großer".

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Abstände in den Griff bekommen will auch Michael Heumann (Hufschmiede, Schwandorf). Er denkt darüber nach, Plexiglasscheiben anzuschaffen, die von der Decke hängen und die Tische hygienisch trennen. Auch er setzt darauf, dass sein Gastraum über verschiedene, verwinkelt angeordnete Nebenräume verfügt, so dass sich die Gäste räumlich getrennt niederlassen können.

Baulich oft nicht möglich

Heumann führt als Pluspunkt außerdem seine bereits existierende Belüftungsanlage an. Denn moderne Lüftungstechnik in einem alten, fenstergelüfteten Restaurant erst nachrüsten zu müssen, ist kaum realistisch. Das ist häufig baulich nicht möglich oder mit immensen Kosten verbunden. Dafür müssten etwa Rohre an der Decke verlegt werden, die gebrauchte Luft abtransportieren, und solche, die frische Luft in den Raum bringen.

Was alle Wirte bereits spüren, ist eine Zurückhaltung beim Weihnachtsgeschäft. Die beliebten Weihnachtsfeiern von Firmen werden weniger angemeldet. "Das lassen wohl manche aus Sicherheitsgründen ausfallen," mutmaßt Christoph Jakob. Man merke, dass sich die Leute Gedanken machen. Im Biergarten hätten sich seine Gäste heuer wohlgefühlt. Weil er den Winter nutzt, mit der lang geplanten Sanierung seines Brauereigasthofes ernst zu machen, hat er den Restaurantbetrieb zwischenzeitlich in den Wintergarten verlegt. „Ab Mitte oder Ende Oktober stellen wir zusätzlich eine beheizte Hütte im hinteren Biergarten für Feierlichkeiten jeglicher Art und das à la carte Geschäft zur Verfügung.“ So muss auch Jakob darüber nachdenken, wie man die Freiluft-Saison so lange wie möglich ausdehnen kann. Heizpilze, Wärmekissen und Decken bietet er dazu an. Allerdings: "Wenn's wirklich kalt wird, geht keiner raus."

Jeder Betrieb muss bei uns sein eigenes Hygienekonzept ausarbeiten

Wirt Christoph Jakob

Wirt Christoph Jakob

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